Warum Startups trotz Milliarden Kunden verlieren
Bernhard Liebl
7 Min. Lesezeit Drei von vier deutschen Startups verdienen ihr Geld mit Unternehmenskunden. Gleichzeitig ...
42,9 Prozent der deutschen Haushalte haben inzwischen einen Glasfaseranschluss oder können ihn kurzfristig bekommen. Für Gewerbegebiete gibt es keine vergleichbare Zahl – die Bundesnetzagentur zählt Haushalte, nicht Produktionshallen. Wer als CIO auf den öffentlichen Ausbau am eigenen Standort wartet, wartet auf eine Statistik, die den eigenen Standort gar nicht erfasst.
Das Wichtigste in Kürze
Verwandt:5G-Campus-Netze: Bundesnetzagentur vergibt 465 Frequenzen / Glasfaser-Konsolidierung zwingt CIOs zur Neupositionierung
Was ist der Gewerbegebiete-Blindspot? Öffentliche Ausbaustatistiken wie das Gigabit-Grundbuch der Bundesnetzagentur erfassen fast ausschließlich Haushaltsanschlüsse. Produktions-, Lager- und Vertriebsstandorte in Gewerbegebieten tauchen darin nicht als eigene, verlässlich gemessene Kategorie auf – Entscheider erfahren die Anbindungsqualität ihres Standorts erst, wenn sie selbst beim Netzbetreiber anfragen.
Die Zahlen zum Haushaltsausbau sind auf den ersten Blick beeindruckend. Laut BREKO-Marktanalyse 2025 waren zur Jahresmitte 52,8 Prozent der deutschen Haushalte mit Glasfaser erreichbar, 27,3 Prozent hatten tatsächlich einen aktiven Anschluss. Die Bundesnetzagentur kommt mit einer strengeren Methodik für denselben Zeitraum auf 42,9 Prozent verfügbare FTTB-/FTTH-Anschlüsse – ein Plus von 7,2 Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Nach der BREKO-Zählweise (Homes Passed) gilt das Zwischenziel der Gigabitstrategie von 50 Prozent Verfügbarkeit bis Ende 2025 als erreicht, nach der strengeren BNetzA-Zählweise noch nicht ganz.
Nur: Diese Statistik beantwortet keine einzige Frage zur Anbindung eines Logistikzentrums am Stadtrand oder einer Produktionshalle im Gewerbepark. Der Ausbau ist historisch haushaltsfokussiert gewachsen, weil die Förderlogik an Wohneinheiten hängt. Ein Unternehmensstandort mit zehn Beschäftigten zählt in keiner der beiden Kennzahlen.
Die Zahl, die CIOs unterschätzen
64,5 Prozent. So viele Industrieunternehmen berichten laut einer IW-Köln-Erhebung unter gut 1.000 Betrieben von regelmäßigen Beeinträchtigungen ihrer Geschäftsabläufe durch die eigene Kommunikationsnetz-Infrastruktur – bei 30,7 Prozent sind die Beeinträchtigungen deutlich spürbar.
Laut BREKO verlangsamt sich die Ausbaudynamik in der Fläche. Hohe Baukosten, Fachkräftemangel bei Tiefbau-Kolonnen, Genehmigungsverfahren und paralleler Doppelausbau in nachfragestarken Lagen binden Kapazitäten dort, wo Netzbetreiber die schnellste Rendite erwarten – eher in dichten Wohngebieten als in Gewerbeparks am Ortsrand. Das flächendeckende Ziel der Gigabitstrategie für 2030 gilt in der Branche bereits als gefährdet, wenn sich am Ausbautempo nichts ändert.
Für einen Standort mit hohen, planbaren Bandbreitenanforderungen heißt das: Wer sich auf den allgemeinen Ausbauplan verlässt, gibt die Kontrolle über einen eigenen Standortfaktor an einen fremden Investitionskalender ab. Die Alternative ist keine exotische Sonderlösung, sondern ein aktives Beschaffungsgespräch: dedizierte Glasfaser-Anbindung außerhalb der regulären Rollout-Reihenfolge, verhandelt und meist mitfinanziert direkt mit dem Netzbetreiber oder einem regionalen Stadtwerke-Carrier.
Wo Bandbreite allein nicht reicht, weil auf dem Gelände selbst hochautomatisierte, latenzkritische Prozesse laufen, kommt privates lokales Funknetz als ergänzende Option ins Spiel – dazu ordnet der Beitrag zur 5G-Campusnetz-Frequenzvergabe der Bundesnetzagentur den aktuellen Stand und die Grenzen dieses Wegs bereits ein.
