Der CFO als Tech-Stratege: Wenn Finanzvorstände die Digitalisierung übernehmen
Tobias Massow
7 Min. Lesezeit 53 Prozent der CFOs weltweit geben an, die Digitalisierung ihres Unternehmens zu verantworten. ...
8 Min. Lesezeit
44 Prozent der Mitarbeitenden in Deutschland haben 2024 keinen einzigen Tag Weiterbildung genutzt. Gleichzeitig sagen 79 Prozent der Führungskräfte, es fehle an den nötigen Kompetenzen für den KI-Einsatz. 109.000 IT-Stellen sind unbesetzt. 13,4 Millionen Erwerbspersonen gehen bis 2039 in Rente. Und der Wertschöpfungsverlust durch den Fachkräftemangel liegt bei 49 Milliarden Euro pro Jahr. Recruiting allein wird dieses Problem nicht lösen. Es ist eine CEO-Aufgabe.
Das Kernproblem ist keine Konjunkturfrage, sondern Mathematik. Laut Statistischem Bundesamt überschreiten bis 2039 rund 13,4 Millionen Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter. Das Institut der deutschen Wirtschaft rechnet sogar mit bis zu 16,5 Millionen Babyboomern, die bis 2036 die Altersschwelle überschreiten. Dem stehen nur 12,5 Millionen erwerbsfähige Personen gegenüber, die im gleichen Zeitraum nachrücken.
Selbst bei hoher Nettozuwanderung schrumpft die Erwerbsbevölkerung um 3,2 Millionen Personen. Bis Mitte der 2030er Jahre steigt die Zahl der Menschen im Rentenalter auf mindestens 20 Millionen. Für CEOs bedeutet das: Jede Personalstrategie, die auf Recruiting als Primärhebel setzt, wird scheitern. Es gibt schlicht nicht genug Menschen auf dem Arbeitsmarkt. Die Frage ist nicht, wie man mehr Leute findet, sondern wie man mit weniger Leuten mehr schafft.
Der Wertschöpfungsverlust durch den Fachkräftemangel lag laut IW Köln 2024 bei 49 Milliarden Euro. Die Prognose für 2027: 74 Milliarden. Der DIHK schätzt den Gesamtverlust sogar auf über 90 Milliarden Euro, was mehr als 2 Prozent des BIP entspricht. 16 Prozent der Unternehmen investieren aufgrund des Fachkräftemangels weniger in Deutschland, in der Industrie sind es 22 Prozent. Das ist kein HR-Problem. Das ist ein Standortproblem.
Quellen: Bitkom 2025, IW Köln 2024, Destatis 2025
109.000 IT-Stellen sind laut Bitkom unbesetzt. 85 Prozent der Unternehmen beklagen einen Mangel an IT-Fachkräften. Nur 4 Prozent sprechen von einem Überangebot. Und 79 Prozent erwarten, dass sich die Lage weiter verschärft. Das ist der IT-Bereich allein. Gesamtwirtschaftlich schätzt der DIHK die Zahl unbesetzter Stellen auf bis zu 1,8 Millionen.
Im internationalen Vergleich steht Deutschland schlecht da. Die ManpowerGroup beziffert die Mangelquote auf 86 Prozent – an der Spitze im internationalen Vergleich, deutlich über dem globalen Schnitt von 74 Prozent. Im OECD-Ranking für Fachkräfte-Attraktivität liegt Deutschland auf Platz 15 von 38 – hinter Kanada, den USA, Frankreich und Großbritannien. Die Bertelsmann Stiftung warnt: Deutschland fällt zurück, weil lange Visa-Wartezeiten, Sprachbarrieren und eine fehlende Willkommenskultur abschrecken.
Die Konsequenz für CEOs: Mehr Stellenanzeigen schalten und Headhunter beauftragen ist wie einen Eimer Wasser in eine leere Badewanne zu gießen, während der Abfluss offen ist. Der Pool an verfügbaren Fachkräften wird kleiner, nicht größer. CEOs brauchen deshalb drei Hebel gleichzeitig: bestehende Mitarbeiter qualifizieren, Automatisierung als Personalersatz nutzen und gezielt international rekrutieren.
