21.03.2026

9 Min. Lesezeit

89 Prozent aller Unternehmen arbeiten noch mit funktionalen Hierarchien, Matrixstrukturen oder klassischen Business-Unit-Modellen. Gleichzeitig liefern Organisationen mit Produkt- und Plattform-Teams ihre Features 2,5-mal schneller aus und senken ihre IT-Kosten um 60 Prozent. Die Lücke zwischen alter Struktur und neuer Leistungsfähigkeit wird 2026 zum strategischen Risiko.

Das Wichtigste in Kürze

  • 89 Prozent nutzen veraltete Strukturen: Funktionale Hierarchien, Matrixmanagement und Business-Unit-Modelle dominieren laut McKinsey State of Organizations 2026 weiterhin die IT-Landschaft.
  • Produkt- und Plattform-Teams liefern messbar besser: Cloud-native Organisationen erreichen 60 Prozent niedrigere IT-Kosten und 2,5-fache Deployment-Geschwindigkeit gegenüber traditionellen Strukturen.
  • Gartner fordert Umbau: In Predicts 2026 empfiehlt Gartner CIOs explizit, ihre IT-Betriebsmodelle umzustrukturieren, um KI-Wertschöpfung zu realisieren.
  • Redesign-Erfolgsquote steigt: 63 Prozent der Betriebsmodell-Transformationen erreichen ihre Ziele – vor zehn Jahren waren es nur 21 Prozent (McKinsey).
  • 20 bis 30 Prozent Renditeverlust durch mangelnde Abstimmung zwischen Strategie und Betriebsmodell, besonders in volatilen Märkten.

Warum die alte IT-Organisation nicht mehr funktioniert

Die meisten IT-Abteilungen in DACH-Unternehmen sind historisch gewachsen: Fachbereiche bestellen Projekte, die IT liefert. Anforderungen wandern durch Gremien, Budgets werden jährlich verteilt und Erfolg misst sich an Termintreue statt an Geschäftswirkung. Dieses Modell funktionierte, solange Technologie ein Kostenfaktor war. 2026 ist Technologie der zentrale Wertschöpfungshebel.

Die McKinsey Global Tech Agenda 2026 zeigt den Bruch deutlich: Unter 600 befragten Technologie- und Geschäftsführern planen 50 Prozent, ihre Technologiebudgets 2026 um mehr als vier Prozent zu steigern. Gleichzeitig hat KI sowohl Cybersecurity als auch Infrastrukturmodernisierung als Investitionspriorität Nummer eins abgelöst. Wer dieses Geld in alte Strukturen gießt, verbrennt es.

McKinsey Global Tech Agenda 2026
89 %
der Unternehmen arbeiten noch mit traditionellen IT-Strukturen

Quelle: McKinsey State of Organizations, 2025

Das Produkt-und-Plattform-Modell: Was Top-Performer anders machen

McKinsey beschreibt das Zielmodell so: Technologie-Teams organisieren sich um nutzerseitige Produkte und die darunterliegenden Plattformen, die diese ermöglichen. Statt Projekte mit Anfang und Ende gibt es dauerhafte Teams mit klarer Ownership für ein digitales Produkt oder eine Plattformkomponente.

Die Daten sind eindeutig. Unter den Top-Performern in der McKinsey-Befragung sagen fast 50 Prozent, dass Business- und Technologie-Teams strategische Pläne gemeinsam und iterativ entwickeln. Im Durchschnitt aller Befragten liegt dieser Wert bei 29 Prozent – immerhin fast doppelt so hoch wie in der vorherigen Erhebung. Der Trend ist klar, aber die Mehrheit hinkt hinterher.

Konkret bedeutet das: Ein CIO, der sein Team nach dem Produkt-Plattform-Prinzip aufstellt, braucht weniger Koordination zwischen Fachbereich und IT. Das Produkt-Team versteht den Geschäftskontext, weil Fachleute dauerhaft eingebunden sind. Die Plattform-Teams stellen sicher, dass gemeinsame Infrastruktur – Daten, KI-Modelle, APIs – allen Produkten zur Verfügung steht.

