02.01.2026
4 Min. Lesezeit

105 Unternehmen, 735 Milliarden Euro Investitionszusage, ein Ziel: Deutschland als Wirtschaftsstandort verteidigen. Die Initiative „Made for Germany“ hat seit ihrer Gründung im Juli 2025 eine Dynamik entwickelt, die selbst Skeptiker überrascht. BMW, Siemens, SAP, Microsoft Deutschland, NVIDIA und BlackRock investieren gemeinsam in Infrastruktur, KI und Fachkräfte. Für Vorstände stellt sich nicht mehr die Frage ob sie mitmachen, sondern wie schnell sie die Investitionen in Wertschöpfung umwandeln.

Das Wichtigste in Kürze

  • 735 Milliarden Euro Investitionszusage bis 2028: 105+ Unternehmen in der „Made for Germany“ Initiative, gegründet von Christian Sewing (Deutsche Bank), Roland Busch (Siemens) und Mathias Döpfner (Axel Springer).
  • Investitionsschwerpunkte: KI-Infrastruktur, Halbleiter, Energienetze und Fachkräfteentwicklung. NVIDIA baut GPU-Cluster in Deutschland, Microsoft investiert in Azure-Rechenzentren.
  • Regulierung als Standortvorteil: EU AI Act und NIS2 schaffen Rechtssicherheit, die US-Investoren als Differenzierungsmerkmal gegenüber unregulierten Märkten sehen.
  • Fachkräfte-Signal: Die Initiative hat 2025 über 15.000 neue Tech-Stellen in Deutschland angekündigt. Allein Siemens schafft 3.000 KI-Positionen.
  • Board-Relevanz: Für Vorstände verschiebt sich die Frage von „Sollen wir in Deutschland investieren?“ zu „Wie schnell können wir die Investitionen produktiv machen?“

Warum 105 Unternehmen jetzt investieren

Die Gründung von „Made for Germany“ im Juli 2025 war kein PR-Event. Christian Sewing, CEO der Deutschen Bank, Roland Busch, CEO von Siemens und Mathias Döpfner, CEO von Axel Springer, haben mit persönlichem Engagement eine Koalition aufgebaut, die inzwischen die Hälfte der DAX-40-Unternehmen umfasst.

Die Logik dahinter: Deutschland hat 2024 die vierte Rezession in fünf Jahren hinter sich. Insolvenzanmeldungen stiegen um 25 Prozent. Die Abwanderungsdebatte dominierte die Wirtschaftspresse. Und trotzdem investieren internationale Konzerne wie NVIDIA, Microsoft und BlackRock Milliarden in den Standort. Nicht aus Sentimentalität, sondern aus Kalkül.

Der Grund: Deutschland bietet etwas, das Silicon Valley nicht hat. Ausgebildete Ingenieure, regulatorische Stabilität, EU-Marktzugang und eine Industriebasis, die sich mit KI transformieren lässt. Die 735 Milliarden Euro sind keine Spende. Sie sind eine Wette auf die nächste Dekade.

735 Milliarden Euro sind keine Spende. Sie sind eine Wette auf die nächste Dekade.

Made for Germany Initiative, seit Juli 2025

735 Mrd. €
Investitionszusagen der Made-for-Germany-Initiative bis 2028
Quelle: Made for Germany Initiative, Stand Ende 2025

Drei Investitions-Schwerpunkte die den Standort verändern

KI-Infrastruktur: NVIDIA und die Deutsche Telekom bauen Europas erste souveräne Industrial AI Cloud in München. Microsoft investiert über 3 Milliarden Euro in Azure-Rechenzentren in Nordrhein-Westfalen und Hessen. SAP verlagert KI-Entwicklungskapazitäten zurück nach Walldorf. Für CIOs bedeutet das: GPU-Kapazität „Made in Germany“ wird verfügbar, ohne Cloud-Act-Risiko.

Halbleiter und Hardware: Intel hatte seine Magdeburg-Fabrik zunächst auf Eis gelegt, andere füllen die Lücke. Infineon investiert in Dresden, Bosch in Reutlingen. Die EU-Chips-Act-Förderung fließt. Deutschland wird kein Taiwan, aber es baut eine resiliente Zulieferkette auf, die weniger anfällig für geopolitische Schocks ist.

Fachkräfte: Die Initiative hat sich verpflichtet, 15.000 neue Tech-Stellen zu schaffen. Siemens allein kündigt 3.000 KI-Positionen an. Für HR-Vorstände verschiebt sich der Fokus: nicht mehr „wo finden wir Leute?“, sondern „wie bilden wir um?“. Reskilling wird zur Board-Agenda.

Regulierung als Wettbewerbsvorteil

Die kontraintuitivste Erkenntnis der Initiative: EU-Regulierung schadet dem Standort nicht, sie stärkt ihn. Internationale Investoren, besonders aus den USA, sehen den EU AI Act und NIS2 als Differenzierungsmerkmal. In einem Markt ohne KI-Regulierung (USA) ist jede Investition ein Compliance-Risiko. In der EU sind die Regeln klar.

