19.01.2021

Mehr noch als in anderen Bereichen gewinnt Nachhaltigkeit in den Rechenzentren zunehmend an Bedeutung. Das zeigt eine Studie, die sich mit den Auswirkungen von Effizienz und Nachhaltigkeit für Cloud und Service Provider beschäftigt hat.

Sustainability – Nachhaltigkeit – ist angesichts des Klimawandels heute eines der Schlagworte schlechthin. Auch wenn es nicht zwingend mit Umweltschutz und weniger Ressourcenverbrauch in Verbindung gebracht wird, stehen Rechenzentren dabei besonders im Fokus, weil sie trotz massiv gestiegener Leistung immer mehr an Energie verbrauchen. 2010 waren es in der EU laut einer Studie der Europäischen Kommission noch 53,9 TWh, 2018 bereits 76,8 TWh oder 2,7 Prozent des gesamten Stromverbrauchs in der EU. Besonders stark steigend ist dabei der Anteil der Cloud-Rechenzentren, viele davon sogenannte Data Center für Colocation oder Multitenant Data Centers (MTDCs).

451 Research und Schneider Electric haben nun eine Studie mit dem Titel „Multitenant Data Centers and Sustainability: Ambitions and Reality“ (Anspruch und Wirklichkeit) veröffentlicht. Dafür haben sie mehr als 800 Interviews mit RZ-Dienstleistern weltweit ausgewertet, um in Erfahrung zu bringen, wie es um die jeweiligen Nachhaltigkeitsstrategien bestellt ist.

Sustainability verspricht Wettbewerbsvorteile

Kundenerwartungen sind der der höchste Ansporn für Nachhaltigkeit. Quelle: Adobe Stock / weerapat1003

Es zeigte sich, dass über die Hälfte (57 Prozent) in der Nachhaltigkeit einen Wettbewerbsvorteil sehen und die Kundenerwartungen dabei mit 50 Prozent der höchste Ansporn sind. An zweiter, dritter, vierter und fünfter Stelle folgen mit 40 bis 35 Prozent erst die langfristige Widerstandsfähigkeit (operational resilience), regulatorische Vorgaben, Kosteneinsparungen durch Effizienz und die öffentliche Meinung.

Auffällig ist allerdings, dass nur 43 Prozent der Befragten nach eigenen Aussagen über strategische Initiativen für Nachhaltigkeit und Effizienzsteigerung in ihren Infrastrukturen verfügen. Betreiber in EMEA sind dabei mit 30 Prozent noch weit im Hintertreffen, denn in den USA sind es 57 Prozent, in China sogar 68 Prozent der Fachleute, die von einem entsprechenden Programm für Nachhaltigkeit und mehr Energieeffizienz sprechen.

Der Studie zufolge sind die weltweiten MTDC-Kapazitäten gemessen am verfügbaren Strom in den fünf Jahren bis 2019 um jährlich 10,2 Prozent oder insgesamt 62,4 Prozent angestiegen. Bis 2024 rechnet 451 Research mit einem weiteren Anstieg um 35,2 Prozent. Die für die IT-Kunden verfügbare Leistung soll dann die Marke von 32 Gigawatt übersteigen. Das sei in etwa so viel wie der jährliche Strombedarf von Spanien oder Kalifornien

Anspruch und Wirklichkeit klaffen oft auseinander

77 Prozent der Befragten gaben ab, dass alle (30 Prozent) oder die meisten ihrer Kunden auf vertraglich bindende Commitments mit Blick auf Energieeffizienz und Nachhaltigkeit drängen. Bei weiteren 17 Prozent trifft das zum Teil zu. Wie Datacenter Insider auffällt, sammeln dabei aber nur 56 Prozent der Unternehmen entsprechende Daten, um über KPIs wie Auslastung, Energieverbrauch und Energieeffizienz (PUE) die Nachhaltigkeit sicherzustellen und zu dokumentieren. Ein Viertel der Befragten erwägt es immerhin, 12 Prozent haben es versucht, aber wieder aufgegeben. Immerhin 37 Prozent messen die Kohlenstoffintensität an all ihren Standorten, weitere 42 Prozent an einigen Standorten. Ein ähnliches Bild ergibt sich mit 40 und 40 Prozent auch bei dem Tracking des Wasserverbrauchs. Unterm Strich bleibt aber, dass Anspruch der Kunden und Wirklichkeit oft noch weit auseinanderklaffen.

Jeweils 47 Prozent der Befragten haben sich für die nächsten zwei Jahre vorgenommen, die bestehende Lastverteilung (Power Distribution) und die entsprechende Infrastruktur zu verbessern. 40 Prozent wollen die Infrastruktur für Kühlung voranbringen, 36 Prozent die Kühlungseffizienz optimieren.

Best Practices und Potenziale

Eine Reihe von Best Practices zeigen, dass viele Rechenzentrumsbetreiber schon aus eigenem Interesse und auf Druck ihrer Kunden mehr in Nachhaltigkeit und Energieeffizienz investieren. Unternehmen wie WindCloud aus Schleswig-Holstein und windCores aus Paderborn haben sich zur Aufgabe gemacht, Windparks für die Energieversorgung ihrer Rechenzentren zu nutzen.

Auf der Webseite von windcores ist eine Grafik zu sehen, wonach 2019 rund 244 TWh aus erneuerbaren Energien gewonnen wurde, 5,4 TWh wurden aber nicht genutzt. 96 Prozent davon könnten ein Drittel aller Rechenzentren oder 1,7 Millionen Haushalte könnten mit dem abgeregelten, nicht genutzten Strom versorgt werden.

2019 wurden laut windcores rund 244 TWh aus erneuerbaren Energien gewonnen. Quelle: Adobe Stock / AA+W

Dafür bedürfe es aber einer weit besseren Stromverteilung in Deutschland. Bürgerinitiativen und regionale Politiker verhindern aber die Errichtung neuer Hochspannungsleitungen, um „windigen“ Ökostrom aus dem Norden bis nach Frankfurt oder München zu bringen, wo die meisten Rechenzentren sind. Da müsste sich noch viel tun, sonst würden noch mehr Großkunden ihre Data Center nach Skandinavien verlagern. Die Schweden, Norweger und Finnen scharren schon mit den Hufen und werben damit, dass ihre Permafrostböden im Norden und ihre kurzen Sommer ideale Voraussetzungen für wirklich nachhaltige Rechenzentren bieten.

Gefragt sind aber auch Programmierer, die mit Blick auf Energieverbrauch und Energieeffizienz bessere Software entwickeln. Denn bisher gilt oft noch ein Server pro Anwendung. Das muss sich dringend ändern.

Quelle Titelbild: Adobestock / weerapat1003

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