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04.06.2020 | Dr. Bernhard Kirchmair

Startups: 6 Tipps für die Krise und darüber hinaus

Eine Krise ist für Startups eine gewaltige Herausforderung. Dr. Bernhard Kirchmair, Chief Digital Officer (CDO) bei VINCI Energies DACH & Europe East, gibt sechs hilfreiche Tipps, wie Startups gestärkt aus dieser Situation herauskommen. 

Die aktuelle COVID-19-Situation ist für zahlreiche Branchen in Deutschland ein ernstes Problem. Sparen ist angesagt und Projekte werden verschoben oder gestrichen. Deswegen brechen bei Startups die Aufträge weg, die Fixkosten für Personal, Infrastruktur und Miete laufen aber weiter.

Diese schwierige Situation wird noch verschärft dadurch, dass häufig Projekte spontan angegangen werden. In guten Zeiten haben Startups oft darauf verzichtet, einen Vertrag und ein Lastenheft aufzusetzen, bevor das Projekt beginnt. Als junge Wilde haben sie darauf vertraut, dass nichts schief geht und keinen Gedanken an das Thema Krisenmanagement verschwendet.

Innovative Querdenker setzen sich mit einer Challenge wie einem Kundenproblem auseinander und entwickeln drauflos, im Vertrauen darauf, dass am Ende die Rechnung bezahlt wird. Aber die Kunden zahlen oft erst, wenn das Projekt tatsächlich abgeschlossen ist. Dazu kommt, dass im Moment vieles auf Eis gelegt oder gestoppt wird.

Aktuell heißt es: Krisenmanager, nicht Erfolgsmanager

Das größte Problem für viele Startups ist die Koordination von dem ungewohnten Zustand und das fehlende Wissen: Wie gehe ich mit der Krise um? Wir haben oft das Feedback bekommen das viele Startups, die in den letzten 5 Jahren gegründet wurden, erfolgsverwöhnt sind. Finanzierung waren nie ein Problem, es ging immer Berg auf und Kunden acquirieren war für die Meisten kein Problem, wenn die Startup-Lösung überzeugend war. Durch die Krise wurden viele Gründer vom erfolgreichen Unternehmensmanager plötzlich zum Krisenmanager.

Hierfür möchte ich euch mit meinen Erfahrungen von anderen Startups und unserem Ökosystem zur Seite stehen. Aus der Situation lassen sich einige Ratschläge ableiten. Dabei geht es zum einen darum, wie Startups sich in der aktuellen Situation selbst helfen können, aber auch darum, dass betroffene Startups Vorgehensweisen und Schritte lernen, um in Zukunft besser abgesichert zu sein.

Tipp 1: Den Papierkram erledigen

Was Startups aktuell wirklich lernen können: Vor Projektstart auf schriftlichen Verträgen bestehen. Der bürokratische Akt, sprich Papierkram wie Verträge, Lastenhefte, Absprachen und Co. Benötigen viel Zeit und Detailgenauigkeit und machen zudem den wenigsten Spaß. Aber durch einen Vertrag beispielsweise ist der Kunde an gewisse Zeitlinien gebunden und kann davon auch nicht ohne driftigen Grund abspringen. So sind Startups etwas mehr abgesichert, wenn in Zukunft eine ähnliche Situation auftritt.

Tipp 2: Krisenmatrix aufstellen

Das Beste, um aus einer Krisensituation zu kommen, ist zu verstehen, in welcher Situation man sich überhaupt befindet und welche Phasen noch auf einen zukommen. Dabei geht es um Fragen wie:

  • Welche Phasen sind für mich kritisch?
  • Was wäre geschäftsgefährdend?
  • Wo spüre ich einen Rückgang, welcher ist vertretbar, welcher allerdings geschäftsgefährdend?

Durch eine Krisenmatrix clustert ihr euer Unternehmen und die verschiedenen Bereiche in Phasen und gebt an, was passieren kann und wie ihr darauf reagieren könnt.

