Industrie 4.0 nach 15 Jahren: Drei Lehren, die Industrie 5.0 systematisch vermeiden sollte
Angelika Beierlein
Hannover Messe 2026 läuft vom 20. bis 24. April unter dem Leitthema "Industrial Transformation". Wer ...
Der globale Uhrenmarkt steckt in einer Konsolidierungsphase. Die Exporte der Schweizer Uhrenindustrie sind rückläufig, die großen Konzernmarken unter dem Dach von LVMH, Richemont und Swatch Group kämpfen mit sinkender Nachfrage. Doch abseits der etablierten Häuser wächst ein Segment, das sich den üblichen Marktzyklen zu entziehen scheint: unabhängige Uhrenmanufakturen, sogenannte Independents. Ihre Namen – Urwerk, MB&F, Ressence – klingen nicht nach Genfer Tradition, und genau das ist Programm.
Was diese Marken für IT-Führungskräfte und Digitalverantwortliche interessant macht, geht weit über die Faszination für mechanische Zeitmesser hinaus. Es sind Fallstudien für radikale Produktinnovation, Community-getriebenes Wachstum und die strategische Nutzung digitaler Kanäle in einem der konservativsten Märkte der Welt.
Der Hype, der während der Pandemie um diese kleinen Manufakturen entstand, ist nach dem Platzen der Uhrenblase nicht abgeflacht, sondern hat sich sogar verstärkt. Sammler und Investoren wenden sich von den großen Marken ab, die zunehmend als austauschbare Statussymbole wahrgenommen werden. Stattdessen suchen sie nach Authentizität und handwerklicher Radikalität. Was hier passiert, lässt sich als Blaupause für Disruption in traditionellen Branchen lesen.
Der Begriff „Independent“ ist erklärungsbedürftig. Unabhängig sind schließlich auch große Familienunternehmen wie Patek Philippe oder Chopard. Der Unterschied liegt nicht in der Eigentümerstruktur, sondern in der Haltung. Independents brechen radikal mit ästhetischen und technischen Konventionen. Ihre Gründer treten als Persönlichkeiten auf, nicht als Markenbotschafter hinter polierten Fassaden. Die Kommunikation läuft direkt – über Social Media, über persönliche Treffen, über eine Transparenz, die in der Luxusindustrie ungewöhnlich ist.
Für Entscheider aus dem Technologieumfeld dürfte dieses Modell vertraut klingen: Es erinnert an die Dynamik von Open-Source-Communities oder an den Erfolg von Direct-to-Consumer-Marken, die den klassischen Einzelhandel umgehen. Der Mechanismus ist derselbe – Vertrauen durch Nähe, Loyalität durch Beteiligung, Wachstum durch echte Begeisterung statt durch Marketingbudgets.
Felix Baumgartner und Martin Frei gelten als Avantgarde der unabhängigen Uhrmacherei. Als sie sich vor fast drei Jahrzehnten selbstständig machten, wurden sie für verrückt erklärt. Ihre erste Uhr, die UR-101, war vom Millennium Falcon aus Star Wars inspiriert – ein Gehäuse, das nach Raumschiff aussah, keine klassischen Zeiger besaß und die Stundenanzeige im Halbkreis über Minutenmarkierungen springen ließ. Die Inspiration für das Konzept stammte aus einer Renaissance-Tischuhr, die einst für einen Papst gebaut worden war.
Baumgartner bringt das uhrmacherische Handwerk aus einer Uhrmacherfamilie mit, Frei das gestalterische Denken eines Grafikdesigners. Dieses komplementäre Gründerteam – Technik und Design auf Augenhöhe – erwies sich als entscheidend. „Am Anfang ging es darum, Vertrauen zu gewinnen“, erzählt Frei. In den 1990er-Jahren vertrauten Sammler ausschließlich bekannten Häusern. Die talentiertesten Uhrmacher waren als Zulieferer vertraglich an große Marken gebunden.
Was Urwerk durchsetzte, war Beharrlichkeit gepaart mit konsequenter Direktkommunikation. Social Media und Direktvermarktung halfen, eine Fangemeinde aufzubauen, die sich nicht über den klassischen Juwelierkanal erschließen ließ. Heute zählen Basketballlegende Michael Jordan und Schauspieler Robert Downey Jr. zum Kundenkreis. Seit dem Sommer 2025 vertreibt Wempe, Deutschlands größter Luxusjuwelier, die Marke – ein Zeichen dafür, dass Urwerk den Sprung von der Nische in den gehobenen Fachhandel geschafft hat.
