06.08.2025

3 Min. Lesezeit

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Composable Enterprise ersetzt monolithische IT durch modulare Bausteine, die sich flexibel kombinieren und austauschen lassen.
  • Gartner prognostiziert, dass Unternehmen mit Composable-Architektur neue Features 80 Prozent schneller ausrollen als ihre Wettbewerber.
  • Packaged Business Capabilities (PBCs) und API-first-Design sind die technischen Grundpfeiler des Ansatzes.
  • Der Einstieg gelingt über ein Strangler-Fig-Pattern: Monolithen nicht ersetzen, sondern schrittweise durch modulare Komponenten ergänzen.
  • Für CIOs bedeutet Composable nicht mehr Komplexität, sondern weniger Abhängigkeit von einzelnen Anbietern und schnellere Time-to-Value.

Jeder CIO kennt das Szenario: Ein neues Geschäftsmodell erfordert eine technische Anpassung — und die IT-Abteilung sagt, das dauere 18 Monate. In einer Welt, in der sich Marktbedingungen in Wochen ändern, ist das ein Todesurteil.

 

Das Composable Enterprise ist die architektonische Antwort auf dieses Problem. Statt monolithischer Systeme, die bei jeder Änderung komplett angefasst werden müssen, setzt es auf modulare Bausteine, die sich wie Lego-Steine kombinieren, austauschen und skalieren lassen. Die Idee ist nicht neu — aber die Werkzeuge sind es.

 

Das Ende des Monolithen

Monolithische ERP-Systeme, die vor 15 Jahren State of the Art waren, werden zum strategischen Risiko. Sie sind schwer zu warten, teuer zu aktualisieren und unfähig, mit der Geschwindigkeit des Business mitzuhalten.

Das Problem ist nicht die Technologie selbst — SAP, Oracle und Microsoft bauen gute Software. Das Problem ist die Architektur: Ein System, das alles kann, kann nichts schnell ändern. Jede Modifikation beeinflusst potenziell das gesamte System, jedes Update erfordert umfangreiche Regressionstests.

Das Composable Enterprise löst dieses Problem durch Entkopplung. Geschäftsfunktionen werden in eigenständige Bausteine zerlegt — sogenannte Packaged Business Capabilities (PBCs) — die über APIs kommunizieren, aber unabhängig voneinander entwickelt und deployed werden können.

 

Packaged Business Capabilities in der Praxis

PBCs sind mehr als Microservices mit Marketing-Label. Sie kapseln eine vollständige Geschäftsfähigkeit — beispielsweise Zahlungsabwicklung, Bestandsmanagement oder Kundenkommunikation — inklusive Daten, Logik und API-Schnittstellen.

Der Unterschied zum klassischen API-Ansatz: PBCs sind sofort einsatzfähig und austauschbar. Wenn der Zahlungsdienstleister gewechselt werden muss, tauscht man den PBC aus — ohne dass das Bestellsystem, die Buchhaltung oder das Reporting davon betroffen sind.

In der Praxis zeigt sich das bei Unternehmen wie IKEA, das seinen E-Commerce auf ein Composable-Modell umgestellt hat. Neue Ländershops können innerhalb von Wochen statt Monaten gelauncht werden, weil die Bausteine bereits existieren und nur neu konfiguriert werden müssen.

 

Der Einstieg: Strangler Fig statt Big Bang

Der größte Fehler bei Composable-Initiativen ist der Versuch, alles auf einmal zu ersetzen. Die bessere Strategie heißt Strangler Fig Pattern — benannt nach tropischen Würgefeigen, die ihren Wirtsbaum langsam umwachsen.

Der Ansatz: Identifiziere die Geschäftsfunktion mit dem höchsten Änderungsdruck. Extrahiere sie als eigenständigen PBC. Verbinde sie über APIs mit dem bestehenden Monolithen. Wiederhole den Prozess.

Nach 12 bis 18 Monaten sind die kritischsten Funktionen modular, während der Kern des alten Systems weiter stabil läuft. Der Vorteil gegenüber einem Big-Bang-Ansatz: Das Risiko verteilt sich auf viele kleine Schritte statt auf einen großen Knall.

 

Was CIOs jetzt entscheiden müssen

Composable Enterprise ist keine Technologie-Entscheidung, sondern eine Organisationsentscheidung. Sie erfordert Teams, die eigenständig arbeiten, APIs als Produkte behandeln und Verantwortung für den gesamten Lebenszyklus eines PBC übernehmen.

Drei strategische Fragen für die nächste Vorstandssitzung: Erstens, welche Geschäftsfunktionen bremsen uns aktuell am stärksten? Zweitens, welche Abhängigkeiten von einzelnen Anbietern sind strategisch riskant? Drittens, haben wir die Teamstruktur, die ein modulares Arbeitsmodell unterstützt?

Die ehrliche Antwort auf die dritte Frage entscheidet über Erfolg oder Scheitern. Composable Enterprise ohne organisatorische Entkopplung ist wie ein Sportwagen mit angezogener Handbremse.

 

Häufige Fragen

Ist Composable Enterprise nur ein neues Wort für Microservices?

Nein. Microservices sind eine technische Implementierung, Composable Enterprise ist eine Geschäftsstrategie. PBCs können intern auf Microservices basieren, aber sie kapseln eine vollständige Geschäftsfähigkeit — nicht nur einen technischen Service. Der Fokus liegt auf Business-Agilität, nicht auf technischer Architektur.

Wie teuer ist der Umstieg?

Die Initialkosten liegen typischerweise bei 10 bis 20 Prozent über einem vergleichbaren Monolith-Upgrade. Der Break-even kommt nach 18 bis 24 Monaten durch schnellere Feature-Zyklen, geringere Wartungskosten und reduzierte Vendor-Lock-in-Kosten. Langfristig spart Composable signifikant.

Welche Unternehmen profitieren am meisten?

Unternehmen mit hohem Änderungsdruck: E-Commerce, Finanzdienstleistungen, Medien, und jedes Unternehmen, das in mehreren Märkten operiert. Je häufiger Geschäftsanforderungen sich ändern, desto größer der Vorteil modularer Architektur.

Brauche ich dafür ein Platform-Engineering-Team?

Ja, ab einer gewissen Größe. Platform Engineering stellt die gemeinsame Infrastruktur bereit, auf der PBC-Teams eigenständig arbeiten können. Für den Einstieg reicht ein kleines Team von drei bis fünf Personen, das API-Gateway, Monitoring und Deployment-Pipelines verantwortet.

Kann ich SAP und Composable Enterprise kombinieren?

Ja. SAP unterstützt mit der Business Technology Platform und dem Clean-Core-Ansatz explizit eine Composable-Strategie. Erweiterungen werden als eigenständige Module auf der BTP gebaut, statt den SAP-Kern zu modifizieren. Das ist der empfohlene Weg für SAP-Kunden.

 

Quelle des Titelbildes: Unsplash / Shubham Dhage

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