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Ist die Viertagewoche auch in Deutschland und der EU denkbar?

Nach weltweit viel beachteten 4-Tage-Wochen-Testläufen in Island, Neuseeland und bei Microsoft in Japan, alle vor Corona, startet nun in Großbritannien mit 3.300 Arbeitnehmenden der größte bisher. Und damit wird auch in Deutschland und der EU die Forderung nach der Viertagewoche immer lauter.

Das Anfang Juni 2022 gestartete halbjährige Pilotprojekt im Vereinigten Königreich für die Viertagewoche (oder 4-Tage-Woche) ist mit mehr als 70 beteiligten Unternehmen und 3.300 Beschäftigten das weltweit größte bisher.

Island ist aber mit zwei spektakulären Testläufen 2015 und 2019 immer noch Quoten-Spitzenreiter. Denn dort hatte mit 2.500 Arbeitskräften mehr als ein Prozent der berufstätigen Bevölkerung davon profitiert, bei vollem Lohnausgleich nur noch 35 oder 36, statt 40 Stunden zu arbeiten. Und beim Testlauf ist es nicht geblieben, Island will die Viertagewoche dauerhaft etablieren – wie in anderen Ländern optional zumindest.

Nach einem Anfang Juni 2022 gestarteten Pilotprojekt, will Island nun die Viertagewoche dauerhaft optional etablieren (Quelle: Adobe Stock / zimmytws).
Nach einem Anfang Juni 2022 gestarteten Pilotprojekt, will Island nun die Viertagewoche dauerhaft optional etablieren (Quelle: Adobe Stock / zimmytws).

Die isländische NGO Alda hat die Ergebnisse des Testlaufs ausgewertet und sprach von einem „überwältigenden Erfolg“. So habe sich das Wohlbefinden der in kommunalen Einrichtungen Beschäftigten deutlich verbessert, was sich – ganz in der Intention der Pilotprojekte – in weniger Krankschreibungen und Burnout sowie in mehr Motivation und Effektivität sowie in einem besseren Employer Branding niederschlug. Digital Chiefs hat darüber schon berichtet und auch erwähnt, welchen langen Weg Deutschland gegangen ist von der bis 1825 in Teilen noch gültigen 82- zur 40- oder 35-Stundenwoche, wie sie in der Druck-, Metall- und Elektronindustrie schon gilt.

Auch Deutschland bewegt sich

Bei der Einführung der Viertagewoche kann man Islands Pilotprojekt eher nicht auf Deutschland übertragen (Quelle: Adobe Stock / andzher24).

Nun kann man Deutschland natürlich nicht mit Island vergleichen, wo auf weniger als ein Drittel der Fläche nur etwa 366.000 Menschen leben. Und ein Pilotversuch in überwiegend kommunalen Einrichtungen ist auch etwas anderes, als würde man in Deutschland mit über 44 Millionen Erwerbstätigen die Viertagewoche einführen.

Erschwerend kommt natürlich noch hinzu, dass die hiesige Wirtschaft immer noch sehr stark mittelständisch geprägt ist. Und die vor allem in den Großstädten wie Berlin, Hamburg und München erwachsende neue Startup Economy, wo man vor lauter Elan und Schaffenskraft nicht so genau auf die Uhr schaut und Tarifvereinbarungen eher hinderlich wären, ist auch kein geeignetes Pflaster für weniger Arbeitszeit.

Interessant ist allerdings, dass ausgerechnet das vermeintlich so konservative Japan gedanklich zumindest schon sehr viel weiter ist. So will das Kabinett in Tokio unter dem neuen Premierminister Yoshihide Suga Arbeitgeber dazu ermutigen, ihren Angestellten freizustellen, ob sie weiterhin fünf oder vier Tage in der Woche arbeiten wollen.

Das Management muss mitziehen oder sogar vorangehen

Microsoft Japan kam zu dem Ergebnis, dass die Produktivität der Mitarbeitenden dadurch um 40 Prozent gestiegen war. Hinzu kamen 23 Prozent weniger Stromverbrauch, 58 Prozent weniger Papiereinsatz und 25 Prozent weniger effektive Arbeitstage. Dabei hatte die damalige japanische Regierung 2016 noch Zahlen vorgelegt, wonach fast jedes vierte Unternehmen von den Beschäftigten erwartetet, dass sie 80 Überstunden pro Monat leisten. Diese Erwartungshaltung überträgt sich oft auch auf die Belegschaft.

