30.06.2023

Viele Produktionsunternehmen wissen, dass sie in die Automatisierung investieren müssen. Sie stellen Vorhaben aber krisengeschüttelt noch viel zu sehr auf den ROI-Prüfstand und üben sich im Klein-Klein, anstatt das volle Potential von Industrie 4.0 auszuschöpfen, zeigt eine neue Studie.

Jetzt ist es raus: Nach Monaten und Wochen der Entwarnung deutet der neue ifo Geschäftsklimaindex im Mai 2023 darauf hin, dass die deutsche Wirtschaft doch in eine Rezession geschlittert ist. Größtes Sorgenkind ist die Fertigungsindustrie, und die hat nach vier Jahren Corona, Krieg und daraus resultierenden Lieferengpässen plus Arbeits- und Fachkräftemangel selbst genug Sorgen.

Daher ist es auch kein Wunder, dass viele Unternehmen der Manufacturing-Branche zwar die Notwendigkeit sehen, in die Automatisierung zu investieren und sich so von der Konkurrenz abzuheben. Doch statt das Thema ganzheitlich zu sehen und entsprechend anzugehen, konzentrieren sie sich – auch wegen Dauerkrise und Zukunftssorgen – vielfach nur auf den Return on Investment (ROI) sowie auf Einzel- und Insellösungen. So könnte man den „Industrie 4.0 Barometer 2023“ zusammenfassen, den die MPH Management und IT-Beratung GmbH zum fünften Mal mit der Ludwig-Maximilian-Universität München erstellt hat.

Manche Verbesserungen, aber auch weiterhin Nachholbedarf

Die jährlich neu aufgelegte, internationale Studie zeigt auch einige Verbesserungen in puncto Datenanalyse und den Einsatz künstlicher Intelligenz. Doch bei den neuen Schwerpunktthemen Shopfloor Automation, sprich Automatisierung der Fertigung,  und Sustainalibilty oder Nachhaltigkeit sieht die Studie noch Nachholbedarf, ebenso bei komplexeren Themen wie Digital Twins.

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Die Studie zeigt einige Verbesserungen in puncto Datenanalyse und den Einsatz künstlicher Intelligenz (Quelle: Adobe stock / Shutter2U).

Denn Nachhaltigkeit zum Beispiel ist für immer mehr Industrieunternehmen zwar ein wichtiges Anliegen, aber wenn die entsprechenden Ziele nicht mit denen der Wirtschaftlichkeit übereinstimmen, versiegt schnell die Bereitschaft, solche Projekte umzusetzen.

Für die Studie haben die Porsche-Tochter MPH und die LMU München diesmal weltweit 899 Teilnehmer:innen gewinnen können, 224 davon aus den USA, 239 aus der DACH-Region, 226 aus Großbritannien (UK) und 210 aus China, die meisten davon aus erster oder zweiter Ebene unter der Geschäftsführung. KMU mit bis zu 1.000 Beschäftigten stellten über die Hälfte der Befragten, gefolgt von Unternehmen mit 1.000 bis 9.999 Mitarbeiter:innen, die etwa 26 Prozent der Teilnehmer:innen ins Rennen schickten. Die restlichen 21 Prozent sind große Industrieunternehmen mit 10.000 und mehr Beschäftigten. Die Automobilindustrie war mit 26 Prozent am stärksten vertreten, und der überwiegende Teil der Befragten kam mit 36 Prozent aus den Bereichen Produktion und IT.

Ganzheitliche Digitalisierungsstrategien noch wenig in Sicht

Die Projektleiterin Prof. Christina Reich hat im Interview mit dem Vogel-Magazin Automobil-Industrie zu der ROI-Überbewertung gesagt, dass eine solche Berechnung im Bereich Digitalisierung in der Regel zwar möglich sei, indirekte Vorteile wie eine erhöhte Transparenz dabei aber vielfach unbeachtet blieben. Die hohen Initialkosten wirken ihr zufolge oft abschreckend. „Dabei reichen die Vorteile von ganzheitlichen Digitalisierungslösungen weit über die direkt messbaren Kennzahlen wie die Produktionskapazitäten oder Qualität hinaus“, so Reich. Ganzheitliche Digitalisierungslösungen seien noch nicht weit verbreitet oder schlicht nicht existent. Und das bedeute, dass wenige adaptive Beispiele (Best Practices) zur Verfügung stünden, die wertvolle Informationen für langfristig positive Effekte aufzeigen könnten. Dabei weist Prof. Reich besonders auf nicht zu vernachlässigende Synergievorteile hin. Um langfristig wettbewerbsfähig zu sein, sollte der Fokus nicht ausschließlich auf monetären Kennzahlen liegen, denn sonst bleibe es eben oft nur bei Insellösungen.

