Made for Germany: Was 735 Milliarden wert sind
Eva Mickler
7 Min. Lesezeit 735 Milliarden Euro. Die Initiative Made for Germany hat eine Zahl in die Welt gesetzt, ...
Die Standortdebatte kreist um Energiepreise, Steuern, Bürokratie und Fachkräftemangel. Christian Uhl, CEO der enthus GmbH, argumentiert im Gastkommentar, warum der stärkste Hebel für den Mittelstand im eigenen Maschinenraum liegt: Produktivität.
Das Wichtigste in Kürze
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Kaum eine wirtschaftspolitische Debatte wird derzeit so verlässlich geführt wie die um den Standort Deutschland. Energiepreise, Steuerlast, Bürokratie, Fachkräftemangel: Die Diagnose ist über alle Lager hinweg erstaunlich einig. Das ifo-Institut erwartet für 2026 ein Wachstum von rund 0,8 Prozent. KPMG überschreibt seinen aktuellen Standortreport mit „Zwischen hohem Reformdruck und starkem Fundament”. Der Befund stimmt.
Mich beschäftigt etwas anderes: Fast alles, worüber wir reden, liegt außerhalb des Einflussbereichs des einzelnen Unternehmens. Energiekosten, Steuersätze, Genehmigungsverfahren: Das sind Rahmenbedingungen, die in Berlin und Brüssel gesetzt werden. Die Standortdebatte macht den Mittelstand damit unausgesprochen zum Wartenden.
Das ist die teuerste Haltung, die man gerade einnehmen kann.
Was ist Produktivitätsmodernisierung? Produktivitätsmodernisierung bedeutet, bestehende Arbeit so zu organisieren, dass dieselben Teams mehr Wertschöpfung schaffen können. Im Mittelstand betrifft das vor allem klare IT-Architektur, weniger manuelle Routine, bessere Datennutzung und KI-Prozesse mit messbarem Ergebnis.
Wettbewerbsfähigkeit hat zwei Seiten. Die eine ist die Kostenseite. Sie ist tatsächlich überwiegend extern bestimmt. Die andere ist die Produktivitätsseite. Und die liegt fast vollständig im eigenen Haus.
Deutschland hat ein Kostenproblem. Es hat zugleich ein Produktivitätsproblem. Die betriebliche Leistung je Arbeitsstunde stagniert seit Jahren. Diesen Teil der Gleichung löst kein Gesetz. Jede Organisation muss ihn für sich bearbeiten. Genau hier liegt der Hebel, den der Mittelstand selbst in der Hand hält. Er steht in keinem Koalitionsvertrag, weil er im Maschinenraum der Unternehmen liegt.
In unseren Mittelstandsprojekten sehen wir drei Felder, auf denen dieser Hebel konkret wird. Dafür muss niemand auf eine Reform warten.
Erstens: Architektur statt Flickwerk. In vielen Mittelständlern ist die IT über zwanzig Jahre gewachsen. Schicht über Schicht, jede Lösung für sich sinnvoll, das Ganze ein Bremsklotz. Jede Insellösung kostet Betrieb, jede Schnittstelle kostet Pflege, jede Sonderlocke kostet Tempo. Eine konsolidierte, moderne Architektur ist keine Technikspielerei. Sie ist die direkteste Form von Kostensenkung, die ein Unternehmen selbst beschließen kann. Und das gilt nicht nur für die IT.
Zweitens: Automatisierung der Routine. Dem deutschen Arbeitsmarkt fehlen laut Bitkom rund 109.000 IT-Fachkräfte. Tendenz steigend. Wer in dieser Lage Routinevorgänge weiter von Menschen erledigen lässt, die anderswo dringender gebraucht werden, verschenkt zweimal: Produktivität und knappe Köpfe. Automatisierung ist hier kein Rationalisierungsprogramm gegen die Belegschaft. Sie hält Aufgaben am Laufen, die sonst liegen bleiben.
Drittens: KI pragmatisch, nicht als Folie. Die wirtschaftliche Wirkung von KI im Mittelstand entsteht durch wenige, klar gerechnete Anwendungsfälle mit messbarem Ergebnis. Die Frage lautet nicht, ob man KI „macht”. Sie lautet, welcher konkrete Prozess morgen messbar schneller oder günstiger wird.
Ich will nicht missverstanden werden. Niedrigere Energiekosten und weniger Bürokratie sind richtig und nötig. 2026 bewegt sich hier einiges, von der Entlastung bei den Netzentgelten bis zur Investitionsoffensive des Bundes. Das Investitionsklima ist aus meiner Sicht besser als die Stimmung.
Aber genau deshalb lohnt der nüchterne Blick: Öffentliche Investitionsprogramme erreichen zuerst Infrastruktur, Großindustrie und ausgewählte Technologiefelder. Über Fonds erreichen sie ab und an auch einzelne Mittelstandsinvestitionen. Die alltägliche Produktivitätsmodernisierung der breiten Basis aber wird nicht zugeteilt. Sie wird gehoben oder bleibt liegen.
Damit das gelingt, braucht es eine Verschiebung, die weniger mit Technik zu tun hat als mit Führung: Digitalisierung muss als Produktivitätsfrage der Geschäftsleitung behandelt werden. Sie darf nicht als Beschaffungsthema der IT-Abteilung hängen bleiben. Solange die Modernisierung der eigenen Wertschöpfung als Kostenposten verbucht wird und nicht als das, was sie ist, bleibt der Hebel ungenutzt: die wirksamste verfügbare Standortreform.
Die Standortdebatte wird weitergehen. Das sollte sie auch. Aber während wir über die Bedingungen streiten, die andere setzen, lohnt eine Frage an das eigene Haus: Wer bei uns verantwortet eigentlich die Produktivität, nicht nur das nächste Tool?
Wer darauf keine klare Antwort hat, hat sein größtes Standortproblem nicht in Berlin. Er hat es übersehen.
Christian Uhl ist CEO der enthus GmbH. Das Unternehmen begleitet mittelständische Unternehmen, Gesundheitseinrichtungen und öffentliche Organisationen bei Architektur, Automatisierung und der wirtschaftlichen Nutzung von KI.
Kosten wie Energiepreise oder Steuern werden politisch beeinflusst. Produktivität entsteht dagegen im Unternehmen selbst, etwa durch klare Prozesse, moderne Architektur und Automatisierung.
KI entfaltet wirtschaftliche Wirkung, wenn sie an konkrete Prozesse gekoppelt wird. Entscheidend ist ein messbares Ergebnis, etwa weniger Durchlaufzeit oder geringere Prozesskosten.
Sie gehört in die Geschäftsleitung. IT kann umsetzen, doch Priorisierung, Investitionslogik und Zielbild sind Führungsaufgaben.
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