Netzbetreiber priorisieren ihre Ausbaureihenfolge nach erwarteter Take-up-Rate. Ein Gewerbestandort mit einem einzigen, aber sehr datenintensiven Kunden ist für diese Kalkulation uninteressant – es sei denn, der Kunde macht sich selbst sichtbar. In der Praxis bedeutet das: eine formelle Bedarfsanmeldung beim regional zuständigen Netzbetreiber, häufig ergänzt um eine Anschubfinanzierung oder Mindestabnahmegarantie, die das Investitionsrisiko für den Betreiber senkt.
Zweiter Hebel ist die Bündelung. Mehrere Unternehmen im selben Gewerbegebiet, die gemeinsam eine Anfrage stellen, verändern die Wirtschaftlichkeitsrechnung eines Ausbauprojekts spürbar – vom Einzelfall zur Erschließung einer ganzen Fläche. Kommunale Wirtschaftsförderungen sind ein naheliegender Ansprechpartner für solche Gruppenanfragen, da erschlossene Gewerbeflächen im Wettbewerb um Ansiedlungen selbst zum Standortfaktor werden.
Dritter Punkt, oft unterschätzt: Redundanz. Ein Standort mit nur einem physischen Zuführungsweg ist bei einer Tiefbaubeschädigung komplett offline, unabhängig davon, wie hochwertig der Anschluss selbst ist. Wer eine dedizierte Leitung verhandelt, sollte die zweite, physisch getrennte Trasse nach Erfahrung von Netzplanern gleich mitverhandeln – eine nachträgliche zweite Trasse bedeutet in der Regel eine komplett neue Tiefbaumaßnahme statt einer Mitverlegung.
Nicht jede schwache Anbindung rechtfertigt eine eigene Verhandlung. Ein kleiner Vertriebsstandort mit klassischem Büro- und E-Mail-Bedarf kommt mit einer guten Kabel- oder Mobilfunk-Anbindung meist ohne Zusatzaufwand aus – der Verhandlungsaufwand für eine dedizierte Leitung lohnt sich erst, wenn Bandbreite, Latenz oder Ausfallsicherheit tatsächlich geschäftskritisch sind: bei Cloud-lastigen ERP-Prozessen, Videokonferenz-intensiven Teams oder angebundenen Produktionsanlagen.
Ebenso falsch ist die Annahme, eine dedizierte Leitung löse alle Probleme dauerhaft. Ohne die zweite, redundante Trasse bleibt der Standort trotz Premium-Anschluss ein Single-Point-of-Failure. Die Investition zahlt sich erst aus, wenn Bandbreitenbedarf und Ausfallrisiko gemeinsam bewertet werden, nicht nur die reine Übertragungsgeschwindigkeit.
Erstens: Eine ehrliche Bestandsaufnahme der eigenen Standorte gegen den Breitbandatlas der Bundesnetzagentur – wo die öffentliche Statistik keine belastbare Aussage zum eigenen Gewerbegrundstück liefert, selbst beim Netzbetreiber nachfragen, nicht bei Dritten. Zweitens: Bei jedem Standort mit spürbaren Beeinträchtigungen eine formelle Bedarfsanmeldung stellen und prüfen, ob Nachbarunternehmen im selben Gewerbegebiet einen gemeinsamen Antrag tragen würden. Drittens: Für jeden Standort mit echtem Ausfallrisiko die Redundanzfrage explizit in die Verhandlung aufnehmen, bevor der erste Vertrag unterschrieben wird – eine zweite Trasse ist im Erstangebot günstiger als im Nachtrag.
Weil die Förderlogik und die Ausbaustatistik historisch an Wohneinheiten hängen. Das Gigabit-Grundbuch der Bundesnetzagentur erfasst Haushaltsanschlüsse granular, Gewerbeflächen werden nur indirekt und deutlich ungenauer mitgezählt.
Eine formelle Anfrage, mit der ein Unternehmen einem Netzbetreiber signalisiert, dass an einem bestimmten Standort konkreter, planbarer Bandbreitenbedarf besteht – oft verbunden mit einer Mindestabnahme- oder Anschubfinanzierungs-Zusage, die das Ausbaurisiko für den Betreiber senkt.
Nur für Standorte ohne echtes Ausfallrisiko-Profil. Bei geschäftskritischen Prozessen macht eine einzige physische Trasse den Standort trotz hoher Bandbreite zum Single-Point-of-Failure – die zweite, getrennte Trasse gehört in dieselbe Verhandlung.
Wenn auf dem Gelände selbst hochautomatisierte, latenzkritische Prozesse laufen, etwa AGV-Flotten oder Robotik. Für reine Standort-Anbindung an das Internet bleibt Glasfaser der Basisbaustein, das Campusnetz kommt als Ergänzung für die interne Vernetzung hinzu.
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