Viele im Management fühlen sich hüben wie drüben auch unabkömmlich und finden es schwer, Dinge abzugeben oder zu delegieren. So ist es im Land der aufgehenden Sonne auch kein Wunder, dass Yahoo den rund 7.000 Angestellten die Viertagewoche zwar angeboten hatte, doch nur etwa 100 sich dafür beworben haben. Viele Beschäftigte wissen auch in Deutschland kaum, wie sie über Feier- und Brückentage ihr Arbeitspensum noch schaffen sollen. Die Freiwilligkeit wäre so wie in Japan also Voraussetzung für die Einführung der Viertage- oder 32-Stundenwoche. Vollen Lohnausgleich wie in Island können sich wahrscheinlich auch nur wenige Unternehmen leisten oder vorstellen, obwohl es schon Einzelfälle gibt oder gab.

Echte Schritte hin zu New Work

Die Gefahr, dass Zufriedenheit über einen freien Freitag zum kurzfristigen Gewöhnungseffekt werden könnte, sieht Kellam nicht und verweist dabei auf die positiven Effekte in Bezug auf Fitness und Familie aus der Studie in Island.

Ein freier Freitag hat langfristig positive Effekte auf Fitness, Familien und auch Leistungsfähigkeit (Quelle: Adobe Stock / Krakenimages.com).

Auf Einwände, dass eine Pflegekraft ohnehin schon kaum Zeit für ihre Patienten hat, sagte er, dass in solchen Berufen tatsächlich mehr Stellen her müssten, ein Pfleger, der genügend Zeit für Erholung, Freunde und Familie habe, aber auch leistungsfähiger sei.

Ein wichtiger Hebel, die Arbeitszeiten zu reduzieren, war in Island übrigens das Verkürzen oder Streichen von vielen nicht unbedingt notwendigen Meetings. Solche oft zeitraubende Meeting-Kulturen finden sich Kellam zufolge nicht nur in vielen Bürojobs, sondern auch in Krankenhäusern und Kindergärten.

Dass es Führungskräfte oft am schwersten fällt, weniger zu arbeiten und loszulassen, hat er auch in Island festgestellt. Sie hätten aber eine Vorbildfunktion. Und nur, wenn sie es schaffen, ihre Stunden zu reduzieren, würden sich das auch die Angestellten trauen.

Thematisch nah dran an New Work, wie es um 1980 einst der deutsch-amerikanische Philosoph Frithjof Bergmann als Abkehr von der „Lohnsklaverei“ entwickelt hat, ist in der Pandemie mit Remote Work und Homeoffice schon viel passiert in Richtung „weniger ist mehr arbeiten“.

Die Einführung der 4-Tage-Woche in Unternehmen hat in den Studienfällen zu positiven Reaktionen der Beteiligten geführt. Durch den Einsatz moderner Arbeitsmittel wie virtuellen Meetings und Cloud-basierten Tools, konnten Unternehmen ihre Arbeitsabläufe und Prozesse flexibilisieren und ermöglichen somit die Verkürzung der Arbeitszeiten. Das zeigt auch das bisher größte Projekt von über 3.300 Arbeitnehmenden und 70 teilnehmenden Unternehmen in Großbritannien: Durch die Verwendung von digitalen Tools konnte mehr Zeit für individuelle Aufgaben und Projekte genommen werden und Meetings auf ein Minimum reduziert werden, was die Arbeitsleistung nicht beeinflusst hat.  Die 4-Tage-Woche bietet nicht nur Vorteile für die Mitarbeiter, sondern auch für die Unternehmen selbst durch die Erhöhung der Motivation und Zufriedenheit der Mitarbeiter sowie der Senkung der Krankenstände. Trotz der vielen Vorteile gibt es jedoch auch noch Herausforderungen bei der Umsetzung und Praktikabilität in Deutschland, die noch weiter untersucht werden müssen.

Oftmals fehlt es dann jedoch am notwendigen Change Management bis hinauf in die Chefetagen. Denkt man jedoch daran zurück, wie groß der Aufschrei war, als in den Wirtschaftswunderjahren der Ruf nach der Fünftagewoche lauter wurde, und denkt man an die 35-Stundenwoche in einigen Tarifgruppen, wäre dahingehend eine politisch vorgegebene Viertagewoche sicherlich kontraproduktiv.

Auf der anderen Seite geht Vieles immer mehr in Richtung Automatisierung, Robotik und künstliche Intelligenz, wodurch auch einige einst gut bezahlte Jobs wie die der Übersetzer wegfallen. Daher gibt es in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft im zunehmenden Maße Überlegungen, Maschinen als Arbeitskräfte zu besteuern.

Quelle Titelbild: Adobe Stock / sinseeho

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