Die agentic Organization: McKinseys nächste Evolutionsstufe

Wer glaubt, dass Produkt-Teams die letzte Stufe sind, unterschätzt die Dynamik. McKinsey hat 2026 das Konzept der agentic Organization vorgestellt: Organisationen, in denen Menschen und KI-Agenten – virtuelle wie physische – im großen Maßstab zusammenarbeiten. Nicht als Experiment in einer Innovation Unit, sondern als Betriebsmodell.

Die Zahlen dahinter sind beachtlich: KI-zentrische Organisationen erreichen laut McKinsey 20 bis 40 Prozent niedrigere Betriebskosten und 12 bis 14 Prozentpunkte höhere EBITDA-Margen. Und jede vierte Führungskraft erwartet, dass KI-Agenten kurzfristig als autonome Teammitglieder arbeiten werden.

Für den Vorstand bedeutet das: Die Frage ist nicht, ob KI-Agenten ins Betriebsmodell integriert werden, sondern wie schnell. Organisationen, die jetzt noch mit dem Übergang von Projekt- zu Produktorganisation kämpfen, werden den Sprung zur KI-integrierten Organisation kaum schaffen.

„CIOs müssen ihre IT-Betriebsmodelle umstrukturieren, um KI-Wertschöpfung zu realisieren. Die bisherige Organisation ist nicht darauf ausgelegt, KI-Initiativen zu skalieren.“
Gartner, Predicts 2026: CIOs Must Restructure Their IT Operating Models to Capture AI Value

DACH-Realitätscheck: Warum der Umbau hier besonders schwerfällt

Deutschland verzeichnet 24,5 Prozent des europäischen Umsatzes mit digitaler Transformation. Das Geld fließt – aber in welche Strukturen? Die Praxis zeigt drei typische Blockaden im DACH-Raum:

Erstens: Mitbestimmung und Betriebsräte. Der Wechsel von funktionalen Teams zu cross-funktionalen Produkteinheiten berührt Stellenbeschreibungen, Berichtslinien und oft Betriebsvereinbarungen. Was in US-Konzernen in Quartalen umgesetzt wird, braucht in Deutschland Monate der Abstimmung.

Zweitens: Historisch gewachsene ERP-Landschaften. Bosch Digital betreut über 50 ERP-Systeme und 80 Subsysteme über mehr als 300 Rechtseinheiten in über 100 Ländern. Wer Plattform-Teams einführen will, muss diese technischen Schulden gleichzeitig adressieren – sonst haben die neuen Teams keine Plattform, auf der sie aufbauen können.

Drittens: Talentlücke bei technischen Führungskräften. Laut McKinsey stellen Top-Performer technische Führungskräfte mit fast doppelter Rate ein: 37 Prozent gegenüber 19 Prozent bei durchschnittlichen Unternehmen. Im deutschen Mittelstand fehlen diese Profile häufig komplett.

Fünf Schritte zum digitalen Betriebsmodell

Die gute Nachricht: Die Erfolgsquote von Betriebsmodell-Transformationen hat sich verdreifacht. 63 Prozent erreichen heute ihre Ziele – vor einem Jahrzehnt waren es 21 Prozent. Der Unterschied liegt in der Methodik.

1. Wertströme identifizieren statt Organigramm zeichnen. Welche digitalen Produkte und Plattformen erzeugen Geschäftswert? Diese Wertströme definieren die Teamstruktur, nicht die historische Abteilungslogik.

2. Governance vor Struktur. McKinsey empfiehlt, zuerst eine Governance-Struktur zu schaffen, die die Technologie-Organisation auf strategische Prioritäten ausrichtet. Ohne klare Entscheidungsrechte und Priorisierungsmechanismen verpufft jede Reorganisation.

3. Plattform-Teams als Fundament. Die Plattformschicht – Daten, KI-Modelle, Entscheidungssysteme – muss als eigenständige organisatorische Einheit existieren. McKinsey nennt das die Intelligence Layer: eine einheitliche Schicht aus Daten, KI-Modellen und Entscheidungssystemen, die alle Produktteams nutzen.

4. Financial Manager einbinden. Top-Performer stellen mehr Financial Manager ein, um sicherzustellen, dass Technologie-Investitionen messbaren ROI liefern. Die Verbindung von IT-Budget und Geschäftswirkung ist kein Nice-to-have, sondern Vorstandspflicht.