BlackRock-Vertreter haben das explizit bestätigt: Rechtsicherheit ist ein Investitionsfaktor. Wer weiß, welche Regeln in fünf Jahren gelten, kann besser planen als jemand, der auf den nächsten Regierungswechsel warten muss.

Für Vorstände bedeutet das eine Umkehr der Erzählung: Statt „trotz Regulierung investieren“ heißt es jetzt „wegen Regulierung investieren“. Die Compliance-Investitionen in NIS2 und AI Act sind nicht nur Pflicht, sondern Standort-Marketing.

Die Gegenposition: Reicht Optimismus?

Die Kritiker haben berechtigte Punkte. 735 Milliarden klingen beeindruckend, aber ein erheblicher Teil davon sind Investitionen, die ohnehin geplant waren. Die Bürokratie-Problematik ist real: 42 Prozent der mittelständischen Inhaber nennen laut KfW-Daten regulatorischen Aufwand als Hauptgrund für Betriebsaufgaben. Und die Energiepreise bleiben höher als in den USA.

Aber die Alternative zum Investieren ist Schrumpfen. Und schrumpfende Unternehmen gewinnen keine Fachkräfte, keine Marktanteile und keine Zukunft. Die Made-for-Germany-Initiative ist keine Garantie für den Turnaround. Sie ist eine Voraussetzung.

105+
Unternehmen in der Made-for-Germany-Koalition (Stand Ende 2025)
Quelle: Made for Germany Initiative

Was Vorstände jetzt tun sollten

1. Investitionspläne an die Initiative koppeln. Wer in KI, Cloud oder Security investiert, kann sich der Made-for-Germany-Kommunikation anschließen. Das verbessert die Employer Brand und signalisiert Commitment.

2. Regulierungs-Compliance als Standort-Argument nutzen. NIS2-Readiness und AI-Act-Konformität in der Investoren-Kommunikation positionieren. Das ist kein Kostenfaktor, sondern ein Asset.

3. Fachkräfte-Strategie an Reskilling ausrichten. Die 15.000 neuen Stellen entstehen nicht aus dem Nichts. Sie erfordern Umschulung, interne Akademien und Partnerschaften mit Hochschulen. HR gehört auf die Board-Agenda.

4. Standort-Entscheidungen jetzt treffen. Die Investitionsanreize (Chips Act, KI-Förderung, Energiesubventionen) haben Zeitfenster. Wer bis 2027 wartet, verpasst die günstigsten Konditionen.

Fazit

Made for Germany ist der erste ernstzunehmende Versuch, die Abwanderungsdebatte mit konkreten Zahlen zu beantworten. 735 Milliarden Euro, 105 Unternehmen, 15.000 neue Tech-Stellen. Die Herausforderungen bleiben: Bürokratie, Energiekosten, Fachkräftemangel. Aber die Richtung stimmt. Für Vorstände ist die Botschaft klar: Wer jetzt in den Standort investiert, investiert nicht in den Abstieg, sondern in den Neustart.

Häufige Fragen

Was ist die Made-for-Germany-Initiative?

Eine im Juli 2025 gegründete Wirtschaftsinitiative von über 105 Unternehmen, angeführt von Christian Sewing (Deutsche Bank), Roland Busch (Siemens) und Mathias Döpfner (Axel Springer). Ziel: Deutschland als Investitionsstandort stärken durch konkrete Investitionszusagen in KI, Infrastruktur und Fachkräfte.

Woher kommen die 735 Milliarden Euro?

Die Summe setzt sich aus Capex-Zusagen (Bau von Rechenzentren, Fabriken, Infrastruktur), R&D-Budgets und internationalen Investoren-Commitments zusammen. Ein Teil davon sind bereits geplante Investitionen, die durch die Initiative gebündelt und öffentlich gemacht werden.

Warum investieren US-Konzerne trotz hoher Energiekosten?

Wegen Rechtssicherheit (EU-Regulierung), Marktzugang (500 Mio. EU-Konsumenten), Fachkräfte (Ingenieure, Informatiker) und Industriebasis (Maschinenbau, Automotive als KI-Anwendungsfelder). Die Energiekosten sind ein Nachteil, aber nicht der einzige Faktor.

Was bedeutet das für den Mittelstand?

Der Mittelstand profitiert indirekt: mehr KI-Infrastruktur in Deutschland, mehr Fachkräfte durch Reskilling-Programme, bessere Förderbedingungen. Direkt beteiligen können sich Mittelständler über Zulieferbeziehungen und als Partner der großen Investitionsprojekte.

Wird Made for Germany den Standort wirklich retten?

Allein nicht. Die Initiative adressiert Investitionen und Signalwirkung, aber nicht die strukturellen Probleme: Planungsrecht, Genehmigungsverfahren, Digitalisierung der Verwaltung. Ohne politische Reformen bleiben die Investitionen Symptombekämpfung. Aber sie schaffen Zeit für diese Reformen.

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