Die Zahlen des McKinsey HR-Monitor 2025 sind ein Skandal: 44 Prozent der Mitarbeitenden haben 2024 keinen einzigen Tag Weiterbildung genutzt. 33 Prozent haben nicht die nötigen Fähigkeiten für ihre aktuelle Position. 86 Prozent der Führungskräfte sagen, ihre Unternehmen könnten das KI-Potenzial wesentlich besser nutzen. 79 Prozent sagen, es fehle an den Kompetenzen dafür. Das Wissen über die Lücke ist da. Die Reaktion fehlt.
Bitkom zeigt, was Unternehmen tatsächlich tun: 31 Prozent setzen auf Weiterbildungsprogramme, 22 Prozent auf Programme für Quereinsteiger, 19 Prozent auf Weiterbeschäftigung älterer Mitarbeiter und 14 Prozent auf Fördermaßnahmen für Frauen. Das sind keine schlechten Zahlen, aber sie zeigen auch: Die Mehrheit der Unternehmen tut in jedem einzelnen Bereich nichts. Und nur 8 Prozent setzen KI explizit ein, um dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken.
Die Unternehmen, die es richtig machen, zeigen, was möglich ist. Siemens investierte im Geschäftsjahr 2024 nach eigenen Angaben 442 Millionen Euro in Ausbildung und Weiterbildung und betreibt 19 regionale Trainingszentren in Deutschland über die SiTecSkills Academy. Die Zentren fokussieren auf Digitalisierungs- und Nachhaltigkeitskompetenzen – genau die Bereiche, in denen der Mangel am größten ist. Das Ergebnis: Trotz Fachkräftemangel verzeichnete Siemens über vier Millionen Bewerbungen im letzten Geschäftsjahr, 13 Prozent mehr als im Vorjahr. Wer als Arbeitgeber in Qualifizierung investiert, wird als attraktiver wahrgenommen. Das ist kein Zufall, sondern ein messbarer ROI.
McKinsey schätzt, dass internes Reskilling 30 bis 50 Prozent der Kosten einer vergleichbaren Neueinstellung spart – wenn Onboarding, Fluktuation und Time-to-Productivity eingerechnet werden. BCG bestätigt: Der ROI von Upskilling-Programmen ist messbar und positiv, weshalb 75 Prozent der Unternehmen signifikante Investitionen in Talentretention und -entwicklung planen. Der Schlüssel liegt in der Systematisierung: Nicht gelegentliche Schulungen, sondern strukturierte Programme, die Mitarbeiter aus schrumpfenden Geschäftsbereichen in wachsende Rollen überführen.
Die Realität in der Breite sieht allerdings anders aus. Die meisten deutschen Unternehmen behandeln Weiterbildung als Budgetposten, der in schwierigen Zeiten als Erstes gestrichen wird – statt als Investition, die sich amortisiert. In einer Welt, in der 33 Prozent der Mitarbeitenden nicht die nötigen Fähigkeiten für ihre aktuelle Position haben, ist das ein systematisches Versagen der Unternehmensführung, nicht der HR-Abteilung.
Sinngemäß sagte Siemens-CEO Roland Busch: Vollautomatisierte Fabriken sind keine Gefahr, sondern eine Notwendigkeit als Antwort auf alternde Gesellschaften und Arbeitskräftemangel. Der Mensch verschwinde nicht aus der Halle, übernehme aber zunehmend steuernde Aufgaben.
Quelle: Interview-Zusammenfassung CES 2026
McKinsey schätzt, dass generative KI bis 2030 rund 3,9 Milliarden Arbeitsstunden in Deutschland einsparen kann. Das Produktivitätspotenzial liegt bei bis zu 3 Prozent jährlichem Wachstum. 30 Prozent der aktuellen Arbeitsstunden sind durch Technologie automatisierbar, 54 Prozent der erwarteten Jobwechsel fallen in den Bereich administrative Büroarbeit.
Siemens-CEO Roland Busch hat es auf den Punkt gebracht: Vollautomatisierte Fabriken sind sinngemäß keine Gefahr, sondern eine Notwendigkeit als Antwort auf alternde Gesellschaften. Der Mensch verschwindet nicht aus der Halle, übernimmt aber zunehmend steuernde Aufgaben. Das ist die pragmatische Position: Automatisierung nicht als Jobkiller-Debatte führen, sondern als einzige realistische Antwort auf ein demografisches Faktum.
