Smart City Dortmund
13.05.2020 | Dr. Bernhard Kirchmair

Smart City: Der Weg ist das Ziel

Eine echte Smart City gibt es in Deutschland noch nicht. Ein Gesamtkonzept fehlt und stattdessen konzentrieren sich die bestehenden Projekte auf Teilaspekte wie Mobilität und Bürgerportale. Aber gerade München und Dortmund leisten Pionierarbeit und erzielen erste Erfolge. Diese beiden Beispiele möchte ich Ihnen als positiven Weg in die Zukunft vorstellen.

Eine Smart City birgt einige Vorteile für die Lebensqualität der Bewohner. Schauen wir auf ein Szenario, das in Städten wie Nizza (Frankreich) bereits Realität ist: Müllbehälter melden mittels Sensoren ihren Füllzustand einem Datendienst, der die Touren der Entsorgungsfahrzeuge automatisch plant und optimiert. Das sorgt für bessere Hygiene und erspart sowohl Bürgern, als auch der Verwaltung viel Geld.

Ein anderes Beispiel: Eine Straßenlaterne misst Feinstaubwerte, zählt vorbeifahrende Autos, stellt WLAN bereit und liefert Strom für E-Autos. Sie wird so zu einer voll ausgebauten Service-Station. Straßenlaternen eignen sich als Exempel, weil sie vielerorts ohnehin auf die kostensparende und energieeffiziente LED-Technologie umgerüstet werden.

Alltagserscheinungen, die scheinbar nur zur analogen Welt gehören, werden so zu Multifunktionsgeräten im Internet der Dinge (IoT). Daten lassen sich so erfassen und miteinander vernetzen, um Abläufe zu verbessern und Planungen zu erleichtern. Darauf baut eine Smart City auf, die zu einer höheren urbanen Lebensqualität führen soll.

Fehlende Gesamtkonzepte

Jede Stadt kann zu einer Smart City werden und erheblich profitieren. Überall prägen verstopfte Straßen das Stadtbild und erhöhte Feinstaubwerte oder überforderte Behörden gehören zum Alltag. Digitale Maßnahmen wie Verkehrsflussoptimierung, Parkraummanagement, nachhaltige Mobilitätskonzepte und E-Government können einen substantiellen Beitrag leisten, die bekannten Probleme in Ballungszentren zu lösen und allmählich den Weg zur Smart City zu ebnen.

Fehlende Gesamtkonzepte
Die Gesamtkonzepte fehlen oftmals. Quelle: iStock / Sohl.

Was mir als Chief Data Officer (CDO) bei VINCI Energies dabei auffällt – es fehlen meist die technologischen und organisatorischen Gesamtkonzepte, um die Datenströme zur Verbesserung der städtischen Infrastruktur zu nutzen.

Offene und erweiterbare Datenplattformen bilden die Grundlage für digitale Services innerhalb einer Smart City. Eine robuste Internetversorgung ist die Grundvoraussetzung, damit sich die vorhandene Infrastruktur digital einbinden lässt. Dann laufen Sensorendaten ein und werden auf der Smart-City-Plattform verarbeitet. Bürger und IoT-Geräte können über Augmented Reality, Apps, Info Points, Open Data APIs oder Web-Portale ständig miteinander interagieren. Allerdings müssen dabei bereits in der Konzeptphase der Datenschutz und die Sicherheit angemessen beachtet werden.

München reduziert fossile Brennstoffe

Die Technik ist Mittel zum Zweck. Sicherlich muss jede Stadt ihren eigenen Weg zur Smart City finden, der Standortgegebenheiten und Bürgernähe verbindet. Ich denke, dass hier andere Städte dabei von München und Dortmund gut lernen können. Die bayerische Landeshauptstadt belegt in einem Smart City Ranking der „WirtschaftsWoche“, in Deutschland den dritten Platz hinter Hamburg und Köln.

E-Mobilitätsstationen in München mit "Smarter Together"
Nachhaltige Mobilitätslösungen in München sind Realität geworden. Quelle: iStock / RomanBabakin.

