03.06.2026
6 Min. Lesezeit

Am 3. Juni 2026 hat die EU-Kommission den Cloud and AI Development Act vorgeschlagen, und damit eine Frage aus den Strategiefolien in die Vergabeakte verschoben. Künftig sollen öffentliche Auftraggeber den Union added value als Kriterium werten, das nicht über den Preis läuft. Souveränität wird vom Argument zur Anforderung. Für Vorstände heißt das eine sehr konkrete Frage: Hält der bestehende Hyperscaler-Vertrag einer vierstufigen Souveränitäts-Klassifizierung stand, oder braucht das Unternehmen einen Ausstiegspfad?

Das Wichtigste in Kürze

  • Souveränität wird Vergaberecht. Der CADA-Vorschlag verpflichtet öffentliche Auftraggeber, den Union added value als nicht-preisliches Kriterium zu berücksichtigen. Bauchgefühl wird durch ein prüfbares Raster ersetzt.
  • Ein Rahmen statt vieler Insellösungen. Der geplante vierstufige Prüfrahmen soll nationale Souveränitäts-Programme und Sektorvorgaben in einem EU-weiten Maßstab bündeln.
  • Die Vorstandsaufgabe ist jetzt. Wer öffentliche Aufträge bedient oder von Kunden aus regulierten Branchen abhängt, sollte Vertragsklassifizierung und Ausstiegsfähigkeit vor dem nächsten Beschaffungszyklus klären.

Verwandt:Cloud-Souveränität wird Vorstandssache  /  Souveränität schlägt Preis: das neue Vergabe-Signal

Souveränität bekommt einen prüfbaren Maßstab

Lange war digitale Souveränität ein politisches Bekenntnis. Mit dem Cloud and AI Development Act wird sie zu Recht. Der Vorschlag führt ein einheitliches, EU-weites Bewertungsraster für die Souveränität von Cloud- und KI-Diensten ein und koppelt es an einen Mechanismus, der die öffentliche Beschaffung in Richtung konformer Anbieter lenkt. Das Neue ist nicht die Idee, sondern ihre Verbindlichkeit.

Was ist der Union added value? Der Union added value ist ein Bewertungskriterium, das misst, wie stark ein Anbieter zur europäischen Technologie-Lieferkette beiträgt: durch in der EU entwickelte Technologien, durch Innovation innerhalb der EU oder durch Hardware-Komponenten, die in der EU entworfen oder gefertigt werden. Öffentliche Auftraggeber müssen diesen Beitrag künftig als nicht-preisliches Kriterium gewichten.

Für Anbieter verschiebt das die Wettbewerbslogik. Der günstigste Anbieter gewinnt nicht mehr automatisch, wenn ein Wettbewerber in der Souveränitäts-Bewertung deutlich höher liegt. Das verändert Ausschreibungen im öffentlichen Sektor und strahlt von dort in regulierte Branchen aus.

4 Stufen
umfasst der EU-weite Souveränitäts-Prüfrahmen, das der CADA-Vorschlag erstmals einheitlich vorsieht. Die genaue Ausgestaltung kann sich im Gesetzgebungsverfahren noch ändern.
Quelle: CADA-Vorschlag der EU-Kommission, Juni 2026

Hält Ihr Hyperscaler-Vertrag der Klassifizierung stand?

Die operative Konsequenz beginnt im Vertrag, nicht im Leitbild. Wenn die Souveränitäts-Einstufung eines Anbieters über den Zuschlag mitentscheidet, wird sie zu einem Risikofaktor für jeden, der von diesem Anbieter abhängt. Ein Unternehmen, das öffentliche Aufträge bedient oder Kunden in regulierten Branchen hat, dürfte das Einstufungsrisiko seiner Cloud-Lieferanten faktisch miterben.

Die nüchterne Frage für die Geschäftsleitung lautet deshalb: In welche Stufe fällt mein aktueller Hyperscaler, und was passiert mit meiner Wettbewerbsfähigkeit, wenn er dort bleibt? Wer darauf keine belastbare Antwort hat, steuert seine Cloud-Strategie weiter nach Preis und Funktion, während sich das Bewertungsfeld unter ihm verschiebt.

Was die Geschäftsleitung jetzt vorbereitet

Aus der Regulierung wird erst dann ein Vorteil, wenn man früh handelt. Drei Schritte sind unabhängig vom finalen Gesetzestext sinnvoll, weil sie ohnehin die Resilienz erhöhen.

Erstens die Bestandsaufnahme: Welche kritischen Workloads liegen bei welchem Anbieter, und wie würde dieser in einem vierstufigen Raster eingestuft? Zweitens die Ausstiegsfähigkeit: Lassen sich diese Workloads mit vertretbarem Aufwand verlagern, oder besteht ein faktischer Lock-in? Drittens die Vertragsverhandlung: Souveränitäts- und Portabilitätszusagen gehören in die nächste Verhandlungsrunde, nicht in den Notfallplan.

Keiner dieser Schritte verlangt, dass das Gesetz schon in Kraft ist. Sie verschaffen Vorlauf, falls es kommt, und kosten wenig, falls es sich verzögert.

Fahrplan CADA
03.06.2026
EU-Kommission legt den CADA-Vorschlag vor, inklusive Souveränitäts-Framework und Beschaffungsmechanismus.
danach
Gesetzgebungsverfahren mit Parlament und Rat, in dem sich Stufen und Pflichten noch verändern können.
5 bis 7 Jahre
erklärtes Ziel, die EU-Rechenzentrumskapazität zu verdreifachen, flankiert durch beschleunigte Genehmigungen.

Häufig gestellte Fragen

Was ist der Cloud and AI Development Act?

Der CADA ist ein am 3. Juni 2026 von der EU-Kommission vorgeschlagenes Gesetz, das ein EU-weites Souveränitäts-Bewertungsraster für Cloud- und KI-Dienste einführt und die öffentliche Beschaffung an dieses Raster koppelt. Es soll digitale Souveränität von der Absichtserklärung zu verbindlichem Vergabe- und Infrastrukturrecht machen.

Was bedeutet Union added value in der Vergabe?

Union added value ist ein nicht-preisliches Kriterium, das den Beitrag eines Anbieters zur europäischen Technologie-Lieferkette bewertet, etwa durch in der EU entwickelte Technologie, Innovation in der EU oder EU-gefertigte Hardware. Öffentliche Auftraggeber müssen es künftig neben dem Preis gewichten.

Betrifft CADA nur den öffentlichen Sektor?

Die Beschaffungspflicht greift direkt im öffentlichen Sektor. Mittelbar betrifft sie aber jedes Unternehmen, das öffentliche Aufträge bedient oder Kunden in regulierten Branchen hat, weil sich die Souveränitäts-Einstufung der Cloud-Anbieter auf die gesamte Lieferkette auswirkt.

Was ist mit der vierstufigen Klassifizierung gemeint?

CADA sieht einen vierstufigen Souveränitäts-Prüfrahmen vor, das die Souveränität von Cloud- und KI-Diensten in einem einheitlichen Maßstab einordnet. Es ersetzt die bisher fragmentierten nationalen Programme und Sektorvorgaben durch eine gemeinsame EU-Bewertung.

Was sollten Vorstände jetzt konkret tun?

Drei Schritte ohne Abwarten auf den finalen Text: kritische Workloads und ihre Anbieter erfassen, deren Verlagerbarkeit und Lock-in-Risiko bewerten und Souveränitäts- sowie Portabilitätszusagen in die nächste Vertragsrunde aufnehmen. Diese Schritte erhöhen die Resilienz unabhängig vom Gesetzgebungstempo.

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