Deutschland hinkt bei Digitalisierung im Gesundheitswesen noch immer hinterher

Deutschland hinkt bei Digitalisierung im Gesundheitswesen noch immer hinterher

COVID-19 hat der Digitalisierung im Gesundheitswesen einen mächtigen Schub gegeben. Deutschland ist aber Vergleich sieben europäischer Länder am wenigsten darauf vorbereitet und hinkt auch bei der Umsetzung hinterher, zeigen Deloitte-Umfragen bei medizinischem Personal.

Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung im Gesundheitswesen vorangetrieben, sie hat aber auch schonungslos aufgezeigt, woran es hakt: Gesundheitsämter, die ihre Infektionszahlen per Fax weiterleiten und Impftermine per Telefonhotline sind nur zwei Beispiele. Vor allem im Vergleich mit anderen europäischen Ländern zeigen sich in Deutschland deutliche Defizite.

Deutschland wenig „präpariert“

Denn in einer neuen Deloitte-Studie zur Digitalisierung im Gesundheitswesen, für die medizinisches Personal in sieben europäischen Ländern befragt wurde, bildet Deutschland bei der Vorbereitung und der Umsetzung der Digitalisierung das Schlusslicht. Mit 86,5 % Zustimmung am besten digital „präpariert“ sehen die Dänen ihr Gesundheitswesen, gefolgt von den Niederländern und Portugiesen (jeweils 84,0 %), den Norwegern (78,6 %), den Italienern (74,8 %) und den Briten (UK, 67,8 %).

In Deutschland sind nur 66,1 % der Beschäftigten der Meinung, dass ihr Gesundheitswesen gut bis sehr gut auf digitale Technologien vorbereitet sind. 33,5 % sagen sogar, dass es gar nicht oder nur geringfügig digital gerüstet sei, nur die Briten sehen es ähnlich pessimistisch. Das mag so wie in Deutschland auch Teil der Mentalität oder allgemeinen Stimmungslage sein. Und in Dänemark ist auch nicht alles Gold, was glänzt, denn nachdem kleinere Kliniken zu größeren zusammengelegt wurden, klagen viele Krankenhausärzt:innen und -pfleger:innen über eine stark zunehmende Arbeitsverdichtung, die durch den für sie digitalen bürokratischen Aufwand noch vermehrt wurde.

Dänemark (der Not gehorchend) weit vorn

Ohne Digitalisierung ließe sich eine flächendeckende Gesundheitsversorgung in Dänemark mit dem vergleichbar geringen Land- und hohen Stadtbevölkerungsanteil (88,12 %) aber nur schwer aufrechterhalten. In Deutschland ist der Urbanisierungsgrad laut Statista mit 77,4 % deutlich niedriger, aber auch hier wird gerade in jüngster Zeit angesichts von Corona verstärkt diskutiert, Krankenhäuser und somit auch die Kompetenzen zusammenzulegen.

Digitalisierung im Gesundheitswesen
Ein großer Teil der Befragten, die in Krankenhäusern tätig sind, haben großes Vertrauen in digitale Technologien. Quelle Bild: Adobe Stock / Gstudio

Und das hat wiederum Konsequenzen für den Digitalisierungsbedarf. Um dem nachzukommen, schließen sich immer mehr Krankenhäusern zu Verbänden zusammen. Dem Landschaftsverband Rheinland (LVR) in Köln zum Beispiel sind eine Reihe von Kliniken in Nordrhein-Westfalen angeschlossen, die von ihm seit vielen Jahren schon unterstützt werden, die Digitalisierung voranzutreiben.

Aber nun zurück zur Deloitte-Studie. Diese trägt den Titel “Closing the digital gap – Shaping the future of European healthcare” (Schließen der digitalen Lücke – Formen der Zukunft des europäischen Gesundheitswesens) und weist gesondert auf die deutschen Ergebnisse hin. Demnach haben 95 Prozent der Befragten, die in Krankenhäusern tätig sind, sowie 78 Prozent des Personals in Tageskliniken und Arztpraxen großes Vertrauen und digitale Technologien. Sie glauben auch überwiegend, dass diese die Patientenversorgung verbessern können. Doch mit der Nutzung der Technologien scheint es oft noch zu hapern, wie diese Grafik zeigt:

Nutzung und gesehene Vorteile digitaler Technologien

Grafik über Nutzungsverhalten digitaler Technologien im Gesundheitswesen
Bei der digitalen Kranken- oder Patientenakte hinkt Deutschland deutlich hinter Dänemark und den Niederlanden hinterher. Quelle: Deloitte

Bei der digitalen Kranken- oder Patientenakte hinkt Deutschland deutlich hinter Dänemark und den Niederlanden hinterher, bei der Telemedizin ist ein großer Rückstand zu Dänemark, bei der Dispensierung von Medikamenten zu den Niederlanden zu verzeichnen. Bei elektronischen Rezepten bildet die Bundesrepublik das Schlusslicht mit jeweils über 70 Prozentpunkten Abstand zu den Niederlanden, Portugal und Norwegen. Das Potenzial elektronischer Rezepte wird in den meisten anderen europäischen Märkten deutlich höher eingeschätzt, das bezüglich der Telemedizin ist noch lange nicht erschöpft. Einzig führend ist Deutschland der Deloitte-Studie zufolge bei den digitalen Dienstplänen.

Hürden und Zukunft der Digitalisierung

Als Hürden für den Einsatz digitaler Technologien sieht sich das medizinische Personal besonders mit Bürokratie (61 %), hohen Kosten (57 %) und Schwierigkeiten der Technologiefindung (42 %) konfrontiert. Mit 46 % findet fast die Hälfte der Befragten auch zu wenig Unterstützung bei der Anwendung der Technologien. Dabei sagen 44 Prozent, dass sie bereits genügend Trainings erhalten haben, 53 Prozent sind aber gegenteiliger Meinung. Knapp ein Drittel der Allgemeinmediziner (32 %) und ein Fünftel der Fachärzte (21 %) haben nach eigener Aussage keine entsprechende Schulung erhalten.

Was die digitale Zukunft des Krankenhausbetriebs und Gesundheitswesens angeht, sind viele der Befragten noch skeptisch und sehen einen weiten Weg vor sich. Mehr als die Hälfte von ihnen (54 %) denken immerhin in Zeiträumen von maximal fünf Jahren, 38 Prozent aber eher in Zeiträumen von acht bis zehn Jahren. Das im Juni 2020 beschlossene und mit vier Milliarden Euro gepolsterte Krankenhauszukunftsgesetz soll aber nach Einschätzung der Befragten und von Deloitte als Digitalisierungsbeschleuniger wirken. Ibo Teuber, Director Health Care Deloitte, spricht von einer echten „Chance für ein digitales Update in Krankenhäusern“. Vergleicht man allerdings den digitalen Reifegrad deutscher Kliniken mit dem in anderen europäischen Ländern, erreichen nur wenige Krankenhäuser die höchste Stufe des Reifegradmodells der Non-Profit-Organisation HIMSS. „Es gibt somit noch große Potenziale, die europaweit nicht voll ausgeschöpft werden“, heißt es in der Pressemeldung zu der multinationalen Deloitte-Studie mit insgesamt 1.800 Befragten in ärztlichen und krankenpflegerischen Berufen, davon 400 allein in Deutschland.

Quelle Titelbild: Adobe Stock / vegefox.com

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