Die jüngste Kooperation mit dem 179 Jahre alten Uhrenhersteller Ulysse Nardin – die limitierte Ur-Freak für 115.660 Euro – zeigt, wie Independents inzwischen auf Augenhöhe mit etablierten Manufakturen agieren. In der Uhr kreuzen sich die rotierenden Satelliten von Urwerk mit der kronenlosen Architektur der Freak von Ulysse Nardin. Die ersten sechs Exemplare für den deutschen Markt waren sofort vergriffen.
Maximilian Büsser wählte einen anderen Weg. Als um die Jahrtausendwende Harry Winston unabhängige Uhrmacher mit einer Sonderserie fördern wollte, war Büsser der Projektverantwortliche – und wurde vom Ermöglicher zum Gründer. MB&F, 2005 ins Leben gerufen, steht für Maximilian Büsser & Friends. Das F ist wörtlich zu nehmen: Die Manufaktur funktioniert als Netzwerk freier Uhrmacher und Designer, die gemeinsam Produkte entwickeln, wie sie kein einzelnes Unternehmen hervorbringen würde.
Das Organisationsmodell erinnert an das, was in der Softwareentwicklung als verteilte Teams oder Ökosystem-Ansatz bekannt ist. Büsser orchestriert Spezialisten – darunter den finnischen Uhrmacher Kari Voutilainen und den Designer Eric Giroud –, ohne sie fest anzustellen. Die daraus entstehenden Horological Machines sehen aus wie Objekte aus einem Science-Fiction-Roman. Ihre Formen sind von Rennwagen, Raumschiffen und einmal sogar von einer Bulldogge inspiriert.
Die betriebswirtschaftliche Bilanz war lange herausfordernd: Über zwanzig unterschiedliche Kaliber bei einer Jahresproduktion von gerade einmal 400 Uhren – selbst bei sechsstelligen Preisen kein Geschäftsmodell, das sich schnell rechnet. Büsser beschreibt die Anfangsjahre als „eine Fahrt durch einen Tunnel, bei der man nicht mehr mit Licht am Ende rechnet, sondern den Tunnel für den Normalzustand hält“. Seit der Pandemie hat sich die Lage grundlegend gewandelt. Mit der Zweitmarke M.A.D. Editions wurde eine breitere Käuferschicht erschlossen.
Was MB&F von anderen unterscheidet, ist der Community-Gedanke. Die rund 1500 Kunden werden als „Tribe“ gepflegt. Büsser unterscheidet nicht zwischen Erstkäufern und jenen, die auf dem Zweitmarkt eingestiegen sind. Diese Haltung schafft eine Bindung, die über den Kaufakt hinausgeht. Zum 20. Geburtstag 2025 wurden zehn Uhren im Wert von je 75.000 Euro verlost – teilnehmen durften ausschließlich Besitzer aller jemals hergestellten 4000 Exemplare.
2024 beteiligte sich Chanel mit 25 Prozent an MB&F. Die Nachfolgefrage hat Büsser ebenfalls adressiert: Ein ehemaliger Praktikant, der Berliner Designer Maximilian Maertens, wurde zum Kronprinzen ernannt. Das Firmenmotto, das er weitertragen soll: Ein kreativer Erwachsener ist ein Kind, das überlebt hat.
Benoît Mintiens arbeitet leiser als seine Kollegen, aber nicht weniger radikal. Der belgische Industriedesigner lässt seine Uhren in der Schweiz fertigen und hat mit Ressence – ein Kunstwort aus Renaissance und Essenz – eine Marke geschaffen, die mechanische Uhrmacherei so weit reduziert, dass das Ergebnis an eine Smartwatch erinnert.
Ressence verzichtet auf klassische Zeiger. Stattdessen nutzt Mintiens rotierende Scheiben, die das Zifferblatt in permanente Bewegung versetzen. Die Aufzugskrone fehlt; die Uhrzeit wird durch Drehung am Gehäuseboden eingestellt. Das spektakulärste Detail: Bei mehreren Modellen ist der Raum zwischen Zifferblatt und Uhrglas mit einem Spezialöl gefüllt. Es entsteht der optische Eindruck eines Minibildschirms – faszinierend und technisch anspruchsvoll zugleich, denn die restliche Uhrenbranche versucht Öl, das altern und verharzen kann, weitgehend zu vermeiden.