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Quelle: VINCI Energies, Webinarreihe für Startups zum Thema Krisenzeiten

So entsteht eine Strategie, die auch in Zeiten von Krisen gefahren werden kann. Mit einer Matrix, wie hier als Beispiel, könnt ihr euch kommunikations– und managementseitig gut vorbereiten und müsst im Ernstfall nur noch die Antwort aus der Schublade ziehen. Meiner Meinung nach, die wichtigste und erste Aufgabe von jedem Startup zu Beginn einer Krise.

Tipp 3: Interne und externe Kommunikation fördern

Als nächstes ist bessere Kommunikation gefragt. Startups nehmen sich beim Aufbau häufig das Marketing als letzten Punkt vor und verlassen sich auf die direkte Ansprache der Kunden. Das Thema Krisenkommunikation stand bis dato überhaupt nicht im Fokus. Aber auch hier ist eine Strategie, die am besten das ganze Startup umfasst, unglaublich wichtig.

Die Kommunikation mit Stakeholdern und den eigenen Mitarbeitern darf nicht vergessen werden, um einerseits Bedenken zu nehmen und anderseits Transparenz zu schaffen. Seid offen und zögert nicht, Probleme anzusprechen, wenn es beispielsweise im Supply-Chain zu Verzögerungen kommt. Transparenz ist wichtig.

Statement auf der Website oder den FAQ

Um Authentizität aufrecht zu erhalten, hilft es zum Beispiel auf der Startseite der Webseite ein Statement zu verfassen. In diesem berichten ihr, wie die Situation für euer Startup ist und wie ihr damit umgeht.

Für Kunden und Partner kann es auch Sinn machen ein Frequently Asked Questions (FAQ)-Bereich einzurichten, damit diese sofort ein Update zu Ihrem Projekt/Produkt einsehen können, wie z.B. „Es verzögert sich die Lieferzeit“. So hält man sich Anfragen gering und steigert die Effizienz der Arbeit. Ein Beispiel für eine hervorragende FAQ-Site ist die von Flixbus.

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Quelle: flixbus.de

Tipp 4: Das liebe Geld

Der nächste wichtige Punkt ist die Finanzierung. Mittlerweile sind viele Venture Capital Unternehmen vorsichtig geworden. Zwar werden die geplanten Finanzierungen meist noch durchgezogen, aber sonst ist Zögern angesagt, weil niemand weiß, wie lange die Krise andauert.

Immerhin sind Bundes- und Landesregierungen und die EU in der COVID-19-Krise mittlerweile aktiv geworden und stellen Finanzmittel für Startups bereit. Auch wenn diese relativ klein sind, wie Martin Buhl richtig in einem LinkedIn-Post feststellt. Aber es ist ein guter Start und eine wichtige Möglichkeit für viele Startups.

Informationen über Finanzmittel findet Ihr z. B unter „Deutschland startet“ oder beim Bundeswirtschaftsministerium sowie bei der EU und den jeweiligen Bundesländern. Wertvolle Hinweise findet Ihr auch auf der Site „Startups against Corona“.

Es ist wichtig, hier ein Benchmarking durchzuführen. Einige der vielen unterschiedlichen Initiativen widersprechen sich nämlich und Ihr könnt nicht parallel darauf zugreifen. Prüft, ob für Euch eher ein Kredit in Frage kommt oder Gelder, die nicht zurückerstattet werden müssen. Das hängt von Eurer Liquiditätssituation ab.

Schreckt nicht davor zurück, Anträge zu stellen, auch wenn diese kompliziert sind und auch hier das Ausfüllen Zeit und Nerven kostet. Manchmal wird sogar ein Business Plan verlangt. Es ist sinnvoll, einen Steuerberater hinzuziehen, der Erfahrung mit Fördergeldern hat. Stellt Eure Anträge frühzeitig, weil es aktuell zu langen Wartezeiten kommen kann. Rechnet mit mindestens vier Wochen.