Für CEOs bedeutet das eine Verschiebung der Investitionslogik. Statt pro Kopf zu budgetieren, müssen sie pro Aufgabe budgetieren. Wenn eine KI-gestützte Lösung drei Vollzeitstellen ersetzen kann, die ohnehin nicht zu besetzen sind, ist das kein Personalabbau, sondern Kapazitätssicherung. Bis zu 3 Millionen Jobs in Deutschland werden laut McKinsey bis 2030 von Veränderungen betroffen sein – 7 Prozent der Gesamtbeschäftigung. 54 Prozent der erwarteten Jobwechsel fallen dabei in den Bereich administrative Büroarbeit – genau dort, wo KI-Agenten bereits heute produktiv eingesetzt werden können. Die Aufgabe des CEO ist es, diesen Wandel aktiv zu steuern und die Transformation als Chance zu kommunizieren, nicht als Bedrohung zu verwalten.
Die Kehrseite: Automatisierung funktioniert nur, wenn die verbleibenden Mitarbeiter die automatisierten Systeme steuern können. Das führt zurück zu Hebel 1 – ohne Qualifizierung bleibt Automatisierung eine Investitionsruine. Die KI-Governance-Pflichten des AI Act verschärfen das: Wer KI als Personalersatz einsetzt, braucht dokumentierte Governance-Strukturen und geschulte Mitarbeiter.
Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz hat im ersten Jahr (bis November 2024) rund 200.000 Visa zu Erwerbszwecken ermöglicht – ein Anstieg um 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die Bundesagentur für Arbeit verzeichnete 233.000 Beratungen von im Ausland lebenden Fach- und Arbeitskräften, ein Anstieg von 68.000 in einem Jahr. Im nicht-akademischen Bereich stiegen die Zustimmungen um 28 Prozent auf 28.400.
Die Chancenkarte, seit Juni 2024 verfügbar, bleibt allerdings hinter den Erwartungen. Von den angestrebten 30.000 pro Jahr wurden bis November 2025 nur 17.489 erteilt. Die Gründe sind strukturell: mangelnde Willkommenskultur, Sprachbarrieren und bürokratische Hürden bei der Anerkennung ausländischer Qualifikationen. Deutschland konkurriert um dieselben Talente wie Kanada, Australien und die Niederlande – und verliert diesen Wettbewerb nach Einschätzung der Bertelsmann Stiftung zunehmend.
Für CEOs heißt das: Einwanderung ist ein wichtiger, aber kein hinreichender Hebel. Wer internationale Talente gewinnen will, muss mehr tun als eine Stellenanzeige auf Englisch zu schalten. Er muss Onboarding-Programme aufbauen, Sprachkurse finanzieren und eine Unternehmenskultur schaffen, in der internationale Mitarbeiter tatsächlich ankommen und bleiben. Das ist eine CEO-Entscheidung, keine HR-Aufgabe.
Die Koalition hat das Problem erkannt und plant eine „Work-and-Stay-Agentur“ für digitale Fachkräfteeinwanderung. Ob diese Agentur das Tempo bringt, das der Markt braucht, bleibt abzuwarten. Die bisherigen Erfahrungen mit der Chancenkarte zeigen, dass gute Gesetze allein nicht reichen – die Umsetzung in den Behörden und die Aufnahmebereitschaft in den Unternehmen sind die eigentlichen Engpässe. Ein CEO, der internationale Talente gewinnen will, kann nicht auf die Bundesagentur warten. Er muss selbst Strukturen schaffen: eigene Relocation-Teams, Kooperationen mit internationalen Universitäten und eine Arbeitgebermarke, die über Deutschland hinaus sichtbar ist.
Entscheidung 1: Weiterbildungsbudget verdoppeln. Wenn 44 Prozent der Mitarbeitenden keinen Tag Weiterbildung nutzen, liegt das nicht an mangelndem Angebot, sondern an fehlender Priorisierung durch die Unternehmensführung. Weiterbildung muss CEO-Agenda werden, nicht HR-Nebensache. Siemens zeigt mit 442 Millionen Euro Jahresbudget, dass die Rechnung aufgeht.
Entscheidung 2: Automatisierungsstrategie als Personalstrategie formulieren. Jede unbesetzbare Stelle ist ein Automatisierungskandidat. CEOs sollten für jeden Geschäftsbereich eine „Make-or-Automate“-Analyse durchführen: Welche Aufgaben können wir mit KI und Automatisierung erledigen, statt auf Mitarbeiter zu warten, die nicht kommen werden?