Dieser Mix aus mechanischer Ingenieurskunst und digitalem Erscheinungsbild trifft offenbar einen Nerv bei technikaffinen Käufern. Die Marke findet besonders bei Start-up-Unternehmern aus dem Silicon Valley Anklang – Menschen, die mit Technologie ihr Vermögen aufgebaut haben und eine mechanische Uhr wollen, die nicht nach dem 19. Jahrhundert aussieht. Seit der Gründung 2010 hat Mintiens die Jahresproduktion stetig auf geschätzte 800 Exemplare gesteigert. Die jüngste Type 7, ein Titangehäuse mit GMT-Funktion für 47.700 Euro, erweitert die Kollektion um eine Reiseuhr.
Die drei Marken zeigen Muster, die weit über die Uhrenbranche hinaus relevant sind. Erstens: Radikale Differenzierung schlägt inkrementelle Verbesserung. Urwerk, MB&F und Ressence haben nicht versucht, bestehende Produkte etwas besser zu machen. Sie haben die Grundannahmen der Branche infrage gestellt – wie eine Uhr aussehen muss, wie sie funktioniert, wie sie verkauft wird.
Zweitens: Community ersetzt Werbung. Keine der drei Marken verfügt über Marketingbudgets, die mit den Konzernmarken vergleichbar wären. Stattdessen investieren sie in direkte Beziehungen, Transparenz und persönliche Zugänglichkeit der Gründer. Das ist in einer Welt, in der Vertrauen die wertvollste Währung ist, ein strategischer Vorteil.
Drittens: Langfristigkeit schlägt schnelle Skalierung. Alle drei Unternehmen haben Jahre oder sogar Jahrzehnte gebraucht, um profitabel zu werden. In einer Branche, die auf Beständigkeit setzt, ist das Vertrauen in die Langlebigkeit der Marke mindestens so wichtig wie das Produkt selbst.
Für IT-Führungskräfte, die in ihren eigenen Märkten mit Commoditisierung und Austauschbarkeit kämpfen, liefern diese Geschichten eine klare Botschaft: Technische Exzellenz allein reicht nicht. Es braucht eine unverwechselbare Identität, den Mut zur Abweichung vom Branchenstandard und die Bereitschaft, lange durchzuhalten, bevor sich der Einsatz auszahlt. Felix Baumgartner, Maximilian Büsser und Benoît Mintiens haben das in einer der ältesten Handwerksindustrien der Welt bewiesen. Die Prinzipien, die sie erfolgreich gemacht haben, sind branchenunabhängig.
Independents sind unabhängige Uhrenmanufakturen, die nicht zu großen Luxuskonzernen wie LVMH, Richemont oder Swatch Group gehören. Sie zeichnen sich durch radikale Designansätze, kleine Produktionsmengen und eine direkte Beziehung zu ihren Kunden aus.
Sammler und Investoren suchen zunehmend nach Authentizität und handwerklicher Innovation statt nach austauschbaren Statussymbolen. Independents bedienen genau dieses Bedürfnis durch einzigartige Produkte, transparente Kommunikation und starke Gründerpersönlichkeiten.
MB&F funktioniert als kreatives Netzwerk freier Uhrmacher und Designer, die projektbasiert zusammenarbeiten. Dieses Modell ähnelt dem Ökosystem-Ansatz in der Softwareentwicklung und ermöglicht Produkte, die ein einzelnes Unternehmen so nicht hervorbringen würde.
Statt auf klassische Luxuswerbung setzen Independents auf Social Media, Direktvermarktung und persönliche Zugänglichkeit der Gründer. Sie bauen Community-getriebenes Wachstum auf – vergleichbar mit Direct-to-Consumer-Marken oder Open-Source-Communities.
Ressence verbindet mechanische Uhrmacherei mit einem Erscheinungsbild, das an digitale Displays erinnert. Rotierende Scheiben statt Zeiger und ölgefüllte Zifferblätter erzeugen eine minimalistische Ästhetik, die besonders Start-up-Gründer aus dem Silicon Valley anspricht.
Die zentralen Lektionen sind radikale Differenzierung statt inkrementeller Verbesserung, Community-Building als Ersatz für große Marketingbudgets und die Bereitschaft, langfristig zu investieren, bevor sich der Einsatz auszahlt.
Die Preise liegen im fünf- bis sechsstelligen Bereich. Ressence beginnt bei rund 47.700 Euro, MB&F-Modelle kosten ab etwa 75.000 Euro und Urwerk-Kooperationen wie die Ur-Freak liegen bei 115.660 Euro. Die Jahresproduktionen sind auf wenige hundert Exemplare begrenzt.
Quelle des Titelbildes: Unsplash
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