Tipp 5: Kurzarbeit als Option sehen

Trotz aller Fördergelder ist Kurzarbeit manchmal unvermeidbar. Prüft kritisch, wie es mit der Auslastung jedes Mitarbeiters aussieht. Wenn Ihr Eure Mitarbeiter zu 100% auslasten könnt, sprich Sie haben 100% Aufträge und auch 100% bezahlte Aufträge, dann ist die Antwort recht klar: keine Kurzarbeit. Wenn aber Projekte angehalten sind und man zwar weiterarbeiten könnte, aber kein bezahltes Projekt dahinter steckt, dann sollte man sich hier bezüglich Kurzarbeit Gedanken machen. Macht Euch eine Liste: Wie ist die prozentuale Auslastung eines jeden Teammitglieds?

Der ITK-Branchenverband Bitkom hat übersichtlich dargestellt, was man zur Frage Kurzarbeit beachten sollten und wie man einen Antrag stellt. Dort findet Ihr auch einen digitalen Assistenten, der Euch beim Ausfüllen hilft.

Schreibkram ist zwar lästig, aber Ihr dürft die Bürokratie nicht vernachlässigen, sonst kann Euch das auf die Füße fallen. Und vergesst nicht, dass Ihr als Geschäftsführer das Geld für den Lohn zunächst vorstrecken müsst und vielleicht erst im Herbst oder Winter die Zahlung von der Arbeitsagentur zurückerhaltet.

Ein letzter Tipp zum Thema Kurzarbeit: Sprecht auch hier mit Eurem Steuerberater. So vielen Unternehmen Kurzarbeit zwar gerade die Existenz sichert, es gibt auch einige die sich mit dieser Maßnahme sanieren möchten. Viele Steuerberater warnen, dass zweitere Gruppe die Unterstützungsleistungen wieder zurückerstatten müssen, was einen hohen, kurzfristigen Kapitalbedarf erfordert.

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Startups können die aktuelle Situation auch als Chance sehen, eine neue Zielgruppe zu erreichen. Quelle Bild: iStock/marrio31

Tipp 6: Chancen nutzen

Und zum Schluss: Bleibt optimistisch. Jede Krise ist auch eine Chance. Wenn Ihr kreativ seid und Eure Produkte und Dienstleistungen neu denkt, werdet ihr am Ende erfolgreich sein. Passt euch der aktuellen Situation an. Viele Startups in meinem Umfeld haben damit bereits begonnen und neue Lösungen entwickelt:

Ein Startup aus dem Smart City-Bereich stellt Dashboards für Bürgermeister und Verwaltungsleiter her, damit diese sehen, wie die Kindergärten und die Struktur in der Stadt ausgelastet sind. Das Startup hat ihr Produkt jetzt umgedacht und in ein Covid-19-Dashboard umgewandelt, an dem man sehen kann, wie viele Krankheitsfälle es in seinem Kreis gibt, in welchen Ortschaften sich diese befinden, damit die Bürger_innen einen besseren Überblick haben.

Ein anderes Startup, hat die eigene Bilderkennungs-Software, die sie ursprünglich für die Industrie entwickelt haben, so weiterentwickelt, dass diese nun erkennt, wer eine Schutzmaske trägt und wer nicht. Das Ganze läuft DSGVO-konform und schützt damit auch die personenbezogenen Daten von Bürger_innen. Supermärkte in Österreich setzen diese Lösung beispielsweise bereits ein, um festzustellen, wie hoch der Bedarf ist am Eingang zusätzliche Masken zu verteilen.

Neue Produkte bedeuten neue Zielgruppen. Erweitert Euer Netzwerk und geht aktiv auf bestehende und neue Kunden zu. Engagiert euch in Verbänden wie dem Bundesverband Deutsche Startups e.V., der gute Lobbyarbeit leistet, und unterstützt Petitionen wie die von Open Petition.

 

Quelle Titelbild: iStock / marchmeena29

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