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29.03.2021 | Axel Oppermann

Was kostet Digitalisierung?

Bedingt durch die Rahmenparameter will ich den Spannungsbogen heute kurz halten: Mittelständische Unternehmen geben in Deutschland einpaarundzwanzigmilliarden Euro für Digitalisierung aus. Große Unternehmen und Konzerne ein Zigfaches. Weltweit werden für Technologien und Services im Bereich der digitalen Transformation so um die 1,3 Billionen US-Dollar im Jahr investiert. Plus minus einige Dutzend Milliarden; versteht sich. Beantwortet das aber die Frage nach den Kosten der Digitalisierung? Die Antwort ist …

Die Antwort ist natürlich, selbstredend, auf jeden Fall: nein. Kann doch auch gar nicht anders sein. Oder? Sonst wäre der Artikel hier ja schon zu Ende.

Digitalisierung. Die digitale Transformation. Digitalisieren. Egal was Unternehmen im Bereich „Digital“ machen. Es ist ein kostspieliges Unterfangen, das neben Know-how und Zeit auch Geld braucht, um Ergebnisse zu erzielen. Das zeigt jedenfalls die Praxis. Viele Projekte scheitern oder bringen nicht die notwendige Investitionsrentabilität. Gesteckte Ziele werden teilweise nicht erreicht. So oder so: Die Digitalisierung ist mit Kosten verbunden. Wird digitalisiert, kostet es. Wird nicht digitalisiert, kostet es auch; wahrscheinlich sogar noch viel mehr. Es kommt also nicht nur auf das an, was investiert wird, sondern auch auf das, was nicht investiert wird.

Spaß kostet

Das Thema der Kosten der Digitalisierung kann grundsätzlich aus zwei zentralen Stoßrichtungen angegangen werden. Erstens: von den monetären Größen. Also Kosten, Ausgaben, Investitionen, Differenz von Aufwand und Ertrag. Und so weiter.

Zweitens: von nicht monetären Größen: nicht vorhandener Kundennutzen, nicht vorhandene Mitarbeiterzufriedenheit, nicht vorhandene Wettbewerbsfähigkeit, nicht vorhandene Relevanz, nicht vorhandene Nachhaltigkeit. Et cetera. Et cetera. Et cetera.

Herr Ober: Bitte Zahlen!

Die Analysten von IDC prognostizierten voriges Jahr in ihrem „Digital Transformation Spending Guide“, die weltweiten Ausgaben für digitale Transformation würden sich im Jahr 2020 auf 1,3 Billionen US-Dollar summieren. Dies entspricht einem erheblichen, aber zum Vorjahr geringeren Wachstum von etwas mehr als 10 Prozent. So beeindruckend die Werte sind, so nichtssagend sind sie gleichzeitig. Also schauen wir uns mal einige andere Werte, aus Deutschland, an. Hier verweise ich zunächst auf Zahlen der KfW Bankengruppe aus dem Jahr 2019. Die Experten von KfW Research haben seinerzeit ermittelt, dass der Mittelstand, eben im Jahr 2019, 19 Milliarden Euro für Digitalisierung, hier regelmäßig im Sinne einer digitalen Transformation, ausgeben werde. Im Durchschnitt seien es 17.000 Euro gewesen. Es wurde festgestellt, dass große Mittelständler rund das 23-Fache der kleinen Mittelständler für ihre Digitalisierung ausgeben. Mal kurz übersetzt: Die Investitionen für Digitalisierung streuen bei Unternehmen in Deutschland extrem. Losgelöst vom Erfolg der Projekte führt dies zu Verwerfungen. Auf der einen Seite große stark digitalisierte Unternehmen. Auf der anderen Seite kleinere Unternehmen, die nicht so stark digitalisiert sind und somit einen weiteren Wettbewerbsnachteil haben werden.

Laut einer weiteren Studie der KfW Bankengruppe aus dem Jahr 2020 planen etwas mehr als 60 Prozent der Unternehmen in Deutschland, bis 2022 Digitalisierungsvorhaben umzusetzen. Weitere 21 Prozent der Unternehmen befinden sich noch in der Entscheidungsphase. Und etwas weniger als 20 Prozent planen bis 2022 keine Digitalisierungsvorhaben. 

