SaaS-Portfolios brauchen eine Exit-Strategie, kein nächstes Tool
Eva Mickler
7 Min. Lesezeit Die einfachen SaaS-Konsolidierungen sind durch. Wer doppelte Tools streichen wollte, ...
7 Min. Lesezeit
Die Hannover Messe 2026 (20. bis 24. April) hat eines klargemacht: Der Begriff Industrie 5.0 ist aus dem EU-Forschungsprogramm-Slang in die operative Realität von Produktionsunternehmen gewandert. Für DACH-CIOs bedeutet das eine Verschiebung, die über Technologieauswahl hinausgeht. Hardware, Software und Daten-Infrastruktur werden zum Kontinuum. Die Investitionsentscheidungen dahinter sind Führungsentscheidungen, keine IT-Fragen mehr.
Das Wichtigste in Kürze
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Was ist Industrie 5.0? Industrie 5.0 ist der EU-Forschungsrahmen der über Industrie 4.0 (Effizienz durch Automatisierung) hinausgeht und drei Dimensionen ergänzt: Menschzentrierung (Mensch und Maschine als Kollaborationspartner statt Mensch-durch-Maschine-Ersatz), Nachhaltigkeit (Kreislaufwirtschaft als Produktionsprinzip) und Resilienz (Widerstandsfähigkeit gegenüber Störungen in Lieferketten und Produktion). Die EU-Kommission finanziert Industrie-5.0-Forschung explizit über Horizon Europe und den European Innovation Council.
Für CIOs ist die operative Konsequenz konkreter als das Konzept es vermuten lässt. Industrie 4.0 war primär ein Automatisierungsprojekt mit IT-Unterstützung. Industrie 5.0 ist ein Infrastrukturprojekt mit strategischem Gewicht, weil es die Frage beantwortet: Wie ist die Fabrik der nächsten Dekade vernetzt, souverän und widerstandsfähig aufgebaut?
Timeline: Von 4.0 zu 5.0 in der DACH-Praxis
2018 bis 2022
Industrie 4.0: Automatisierung, ERP-Integration, erste IoT-Deployments. IT und OT weitgehend getrennt.
2022 bis 2024
Post-COVID-Resilienz: Lieferkettenstörungen machen Redundanz zur Priorität. Erste IT/OT-Konvergenz-Projekte.
2024 bis 2026
EU-Regulierung (CSRD, NIS2, Ökodesign) trifft auf Industrie-5.0-Förderprogramme. Datensouveränität wird Anforderung. Hannover Messe 2026 zeigt kritische Masse.
2026 bis 2028
Industrie 5.0 als Investitionsrahmen: Produktpass, Gaia-X-Datenräume, Mensch-Roboter-Kollaboration als operative Standards in Leitmärkten.
Operative Technologie (OT) umfasst alles was Maschinen steuert: SCADA-Systeme, SPS-Steuerungen, Prozessleittechnik. Jahrelang war OT das Terrain von Produktionsingenieuren und COOs. IT-Abteilungen berührten diese Systeme nicht.
Das ändert sich strukturell. Edge-Computing-Infrastruktur, die Maschinenströme in Echtzeit verarbeitet, sitzt in der Schnittmenge von IT und OT. Wer die IT-Infrastruktur in diesem Kontext nicht mitgestaltet, liefert die Entscheidungen über Datenarchitektur, Sicherheitskonzepte und Herstellerabhängigkeiten an den COO oder externe Systemintegratoren ab. Das ist eine Machtverschiebung mit langfristiger Wirkung.
CIO als IT/OT-Gestalter
Risiken bei passiver CIO-Rolle
Auf der Hannover Messe 2026 war Gaia-X in den Hallen omnipräsent. Datenräume für industrielle Wertschöpfungsketten (Catena-X für Automotive, Manufacturing-X für Industrie) haben inzwischen produktive Implementierungen gezeigt. Was bedeutet das konkret für CIOs?
Europäische Großkunden fragen Zulieferer zunehmend nach der Datenverarbeitungs-Infrastruktur. DSGVO-konforme Verarbeitung entlang der gesamten Wertschöpfungskette wird zur Vorqualifikation bei Ausschreibungen. Wer keine Antwort auf „Wo liegen eure Produktionsdaten und welche Drittparteien haben Zugriff?“ hat, verliert Wettbewerbsposition. Das ist nicht mehr ein Compliance-Thema. Es ist eine Sales-Frage.