5. Iterativ umbauen, nicht Big Bang. Der Übergang von Funktional- zu Produktorganisation gelingt selten in einem Schritt. Pilotbereiche definieren, Erfahrungen sammeln und dann skalieren. Die 20 bis 30 Prozent Renditeverlust durch schlechte Betriebsmodell-Abstimmung entstehen vor allem dann, wenn der Umbau halbherzig bleibt.

Was der Vorstand jetzt entscheiden muss

Die Frage an den Vorstand ist nicht technisch, sondern organisatorisch: Wollen wir eine IT-Abteilung, die Aufträge abarbeitet – oder eine Technologie-Organisation, die Geschäftswert erzeugt? Ersteres ist billiger aufzusetzen, kostet aber 20 bis 30 Prozent der Rendite. Zweiteres erfordert Umbau, liefert aber nachweislich bessere Ergebnisse.

Gartner formuliert es direkt: CIOs müssen ihre Betriebsmodelle umstrukturieren, um KI-Wertschöpfung zu realisieren. Wer 2026 noch in Projekten denkt statt in Produkten, wird den Anschluss an die agentic Organization verpassen – und damit an die nächste Stufe der Wettbewerbsfähigkeit.

Fazit

Das digitale Betriebsmodell ist keine IT-Initiative, sondern eine Vorstandsentscheidung. Die Datenlage ist eindeutig: Produkt- und Plattform-Teams liefern schneller, günstiger und mit höherer Geschäftswirkung. Die nächste Evolutionsstufe – die Integration von KI-Agenten als Teammitglieder – steht bereits vor der Tür. CIOs, die jetzt nicht umbauen, verbauen ihrem Unternehmen den Zugang zu einer Produktivitätssteigerung, die McKinsey auf 20 bis 40 Prozent beziffert. Die Alternative ist der Status quo. Und der kostet 20 bis 30 Prozent der Rendite.

Häufige Fragen

Was ist ein digitales Betriebsmodell?

Ein digitales Betriebsmodell beschreibt, wie ein Unternehmen seine Technologie-Organisation strukturiert, um Geschäftswert zu erzeugen. Im Kern geht es um den Wechsel von projektbasierter IT-Lieferung zu dauerhaften Produkt- und Plattform-Teams, die End-to-End-Verantwortung für digitale Produkte tragen.

Warum reicht eine agile Transformation nicht aus?

Agile Methoden verändern die Arbeitsweise innerhalb von Teams. Ein digitales Betriebsmodell verändert die Organisationsstruktur selbst: Berichtslinien, Budgetallokation, Entscheidungsrechte und die Zusammenarbeit zwischen Business und IT. Ohne strukturellen Umbau bleibt Agilität auf Teamebene gefangen.

Wie lange dauert der Umbau zum Produkt-Plattform-Modell?

Typischerweise 18 bis 36 Monate für eine vollständige Transformation. McKinsey empfiehlt einen iterativen Ansatz: Pilotbereich definieren, Governance aufsetzen und dann schrittweise skalieren. Im DACH-Raum verlängert die Mitbestimmung den Prozess um sechs bis zwölf Monate.

Welche Rolle spielt der CFO beim digitalen Betriebsmodell?

Eine zentrale. Laut McKinsey stellen Top-Performer gezielt Financial Manager ein, um Technologie-Investitionen an messbaren ROI zu koppeln. Der CFO muss verstehen, dass IT-Budget nicht nach Kostenstellen verteilt wird, sondern nach Wertströmen – und dass Plattform-Investitionen sich über mehrere Produkte amortisieren.

Was ist die agentic Organization?

Ein von McKinsey 2026 geprägtes Konzept für Organisationen, in denen Menschen und KI-Agenten im großen Maßstab zusammenarbeiten. KI-Agenten übernehmen dabei nicht nur einzelne Aufgaben, sondern agieren als autonome Teammitglieder in Workflows. Voraussetzung ist ein Betriebsmodell, das datengetriebene Entscheidungssysteme und KI-Plattformen als organisatorische Einheiten etabliert.

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Quelle Titelbild: Pexels / Vlada Karpovich (px:7433851)

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