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Durch die schwächere Digitalisierung in kleinen Unternehmen verlieren diese meist im Wettbewerb gegenüber größeren Unternehmen. iStock / RomoloTavani

Besonders stark ist der Druck in Unternehmen mit mehr als 50 Millionen Euro Umsatz pro Jahr. In diesem Segment planen 94 Prozent der Unternehmen. Zum Vergleich: Bei Unternehmen mit weniger als 1 Million Euro Umsatz sind es 40 Prozent. 90 Prozent der Befragten sehen in der Digitalisierung eine Chance. Einen Druck von der Marktseite, also Forderungen von Endkunden nach, wie auch immer gearteten, digitalen Produkten und Dienstleistungen, spürt ein knappes Drittel der befragten Unternehmensentscheider.

Auch Städte und Gemeinden forcieren ihre Digitalisierung. Laut einer Studie der Interessensgemeinschaft Bitkom plant ein Großteil der Befragten, das Digitalbudget für 2021 zu erhöhen. Ein Drittel (34 Prozent) rechnet mit einem konstant bleibenden Budget, lediglich 1 Prozent will das Budget kürzen. Die Befragten Repräsentanten der Städte und Gemeinden sehen die Digitalisierung fast ausschließlich als Chance (96 Prozent) statt als Risiko (1 Prozent). Spannende Erkenntnis der Studie: 6 von 10 Kommunen sehen sich bei der Digitalisierung eher als Nachzügler, während sich 29 Prozent eine Vorreiterrolle zuschreiben. 7 Prozent geben an, den Anschluss an die Digitalisierung verpasst zu haben. Hierzu ein Vergleich: Laut einer Studie von Sopra Steria und dem F.A.Z.-Institut vom Oktober 2020 sieht sich jedes dritte Unternehmen bei der Digitalisierung im Rückstand. Das klare Dilemma solcher Aussagen: Fremdwahrnehmung und Eigenwahrnehmung. Aber egal.

Bitte Kontext!

Aber mal ehrlich: Ist es für das einzelne Unternehmen nicht vollkommen egal, was auf diesem Planeten für Digitalisierung in Summe ausgegeben wird? Klar. Es werden Zahlen für Benchmarks und Vergleiche gebraucht. Aber die Gesamtsummen sind doch eher zweitrangig. Wichtig wären KPIs pro durch die Digitalisierung gesparten Euro, Kosten pro extra erzielten Euro an Umsatz. Einen guten Benchmarkwert für den „Return on Digital Investment“. Kosten für die digitale Transformation eines Mitarbeiters. Und irgendwas mit Kundenzufriedenheit wäre auch noch gut. Und so weiter. Doch im Gegensatz zu den globalgalaktischen Marktzahlen rücken die Beratungs- und Analystenhäuser diese wichtigen und interessanten Kennzahlen nicht (so gerne) kostenlos raus. Deshalb müssen wir uns an dieser Stelle anders behelfen. Und zwar so:

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Es braucht oft mehrere Pilotprojekte im Umfeld der Digitalisierung, bis Erfolg sich einstellt. iStock / Wachiwit

Jetzt, wo viele mit Digitalisierungsprojekten experimentieren und einige wirkliche Erfolge vorweisen. Jetzt, wo „Digital“ nicht mehr nur ein Hobby technikaffiner Führungskräfte ist. Jetzt. Jetzt ist es an der Zeit, den Hype zu ignorieren und die Fakten abzuwägen.

Und Fakt Nummer 1 ist, dass Digitalisierung erst einmal Geld kostet. Fakt Nummer 2 ist, dass sehr viel von dem Geld verschwendet wird und keinen Mehrwert für Unternehmen oder die Gesellschaft bringt. Für alle, die sich bei Fakt 1 und 2 wiederfinden, kurz zur Aufmunterung. Erstens: Sie sind nicht allein. In einer bereits etwas älteren Studie (2019) von Accenture, die sich aber auf die Jetztzeit übertragen lässt, wurde ermittelt, dass vier von fünf Pilotprojekten im Umfeld der Digitalisierung scheitern. Zweitens: Das Geld ist ja nicht weg. Es hat nur wer anders. Und derjenige/diejenige setzt es im Zweifel besser ein.