Drei Maßnahmen haben ein günstiges Aufwand-Nutzen-Verhältnis für den Industrie-5.0-Einstieg, unabhängig von Unternehmensgröße und Branche:
1. IT/OT-Inventur mit COO abstimmen. Welche OT-Systeme haben heute Netzwerkanbindung? Welche verarbeiteten Daten landen wo und bei welchem Anbieter? Diese Inventur dauert zwei bis vier Wochen, liefert die Grundlage für NIS2-Compliance und öffnet das Gespräch mit dem COO über gemeinsame Verantwortung.
2. Einen Datenraum-Pilot bewerten. Catena-X-Onboarding ist für Automotive-Zulieferer mit überschaubarem Aufwand machbar. Für Nicht-Automotive: Manufacturing-X hat Pilotpartner gesucht. Ein Pilotprojekt mit einem strategischen Kunden oder Lieferanten schafft Lerneffekte, die kein Konzept ersetzen kann.
3. Industrie-5.0-Fördermittel im Investitionsplan verankern. Das EU-Budget für Industrie-5.0-Projekte unter Horizon Europe 2024 bis 2027 ist gebunden. Wer Förderprojekte erst 2027 einreicht, konkurriert um deutlich weniger freie Mittel. Jetzt bewerten welche laufenden oder geplanten Initiativen förderfähig sind.
Quellen: Hannover Messe 2026 Ausstellerstatistik (April 2026), EU-Kommission Industrie-5.0-Factsheet (Horizon Europe), Gaia-X Association: Manufacturing-X Statusbericht Q1 2026, DIHK Digitalreport 2025.
Industrie 4.0 war primär ein Effizienzprojekt: Automatisierung, Vernetzung und Datenerfassung zur Produktivitätssteigerung. Industrie 5.0 ergänzt drei Dimensionen, die für CIOs operative Konsequenzen haben: Menschzentrierung bedeutet Mensch-Maschine-Schnittstellen als Designprinzip statt Mensch-Ersatz. Resilienz bedeutet Redundanz als Investitionspriorität. Nachhaltigkeit bedeutet Kreislaufwirtschaftsdaten als Infrastrukturanforderung. Der Hauptunterschied im Führungsalltag: Industrie-5.0-Entscheidungen sind nicht delegierbar an IT-Spezialisten, weil sie Geschäftsmodell-Implikationen haben.
Der effektivste Ansatz: IT/OT-Konvergenz nicht als IT-Expansion in OT-Territorium framen, sondern als gemeinsames Infrastrukturprogramm mit Produktions- und Engineering-Kollegen. CIOs die den Schritt vom „IT-Dienstleister für die Fabrik“ zum „gemeinsamen Infrastruktur-Owner“ schaffen, haben nachweislich bessere Budget-Positionen in den Hannover-Messe-Unterlagen und in DIHK-Befragungen. Das erfordert technische Kompetenz in OT-Basics (SCADA, SPS, Echtzeit-Anforderungen) und politisches Kapital beim COO.
Catena-X (Automotive-Lieferkette) hat produktive Implementierungen mit BMW, Volkswagen und BASF. Manufacturing-X (branchenübergreifende Fertigung) ist 2025/2026 in die Pilotphase gegangen. Für DACH-CIOs außerhalb Automotive: Der Einstieg über Catena-X-kompatible Schnittstellen macht Sinn, weil er die breiteste Anbieterbasis hat. GAIA-X selbst (gaia-x.eu) bietet technische Spezifikationen und Einstiegs-Dokumentation für Unternehmen ohne Automotive-Bezug.
Laut DIHK Digitalreport 2025 haben 58 Prozent der befragten DACH-Industrieunternehmen Resilienzinvestitionen (Redundanz, Multi-Sourcing, Edge-Failover) gegenüber reiner Effizienz in der Investitionspriorität hochgestuft. Das ist ein direktes Ergebnis der Lieferkettenstörungen 2021 bis 2023. Praktisch bedeutet das: Budget-Argumentation für Redundanz-Infrastruktur ist 2026 einfacher als 2019, weil die Vorstand-Ebene die Risiken direkt erlebt hat. Dieser Window ist nutzbar.
Drei Beobachtungen mit direkter Relevanz: Erstens, die IT/OT-Konvergenz ist kein Zukunftsthema mehr, sondern hat ausreichend reife Implementierungen gezeigt. Zweitens, Gaia-X-Datenräume sind über die Konzeptphase hinaus. Drittens, Anbieter positionieren Industrie-5.0-Compliance explizit als Differenzierungsmerkmal gegenüber asiatischen Mitbewerbern. Für CIOs die 2026/2027 Infrastrukturinvestitionen planen: die Hannover Messe hat gezeigt dass der Markt Produkte liefert, nicht mehr nur Konzepte.
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Quelle Titelbild: Pexels / Carsten Ruthemann (px:11885179)
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