18.07.2023 | Bernhard Hagemann

Digitaler Produktpass – ein lückenloser „Lebenslauf“ für die Kreislaufwirtschaft

Der von der EU auf den Weg gebrachte digitale Produktpass (DPP) soll mehr Transparenz über den ganzen Lebenszyklus von Erzeugnissen schaffen und Verbraucher:innen und Unternehmen zu einem nachhaltigeren Konsum ermuntern. Bernhard Hagemann, Divisionsleiter „Public Business Apps“ bei Axians Deutschland und Managing Director, Axians eWaste GmbH, betont in diesem Beitrag die Notwendigkeit entsprechender digitaler Lösungen, um diesen Anforderungen gerecht zu werden.

Extremwetterereignisse in aller Welt und ständig steigende Temperaturrekorde zeigen den dringenden Handlungsbedarf, den Wirtschaft, Gesellschaft und Politik hinsichtlich der Themen Nachhaltigkeit und Klimaschutz haben. Der gemeinsame Kampf gegen den Klimawandel ist dabei eine Aufgabe für Generationen, braucht frische Ideen und Innovationen – genauso wie neue gesetzliche Vorgaben.

Ein Ansatz ist dabei das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, welches neue Standards in Bezug auf Umwelt- und Menschenrechtsschutz setzt. Dieses richtet sich in erster Linie an die Inverkehrbringer und vorerst auch nur an die Großen. Der von der EU und der Bundesregierung geplante digitale Produktpass (DPP) dagegen scheint ein noch viel wirksamerer Hebel zu sein. Als ein weiterer Teil des „Green Deal“ soll er Konsument:innen und Unternehmen dazu anregen, nachhaltigere Produkte zu kaufen und so Druck auf Industrie und Handel ausüben.

Abbild des gesamten Produktzyklus

Der digitale Produktpass soll wie ein Lebenslauf von den Rohstoffen bis zur Entwertung oder günstigstenfalls dem Recycling den gesamten Produktzyklus transparent abbilden und somit für einen nachhaltigeren Konsum sorgen. Gleichzeitig ist das neue Gesetz aber auch dafür gedacht, Verwertungsfirmen dabei zu unterstützen, ausrangierte Geräte besser zu recyclen, wie das Bundesumweltministerium (BMUV) es darlegt. Doch leider ist die Verwaltung und Steuerung der Abfallwirtschaft in der Regel noch viel zu papierlastig und es fehlt an digitalen Prozessen.

Bildquelle: BMU

„Papier ist geduldig“, Effizienz geht anders

Papier ist dem Sprichwort nach geduldig, aber nicht sehr effizient. Mit dem Produktpass soll es einen zentralen Ort geben, an dem alle Informationen zu einem Produkt zusammenfließen, um sie für bestimmte Nutzergruppen zugänglich zu machen. Man spricht hier von einem „Single Point of Truth“ (SPOT), auch „Single Source of Truth“ (SSOT) genannt. Es handelt sich dabei um ein Datenmodell, in dem mit hoher Qualität und Verlässlichkeit redundant allgemeingültige Datenbestände verfügbar gemacht werden sollen. So ist zum Beispiel daran gedacht, dass User über eine App darauf zugreifen können.

Konsument:innen oder auch Unternehmen können auf diese Weise umweltbewusstere Kaufentscheidungen treffen, um die Kreislaufwirtschaft zu einem nachhaltigeren Rohstoff- und Material-Sourcing sowie zu einem fachgerechten Recycling zu bewegen, so die Pläne der EU und der Bundesregierung.

Bezugsquellen und Lieferketten werden unter die Lupe genommen

Quelle: Adobe Stock / Quality Stock Arts

Auch die Fertigungsindustrie hat ein Interesse daran zu wissen, woher zum Beispiel die Seltenen Erden für Smartphones und Elektro-Autos stammen, weil umwelt- oder menschenrechtsbelastender Abbau auch das eigene Image schwer belasten kann und Unternehmen gezwungen sind, ihre Bezugsquellen und Lieferketten genauer unter die Lupe zu nehmen.

Laut dem Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, nukleare Sicherheit und Verbraucherschutz (BMUV) wird der Produktpass für Akkus schließlich auch Auswirkungen auf die Elektromobilität haben. Im Bereich der Verpackungen und Kunststoffe ist der Bedarf an verlässlichen Informationen ebenfalls hoch. Mittels digitaler Informationen, wenn sie denn vorhanden sind, lassen sich Kunststoffe in den Sortieranlagen viel besser unterscheiden, um sie zu recyclen. Denn bisher wird viel zu viel davon verbrannt, zur anderweitigen Entsorgung über die Weltmeere verschifft oder in Müllbergen vergraben.

Digitale Lösungen wie Axians eNATURE sind der bessere Weg

Dabei sind im Plastik, in Elektrogeräten oder Autos viele wertvolle Rohstoffe versteckt, die angesichts der zunehmenden Verknappung und gestörten Lieferketten einen sehr hohen und sogar noch steigenden Wert haben.

