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Experten-Interview: So gelingt die Migration zu SAP S/4HANA

Frank Bayer, BU Manager ERP Core bei Axians, beleuchtet im Interview mit der Digital Chiefs Redaktion die unterschiedlichen Betriebsmodelle und Herangehensweisen auf dem Weg zu SAP S/4HANA.

Redaktion: Die S/4-Adaption verläuft recht uneinheitlich. Viele bleiben zunächst bei ERP auf den alten Systemen. Woran liegt das und drängt nicht allmählich die Zeit?

Frank Bayer: Die Verlängerung des Supports von 2025 auf 2027 oder mit der Extended Maintenance sogar bis 2030 hat etwas Druck aus dem Kessel genommen. Manche Kunden sagen jetzt, wir setzen entweder die konkreten Planungen aus oder machen langsamer weiter. Wenn man sich den aktuellen DSAG-Investitionsreport anschaut, dann sieht man schon, dass sich die Investitionen von der Business Suite in Richtung HANA verschoben haben. Über 30 Prozent der Kunden haben eine mittlere Relevanz für Investitionen und ein weiteres Viertel für große Investitionen. Man muss im Hinterkopf behalten, dass es auch sehr große Unternehmen mit sehr vielen Systemen betrifft. Die müssen in irgendeiner Form damit anfangen.

Redaktion: Wie sieht der typische Weg eines Kunden der SAP Business Suite mit dem Ziel S/4HANA aus und wie lang ist dieser Weg?

Frank Bayer: Vor wenigen Jahren war es noch so, dass sich viele Kunden auf einen Greenfield-Ansatz konzentrierten und die Möglichkeit nutzen wollten, alte Zöpfe abzuschneiden. In der Zwischenzeit ist ein Viertel der Kunden ist zwar noch völlig unentschlossen, wie sie das angehen wollen. Wenn es aber einen Favoriten für ein Umstiegsszenario gibt, dann ist das Brownfield, gefolgt von hybriden Szenarien wie Selective Data Transition. Dabei geht es darum, gezielt bestimmte historische Daten zu übernehmen.

Die Länge des Weges ist schwer zu beurteilen. Das hängt davon ab, wie viele Systeme vorhanden sind, was man im Zuge der Umstellung noch zusätzlich plant – gibt es vielleicht neue Module oder neue Anwendungen und End-to-End-Prozesse.

Typische Schritte sind etwa die Einführung von „Business Partner“ und des neuen Hauptbuchs „New GL“. Das sind Dinge, die man auch entzerren kann. Ich denke, ein halbes oder dreiviertel Jahr muss jeder Kunde mindestens einkalkulieren, der mit einem Brownfield-Ansatz und einer überschaubaren Zahl von Systemen unterwegs ist.

Ein wichtiger Schritt besteht zudem darin, sich mit den Stammdaten auseinanderzusetzen. Nicht nur, weil S/4HANA den Business Partner voraussetzt, sondern auch, um die Konsolidierung der Systeme voranzutreiben. Nicht zuletzt auch um nicht mehr benötigte Daten vor der Conversion aus den Systemen zu bekommen. Man benötigt einen sauberen „Master-Data“-Ansatz. Das ist eine entscheidende Disziplin.

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Redaktion: Welche Betriebsmodelle für S/4 gibt es und sind diese Betriebsmodelle bereits ausgereift?

Frank Bayer: Die Betriebsmodelle lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Das eine ist der reine Cloud-/SaaS-Ansatz und das andere ist der On-Premises-Ansatz. Am Anfang hat SAP mehr in den Bereich SaaS „interpretiert“ als tatsächlich dort zuzuordnen ist, denn die HANA Enterprise Cloud etwa ist klar auf der Ebene On Premises anzusiedeln – wenngleich das C im Namen für Cloud steht.

Der wirkliche SaaS- und Cloud-Ansatz ist die S/4HANA Cloud in den Editionen Essentials, Extended Edition und Private-Cloud-Edition. Die Private Cloud Edition kam gemeinsam mit der Essentials-Edition auch mit RISE auf den Markt. Das klassische On Premises ist am weitesten ausgereift, wobei dabei der Betrieb bei den Hyperscalern wie Microsoft, AWS und Google immer mehr zunimmt, doch nur wenige Kunden betreiben ihre komplette Systemlandschaft bei einem Hyperscaler.

Redaktion: Welche Vorteile haben die jeweiligen Betriebsmodelle und welche Charakteristika gilt es zu beachten?

Frank Bayer: Es gibt zwei wesentliche Kriterien: der Grad der Standardisierung versus dem Grad der Flexibilität. In einem SaaS-Ansatz hat man die Vorteile der Standardisierung. Die Implementierung kann auf Basis von Best Practices durchgeführt werden, es finden regelmäßige Upgrades statt, um die man sich nicht kümmern muss. Die Flexibilität und die individuelle Erweiterbarkeit nimmt bei einem SaaS-Ansatz jedoch ab im Vergleich dazu, wenn man es On Premises selbst betreibt, egal ob im eigenen RZ, bei einem Outsourcer oder beim Hyperscaler.