Ihr Kollege Dr. Walter Heibey geht zwar d’accord, dass sich jede Investition, die ein profitorientiertes Unternehmen tätigt, wirtschaftlich lohnen müsse. Ganzheitliche Digitalisierungslösungen seien aber so komplex und kostenintensiv, dass sie die reinen Beschaffungskosten für eine Produktionsanlage oder andere Hardware deutlich übersteigen.

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Ganzheitliche Digitalisierungslösungen sind sehr komplex und kostenintensiv (Quelle: Adobe stock / Generative ART).

Beim Blick auf den einzelnen ROI verliere man schnell den auf die ganzheitliche Orchestrierung. „Um das volle Potenzial auszuschöpfen, darf der einzelne lokale ROI nicht alleinig betrachtet werden. Der nächste Schritt ist dabei weg von einer lokalen, hin zu einer globalen, unternehmensweiten Betrachtung und Optimierung über alle Prozesse hinweg“, sagt Heibey.

Die vollständige Orchestrierung der einzelnen Prozessschritte dauere zwar länger und sei auch kostenintensiver, sei aber der stärkste Hebel, den ein Unternehmen in der industriellen Fertigung einsetzen könne. „Erst wenn dieses Stadium erreicht ist, kann der volle Mehrwert der Digitalisierungs- und Automatisierungslösungen skalierbar gemacht werden“, so der MHP-Partner weiter.

DACH-Unternehmen leiden unter „fehlerhafte Selbstwahrnehmung“

Der DACH-Region attestiert er nicht nur einen besonders großen Nachholbedarf, sondern auch eine „fehlerhafte Selbstwahrnehmung“. Denn viele Unternehmen  in Deutschland, Österreich und der Schweiz (eben DACH) schätzten die eigenen Fähigkeiten hinsichtlich Industrie 4.0 besser ein als den der Wettbewerber. Und das, obwohl sie ebenfalls überwiegend nur Pilotprojekte oder Insellösungen umgesetzt haben. Dabei zeige sich im DACH-Raum insgesamt ein größerer Nachholbedarf als im internationalen Vergleich mit den Folgen vieler nicht ausgeschöpfter Potenziale und eines wachsenden Kostendrucks bei gleichzeitigem Verlieren der Wettbewerbsfähigkeit, weil sie es an Innovationstempo missen lassen. Hinzu komme, dass die Unternehmen unter wachsendem Druck sind, individuellen Kundenanforderungen zu begegnen, aber gar nicht erkennen, welche Lösungsmöglichkeiten Industrie-4.0-Technologien ihnen auch mit Blick auf den individuellen Anwendungsfall eröffne.

Insgesamt, so die Einschätzung der Studie, sind trotz Krisen zwar keine Rückschritte bezüglich Industrie 4.0 erkennbar, die Umsetzungsgeschwindigkeit hat sich aber verlangsamt. Die Krisen hätten gezeigt, dass es jederzeit zu unerwarteten Ereignissen kommen kann, die es erfordern, resiliente Unternehmensstrukturen entgegenzusetzen und diese als Fähigkeit für permanente Verbesserungen durch Veränderungen zu begreifen. Und nur, wer jetzt strategisch auf Industrie 4.0 und Nachhaltigkeit setzt und diese Strategien auch konsequent umsetzt, die marktspezifischen Chancen und Hemmnisse kennt und zu seinen Vorteilen nutzt, werde auch in Zukunft profitabel agieren können, heißt es im Fazit der Studie von MHP und der LMU München.

Wer das ganze Potenzial von Industrie 4.0 ausschöpfen will, sollte das Thema ganzheitlich angehen und sich dafür einen kompetenten Lösungspartner wie Axians ins Boot holen, der eben genau diesen holistischen Ansatz hat und Unternehmen entsprechend berät.

Quelle Titelbild: Adobe Stock / tfk

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