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Und das ist ein wichtiger Teil dieses EU-Gesetzesvorhabens. Auch wenn die Auswirkungen, für die von Corona und Lieferengpässen gebeutelte Wirtschaft groß scheint, profitieren am Ende alle, so der Plan.

Es hapert aber wie gesagt vielfach noch an entsprechenden digitalen Lösungen, wie wir von Axians eWaste sie mit unserer eNATURE genannten Produktpalette für nachhaltiges Umweltdatenmanagement bieten. Die eNATUREcloud ist ein Bündel von Bausteinen für das innerbetriebliche Abfallmanagement, Umweltreporting, Energiereporting und das CO2-Tracking. Unternehmen erhalten so stets einen genauen Überblick über ihre Abfallentsorgung und die eingesetzten Energien. Die Anwendung ist webbasiert und erfordert daher keine zusätzliche Software oder Datenbank. Sie ist mehrsprachig und auf Anfrage nicht nur in Deutsch und Englisch verfügbar. Sie ist geräteunabhängig und leicht zu erlernen. Und sie ist mit keinen jährlichen Grundkosten verbunden.

Quelle: Axians eWaste

So funktioniert der digitale Produktpass

Der digitale Produktpass dient als Informationsquelle im Zentrum eines zirkulären, regenerativen Systems. Als Herzstück soll er so für einen Kreislauf der Rohstoffe sorgen und das etablierte Modell der sogenannten „Wegwerfgesellschaft“ nach und nach ersetzen.

Diese Akteure sind am Kreislauf beteiligt:

➜ Rohstoffproduzenten entnehmen Grundstoffe aus der Natur und bereiten diese zu Rohmaterial auf. Sie übermitteln unter anderem Informationen zu Herkunft, Förderung, Produktionsstätte und den Bedingungen am digitalen Produktpass.

Hersteller erhalten aus dieser Informationsquelle die notwendigen Rohstoffinformationen, um das Material zu beziehen. Gleichzeitig übermitteln sie relevante Herstellerinformationen zurück.

Der Einzelhandel erhält diese Informationen, trifft  auf deren Basis seine Entscheidung und kauft die Produkte bei den Herstellern ein.

Verbraucher finden nun alle Informationen wie Umweltwirkung, Reparaturmöglichkeiten und Entsorgung in einer digitalen, zentralen Datenbank.

Die Reparaturbetriebe erhalten aufgrund von Beschädigungen oder eventueller Abnutzung die Produkte von den Endverbrauchern und können alle zur Reparatur benötigten Informationen vom digitalen Produktpass ablesen. Anschließend wird das Produkt, soweit möglich, der Kreislaufwirtschaft wieder zur Verfügung gestellt.

Die Unternehmer aus der Abfallwirtschaft treten dann, falls eine Reparatur nicht möglich sein sollte, als Entsorger an. Sie kennen alle digitalen und genauen Informationen über die Materialbeschaffenheit und kümmern sich um ein fachgerechtes Recycling. Die wieder verwertbaren Materialien gelangen als Sekundär-Rohstoffe in den Kreislauf zurück und gehen wieder in die Produktion.

Daten sind das Kernelement

Die webbasierte Software deckt somit alles ab, was für die moderne Abfallentsorgung benötigt wird. Dazu gehören Masken für Verträge und Aufträge an die Entsorgungsdienstleister, Rechnungen und Reports, inkl. Datentransfer für gefährliche Abfälle an die Zentrale Koordinierungsstelle ZKS-Abfall (Behörde).

Unterstützt wird das Ganze durch eine stammdatenbasierte Struktur, welche es wesentlich leichter macht, die Daten im Tagesbetrieb zu erfassen, die Fehleranfälligkeit zu senken und die Aussagefähigkeit von Analysen und Auswertungen zu untermauern. Dazu gehören unter anderem intern verwendete Materialien, Kostenarten sowie verschiedene vorgeschriebene Labels einschließlich die für bestimmte Gefahrgut- und Wassergefährdungsklassen.

Quelle: Axians eWaste

Fazit

Die Zeit fehleranfälliger und ineffizienter Insellösungen bei der Erfassung von Maschinen- und Produktdaten sollte längst vorbei sein. Der digitale Produktpass eröffnet eine Vielzahl an Möglichkeiten, nicht nur bestehende Prozesse zu optimieren, sondern auch die Voraussetzungen für neue Prozesse und Geschäftsmodelle zu schaffen und stellt eine konkrete Maßnahme in der Digitalagenda dar, um die Kreislaufwirtschaft weiter voranzutreiben. Denn nachhaltig wirtschaften heißt auch, bei der Produktherstellung das Klima zu schonen.

Quelle Titelbild: Adobe Stock | Miha Creative

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