Die Isarmetropole entwickelt nachhaltige Mobilitätslösungen, um Randgebiete besser anzubinden.

Die Münchner Verkehrsgesellschaft (MVG) und die Stadtwerke München (SWM) haben seit Sommer 2018 mit den beiden Förderprojekten „Smarter Together“ und „City2Share“ E-Mobilitätsstationen im Münchner Stadtgebiet geplant und errichtet.

Insgesamt wurden von SWM / MVG gemeinsam mit der LHM in München zwölf E-Mobilitätsstationen umgesetzt, vier in der Ludwigsvorstadt / Isarvorstadt (im Projekt „City2Share“) und acht in Neuaubing-Westkreuz (im Projekt „Smarter Together“). Dort stehen E-Bikes, Lastendreiräder (E-Trikes), MVG-Mieträder und E-Autos des Carsharing-Anbieters STATTAUTO bereit.

Mit Hilfe modernster Technologie und der intelligenten Nutzung von Daten soll der Verbrauch fossiler Brennstoffe in diesem Münchner Stadtteil gesenkt und die Lebensqualität der Bewohner verbessert werden. Die magische Zahl für diesen Bezirk ist „20“: Smarter Together möchte die CO2-Emissionen um mehr als 20% senken, die Nutzung erneuerbarer Energien auf über 20% bringen und die Energieeffizienz um mehr als 20% steigern. Bis 2050 strebt München in Neuaubing-Westkreuz / Freiham CO2-Neutralität an.

Quartiersboxen werden an zwei E-Mobilitätsstationen integriert – einmal in Neuaubing-Westkreuz an der Mobilitätsstation Westkreuz und einmal an der Mobilitätsstation Freienfelsstraße. Der Zugang wird über die München SmartCity App möglich sein. Die Boxen besitzen Raumtemperatur-, Kühl- und Tiefkühlmodule, die Unternehmen genauso wie privaten Nutzerinnen und Nutzern zur Verfügung stehen.

MVG more App
Die App MVG more für neue Wege durch München. Quelle: MVG.

Infostelen mit interaktiven Bildschirmen und die App „MVG more“ zeigen, wie man bequem, umweltfreundlich und unter Nutzung verschiedener Verkehrsmittel rasch an einen gewünschten Ort kommt. Unabhängig von dem EU-Projekt hat München intelligente Lichtmasten installiert, die über Sensoren Umwelt- und Verkehrsdaten liefern.

Dortmund ist die digitalste Stadt Deutschlands

Als zweites fortschrittliches Beispiel für Smart Citys bietet sich Dortmund an. Diese Stadt wurde auch schon von der Stiftung „Lebendige Stadt“ als digitalste Stadt Deutschlands ausgezeichnet. Die Juroren betonten, dass die Westfalenmetropole eine langfristig ausgerichtete Digitalisierungsstrategie entworfen hat, die bereits Projekte im Rahmen dieser Strategie realisiert habe. Die „Allianz Smart City“ vereint 136 Partner aus Verwaltung, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft. Ein Chief Information/Innovation Office (CIO) begleitet die Stadtverwaltung in ihren Aktivitäten und vernetzt verschiedene Stellen.

Was dabei in meinen Augen besonders überzeugt, ist ein virtuelles flächendeckendes 3D-Stadtmodell, das als Basis für künftige digitale Dienste dient, wozu auch der kommunale Daten-Pool, „Smart City HUB & Data Center“, beitragen soll. Bekannte Dienste wie nebenan.de und WeeGe! hat die Stadt in ihre Smart-City-Services integriert.

Die bisher realisierten 20 Projekte decken von intelligenter Parkraumbewirtschaftung über die Ladeinfrastruktur für E-Autos bis hin zu technikunterstütztem Wohnen im Alter viele Lebensbereiche ab.