Und hier kommen wir auch schon zu Fakt 3: Erfolgreiche Digitalisierung macht erfolgreiche Unternehmen. Wer morgens aufsteht, sieht das. Und wer den Digitalisierungsindex von techconsult liest und ihm glaubt, hat einen weiteren Beweis. Im Digitalisierungsindex für den Mittelstand steht: „Besonders deutlich wird der Zusammenhang zwischen Digitalisierungsgrad und wirtschaftlichem Nutzen bei der Gruppe der Digital Leader – also den Top-10-Prozent der Unternehmen in Sachen Digitalisierung: Diese Vorreiter sind auf dem Weg der digitalen Transformation mit hohem Tempo unterwegs und dem Rest der Unternehmen mit einem Indexwert von 85 Punkten deutlich voraus. Die Folge: Sie zeigen sich mit ihren Ergebnissen wesentlich zufriedener als der Rest der mittelständischen Unternehmen. 74 Prozent der Top-Performer sind mit ihrem Umsatz zufrieden, bei den übrigen Unternehmen sind es 44 Prozent. Ähnlich deutlich ist der Unterschied in Sachen Produkt- und Servicequalität: Hier zeigen sich 83 Prozent der digitalen Vorzeigeunternehmen zufrieden, die übrigen Unternehmen kommen nur auf 57 Prozent.“

Bitte eine Empfehlung!

Okay. Spätestens jetzt kommt doch bei Ihnen als Leser die Frage auf: Warum lese ich diesen Artikel überhaupt? Warum habe ich mich durch die 1.129 Wörter mit 7.956 Zeichen gequält? Für einige Marktzahlen? Für drei schwach begründete angebliche Fakten?

Ja. Sie haben recht. Aber gemach; gemach. Jetzt kommt die ultimative Aussage zu den Kosten der Digitalisierung:

Wird Digitalisierung (aka die digitale Transformation) richtig gedacht, handelt es sich im Grunde um eine Überholung des gesamten Unternehmens. Sie erfordert einen Kulturwandel, ein neues Selbstverständnis, neue Fähigkeiten und den Mut, über den Tellerrand der bisherigen Unternehmensgeschichte hinauszuschauen.

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Von Kultur über Selbstverständnis bis hin zum Mut, Änderungen zu schaffen - Digitale Transformation erfordert den Wandel eines gesamten Unternehmens. Quelle: iStock / Rouzes

Digitalisierung bedeutet, das Kerngeschäft zu stärken, neue Geschäftsfelder aufzubauen und zu fördern und für das Unternehmen vollkommen neue Geschäfte und Ideen zu entwickeln.

Das Problem dabei ist, dass viele der klassischen betriebswirtschaftlichen Methoden bei der Entscheidungsfindung nicht hilfreich bzw. zielführend sind. Oder kennen Sie eine Methode, mit der Sie die zukünftigen Schäden einer nicht rechtzeitig eingeleiteten oder realisierten Digitalisierung diskontieren können? Und wenn ja: Mit welchem Diskontierungssatz?

Zu abstrakt? Okay. Diese Diskussion geht am Kern des Themas vorbei? Auch eine Sichtweise. Aber ich will noch einen draufsetzen: Unternehmen haben auf zwei Arten und Weisen die Möglichkeit, Digitalisierung im Unternehmen anzugehen. Option 1: Jedes Jahr wird ein definierter Anteil vom Umsatz ausgegeben, realistisch wären für mittelständische Unternehmen je nach Unternehmensgröße bis zu 10 Prozent für Digitalisierung. (Zum Vergleich: Unternehmen geben für Forschung und Entwicklung jährlich durchschnittlich 5 Prozent vom Umsatz aus.) Von diesen 10 Prozent werden maximal 20 Prozent in zukünftig wichtige und relevante Mitarbeiter investiert. Überwiegend für Fortbildung und Co. 30 Prozent gehen in Technik. 20 Prozent in Prozesse. 30 Prozent in Innovationen. Option 2: Unternehmen investieren nur wohldosiert in einige kleine Digitalisierungs-
projekte, die das Kerngeschäft optimieren und stärken. Größere Projekte und Transformation werden in die Zukunft verschoben. Durch die Stärkung des Kerngeschäfts werden zusätzliche Renditen erzielt. Durch Wissenszuwachs und den technischen Fortschritt wird es zukünftig günstiger, die digitale Transformation im Unternehmen zu realisieren. In anderen Worten: Reicher und produktiver kann zukünftig die Digitalisierung erfolgreicher, qualitativ hochwertiger und schneller realisiert werden. Eine etwaige Lücke könnte schnell geschlossen werden. Hemmende Größen dieses Ansatzes sind einerseits die Anforderungen der Kunden und andererseits der Grad der Wettbewerbsintensität.

Bitte ein Fazit!

1. Digitalisierung kostet. Nicht zu digitalisieren kostet mehr.

2. Das Leichenschauhaus ist voll mit Unternehmen, die zu lange gewartet haben.

3. Der ökonomische Friedhof ist voll mit Unternehmen, die zu viel riskiert haben.

Quelle Titelbild: iStock / MicroStockHub

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