Es spielen aber auch andere Aspekte eine Rolle, Stichwort Vendor Lock-in. Wenn Sie ein RISE-Angebot der SAP wahrnehmen, dann haben Sie in einem Angebot alles von einem Anbieter und sind ihm salopp gesagt auf Gedeih und Verderb ausgesetzt. Ein weiterer Punkt sind die Kosten. Hier muss man in die Teilbereiche hineinschauen. Die Hyperscaler werben damit, dass sich Systeme „schlafen legen“ lassen und dadurch keine Kosten entstehen.

Redaktion: Was genau ist „RISE with SAP“ und wie ist es im Sinne eines Betriebsmodells einzuordnen?

Frank Bayer: Im Grunde geht es darum, dass SAP bei der Transition auf S/4 und in die Cloud sowie bei der Digitalisierung helfen will, etwa durch eine Orchestrierung und Bündelung des Angebots. SAP war Jahrzehnte lang dafür bekannt, dass das Ökosystem sehr einzelteilig war. Ein Kunde konnte sagen, mein Anbieter ist SAP, aber ich kaufe das Betriebssystem und die Datenbank woanders und auch die Implementierung und den Betrieb. Das bietet RISE jetzt aus einer Hand. S/4HANA ist Datenbank und Applikation. Betrieb, Implementierung und Lizenzen kommen in einem Bundle dazu.

Redaktion: Welche konkreten Ziele verfolgen Ihre Kunden typischerweise mit der Umstellung auf S/4?

Frank Bayer: Kosten, Standardisierung ,Flexibilitätund am Ende des Tages auch das Thema Harmonisierung und alte Zöpfe abschneiden. Jetzt bietet sich die Möglichkeit, die verschiedenen Inseln, die allein in SAP-Systemlandschaften entstanden sind, zusammenzubringen. Manche gehen mit einem One-Template-Ansatz heran, andere betrachten an dieser Stelle auch ihre über Jahrzehnte gewachsene individuelle Systemlandschaft mit den zahlreichen Eigenentwicklungen und versuchen, diese ebenfalls zusammenzubringen.

Schließlich gibt es noch einen weiteren Punkt, das ist das Thema Innovation – sich jetzt auf den aktuellen Stand im SAP-Umfeld bringen, um dann neue Geschäftsmodelle und neue Prozesse unterstützen zu können. Nach 2027 besteht ohnehin keine andere Möglichkeit mehr.

Redaktion: Was halten Sie von Acceleratoren, was bewirken sie und würden Sie deren Einsatz empfehlen?

Frank Bayer: Ich würde dazu raten. Acceleratoren sorgen dafür, dass sich sowohl das Process Mining als auch KPIs, die Anzahl der Prozesse, die Anzahl der durchgeführten Objekte, Varianten von Prozessen im System bemessen und auswerten lassen. Acceleratoren gibt es auch von SAP, zum Beispiel Readiness Check. Das deutsche Wort „Beschleuniger“ trifft es eigentlich ganz gut.

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Redaktion: Welche Rolle spielt Axians im S/4-Szenario und worin unterscheidet es sich von anderen Beratungshäusern?

Frank Bayer: Bei uns geht es darum, Kompetenzen aus den verschiedenen SAP-Fachbereichen zu bündeln. Unser Ziel ist es, unserere Kunden ganzheitlich in den Bereichen Technologie, Systembetriebin den Prozessbereichen im Vertrieb, Service und Instandhaltung und in den Prozessen, die sich mit S/4 und dem Core, also Logistik, Vertrieb, Analytics und Finance beschäftigen, zu unterstützen. Wir betrachten diese unterschiedlichen Kompetenzen und Fragestellungen für den Kunden gesamtheitlich , und finden eine für ihn  passende Lösung.

Der zweite Aspekt besteht darin, dass wir nicht maßgeblich lizenzgetrieben sind. Wir sind kein reines SAP-Lizenzhaus. Der Druck bei der Beratung eines Kunden, eine weitere SAP-Lösung zu verkaufen, besteht bei uns nicht. Wir sind als „Trusted Advisor“ unterwegs und können den Kunden neutral beraten, was Betriebsmodelle und Herangehensweise angeht. Wir finden individuelle Lösungen für die Betreuung des Basisbetriebs, wir gehen gemeinsam mit den Kunden in ein Hyperscaling-Szenario oder wir suchen das auf den Kunden abgestimmte Hybrid-Betriebsmodell heraus. Eben genau individuell auf den Kunden abgestimmt.

Quelle Titelbild: Axians / Adobe Stock / photon_photo

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