Smarte Dienste ermöglichen Senioren zuhause zu wohnen

„Smart Service Power“ nennt sich konkret ein Projekt, das hilfebedürftige ältere Menschen unterstützt, die noch zu Hause wohnen möchten. In dem Fall greifen E-Health, Smart Home, AAL (Ambient Assisted Living), Notrufsysteme sowie Pflege- und Concierge-Dienste ineinander. Ein Algorithmus analysiert die Daten und leitet bedarfsgerecht den Smart Service für die betreffenden Menschen ab.

Smart Service Power in Dortmund
Das prämierte Projekt "Smart Service Power" ermöglicht Senioren in Dortmund zuhause zu wohnen. Quelle: VIVAI Software AG.

Das Projekt „Smart Service Power“ der Fachhochschule Dortmund hat 2017 den RegioStars Award 2017 und den Diplomatic Council (DC) Information Society Prize 2017 gewonnen. DC ist ein globales Think Tank und berät die Vereinten Nationen. Den jüngsten Sieg fuhren die Dortmunder mit ihrer „Allianz Smart City“ Mitte Januar bei „Stadt.Land.Digital“ ein. Die Initiative des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie unterstützt Städte und Kommunen bei ihrer Digitalisierung.

Bürokratie als Hindernis für Smart Cities

Diese guten Beispiele dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass in vielen Fällen überbordende Bürokratie ein Hindernis für viele Smart-City-Projekte ist. Die Ausschreibungsmodalitäten sind sehr komplex und passen nicht zu den Realitäten des digitalen Zeitalters. In der Projektkoordination und -kommunikation kann es sowohl intern in der Verwaltung als auch extern mit Partnern oft zu Problemen kommen. Häufig fehlt ein Gesamtverantwortlicher, der frei von politischen Zwängen entscheiden kann.

Zudem ist die Finanzierung ein Hemmnis, das ich immer wieder aus Projekten mitnehme. Es ist schwer, verlässliche Kostenschätzungen abzugeben, denn entweder ist das Geschäftsmodell noch unklar oder es fußt auf Berechnungen, die noch zu viele unbekannte Faktoren enthalten. Auf dieser Grundlage bleibt es unklar, wann sich eine Investition amortisiert. Außerdem treffen häufig Kompetenzlücken und Personalmangel in der Verwaltung auf komplexe Digitalthemen. Im Grunde sehr schade, weil ich oft mit Personen in Projekten zu tun habe, die viel Potenzial und Expertise in ihren jeweiligen Bereichen haben, oftmals aber einfach unterstützendes Personal zur Umsetzung fehlt.

An smarten Vorbildern ausrichten

Am liebsten möchte ich allen Verantwortlichen zurufen: Habt mehr Mut! München und Dortmund machen vor, dass moderne Stadtentwicklung heute interdisziplinäres Denken und Kooperieren erfordert. München ist international besonders gut vernetzt und nutzt das für sich. Der Blick in den Süden und Westen Deutschlands lohnt sich für schnell wachsende Städte. Wichtig ist internationale Kooperation und der Mut, die zahlreichen Fördertöpfe der Europäischen Union und der Bundesregierung anzuzapfen.

An smarten Vorbildern ausrichten
Auch wenn viele Ideen entwickelt werden - Städte werden nur mit ihren Bürgern tatsächlich smarter. Quelle: iStock / moomusician.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass alle Städte vor der Herausforderung stehen, höheres Wirtschaftspotenzial mit besserer Lebensqualität zu vereinen – heute mehr denn je. München liefert den Balanceakt, der sich auf andere Kommunen übertragen lässt. Aus Dortmund kommt die Blaupause, wie ein eigenes Projektbüro die Smart-City-Aktivitäten bündelt und steuert.

Exzellent gelingt so auch das Einbinden der lokalen Firmen – und der Bürger. Diese müssen Pilotprojekte hautnah erleben und dabei mitwirken.

Erst dadurch baut sich tatsächlich Vertrauen auf, dass der digitale Fortschritt ihr Leben verbessert. Denn Städte werden nur mit ihren Bürgern tatsächlich smart und lebenswerter.

 

Quelle Titelbild: iStock / RameoArt

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