Entscheidung 3: Quereinsteiger-Programme institutionalisieren. 22 Prozent der Unternehmen haben Programme für Quereinsteiger. Das heißt: 78 Prozent nicht. In einem Markt, in dem das Angebot an klassisch ausgebildeten IT-Fachkräften schrumpft, sind Quereinsteiger keine Notlösung, sondern ein strategischer Talentpool. Sechsmonatige Intensivprogramme, wie sie die großen Technologieunternehmen bereits anbieten, können den Quereinstieg systematisieren.
Entscheidung 4: Retention über Rekrutierung stellen. In einem Arbeitnehmermarkt mit 86 Prozent Mangelquote ist jeder Mitarbeiter, der das Unternehmen verlässt, ein doppelter Verlust: Die Position bleibt unbesetzt und das aufgebaute Wissen geht verloren. CEOs, die in Retention investieren – durch Karrierepfade, Qualifizierung und kompetitive Vergütung – sparen langfristig mehr als durch aggressive Recruiting-Kampagnen.
Der Fachkräftemangel ist kein vorübergehendes Phänomen und kein Konjunkturproblem. Er ist die Konsequenz einer demografischen Verschiebung, die seit Jahrzehnten absehbar war und die sich in den nächsten 15 Jahren massiv beschleunigen wird. CEOs, die das Problem weiterhin an die HR-Abteilung delegieren und auf „mehr Recruiting“ setzen, werden scheitern. Nicht weil ihre HR-Teams schlecht arbeiten, sondern weil der Arbeitsmarkt die benötigten Menschen schlicht nicht mehr hergibt.
Die Alternative ist eine fundamentale Neuausrichtung: Qualifizierung statt Rekrutierung, Automatisierung statt Wachstum durch Headcount und gezielte Einwanderung statt Hoffnung auf den lokalen Markt. Das erfordert CEO-Entscheidungen, CEO-Budgets und CEO-Verantwortung. Der Fachkräftemangel ist zu groß und zu strukturell, um ihn eine Ebene unter dem Vorstand zu lösen.
Der Reboot, den Deutschland braucht, ist auch ein Workforce-Reboot. Die 735 Milliarden Euro der Made-for-Germany-Initiative bringen nichts, wenn niemand da ist, der die finanzierten Projekte umsetzt. Infrastruktur baut sich nicht von selbst, Software schreibt sich nicht von allein und Fabriken automatisieren sich nicht ohne qualifizierte Ingenieure. Der Fachkräftemangel ist der Flaschenhals des Reboots. Und der CEO ist der Einzige, der ihn weiten kann.
Laut Bitkom sind 109.000 IT-Stellen unbesetzt (Stand 2025). Der Hochpunkt lag 2022 bei 149.000. 85 Prozent der Unternehmen beklagen einen Mangel, nur 4 Prozent sehen ein ausreichendes Angebot. Gesamtwirtschaftlich schätzt der DIHK bis zu 1,8 Millionen unbesetzte Stellen.
Das IW Köln beziffert den Wertschöpfungsverlust auf 49 Milliarden Euro pro Jahr (2024), mit einer Prognose von 74 Milliarden für 2027. Der DIHK schätzt den Gesamtverlust auf über 90 Milliarden Euro, was mehr als 2 Prozent des BIP entspricht.
Laut Destatis überschreiten bis 2039 rund 13,4 Millionen Erwerbspersonen das Rentenalter. Das IW Köln rechnet mit bis zu 16,5 Millionen Babyboomern bis 2036. Dem stehen nur 12,5 Millionen nachrückende Erwerbsfähige gegenüber.
Im ersten Jahr wurden 200.000 Erwerbsvisa erteilt (plus 10 Prozent). Die Chancenkarte bleibt aber hinter Erwartungen: Nur 17.489 wurden erteilt statt der angestrebten 30.000 pro Jahr. Mangelnde Willkommenskultur und bürokratische Hürden bremsen den Erfolg.
Teilweise. McKinsey schätzt, dass generative KI bis 2030 rund 3,9 Milliarden Arbeitsstunden in Deutschland einsparen kann. Aber nur 8 Prozent der Unternehmen setzen KI explizit gegen den Fachkräftemangel ein. Und Automatisierung funktioniert nur, wenn die verbleibenden Mitarbeiter die Systeme steuern können.
Quelle Titelbild: Pexels / Yan Krukau (px:7793750)
Sie müssen den Inhalt von reCAPTCHA laden, um das Formular abzuschicken. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten mit Drittanbietern ausgetauscht werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Turnstile. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Facebook. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von Instagram. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr InformationenSie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von X. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.
Mehr Informationen