Chipkrise und kein Ende – Gründe und mögliche Auswege

Der Mangel an Halbleiterprodukten und Chips, der den Herstellern die Umsätze und den Konsumenten so manche Weihnachtsfreude verhagelt, ist noch nicht vorbei. Aber wie kam es eigentlich dazu? Was sind die Ursachen und welche Auswege zeichnen sich ab?

Wer heute ein Auto, eine Küche oder ein Notebook bestellt, muss längere Lieferzeiten in Kauf nehmen. Denn überall sind mittlerweile Chips und andere Halbleiterprodukte verbaut, die aus mehreren Gründen auf sich warten lassen. Scott Keogh, der 2018 die Leitung der Volkswagen Group in den USA übernahm, rechnet der WirtschaftsWoche zufolge damit, dass der Chipmangel in der Automobilindustrie noch mindestens bis zur zweiten Hälfte 2022 anhalten wird.

Pkw-Hersteller leiden unter der Krise…

Die Industrie müsse daraus eine Lehre ziehen und die Zahl der Halbleiter pro Auto begrenzen. Außerdem sollten die Automobilhersteller sich mehr als bisher in die Lieferketten einschalten. Mittel- oder Oberklassewagen waren vor zehn Jahren schon mit über 90 Sensoren und Aktoren ausgestattet. Der Umstieg auf die E-Mobilität macht einige Sensoren und Halbleiterprodukte vielleicht überflüssig, unterm Strich wächst aber der Bedarf, zumal die Vernetzung der Fahrzeuge immer mehr steigt.

Der viel zitierte Ferdinand Dudenhöfer vom privaten Center Automotive Research (CAR) geht laut Spiegel für 2021 gerade mal von 2,7 Millionen verkauften Fahrzeugen in Deutschland aus, ein Minus von 8 Prozent gegenüber dem ebenfalls schwachen Vorjahr 2020. Erst wenn die Halbleiterkrise und die Verwerfungen aus der vierten Corona-Welle überwunden sind, könne man in der zweiten Hälfte des Folgejahres wieder mit einem kräftigen zweistelligen Wachstum rechnen und mit einem Wachstum von rund 10 Prozent auf 3,01 Millionen Fahrzeuge für das Gesamtjahr 2022.

… sind aber nicht die einzigen

Die Automobilindustrie ist aber nicht die einzige Branche, die unter der Chipkrise leidet. Heise zufolge hat die Unternehmensberatung Goldman Sachs 169 Branchen identifiziert, die 2021 damit zu kämpfen haben. Hersteller von Smartphones gehören ebenso dazu wie die von Computern und Notebooks, von WLAN-Routern und von medizinischen Geräten. Und selbst in Kühlschränken, Waschmaschinen und Herden sind Chips heute unverzichtbar.

Wie es im Bericht heißt, lohnt ein Blick zurück, um die künftige Situation besser einschätzen zu können. Anfang 2020 sah demnach noch alles rosig aus. Die Halbleiterindustrie hatte sich gerade von einem langanhaltenden Abschwung erholt und bereitete sich auf einen kräftigen Konjunkturaufschwung vor. Doch dann kam Corona und damit eine von den Automobilherstellern befürchtete schwächere Nachfrage.

Jede Menge Gründe für den Chipmangel

Nach einem kurzen Einbruch im Frühjahr 2020 haben die Chefeinkäufer der Automobilkonzerne fast panikartig Aufträge an Chiphersteller, wie dem weltweit größten Halbleiter-Auftragsfertiger Taiwan Semiconductor (TSMC) storniert. Doch dann kam alles anders, denn plötzlich zog die Pkw-Nachfrage laut Kota Yuzuwa, Automobilanalyst bei Goldman Sachs, wieder stark an.

Nicht nur die Automobil-Branche leidet unter dem Chip-Mangel. Bildquelle: Adobe Stock/kaptn

Die stornierten Fertigungskapazitäten bei TSMC und Co. standen aber nicht mehr zur Verfügung, zumal sie wegen des massenhaften Aufbruchs ins Homeoffice an anderer Stelle gebraucht wurden. Abgesehen von der jäh gestiegenen Nachfrage nach Smartphones, Laptops und Tablets dürstete es die Konsumenten daheim auch nach Unterhaltungselektronik wie Spielekonsolen oder eben nach neuen Küchengeräten. Und damit waren die weltweiten Chipvorräte bald aufgebraucht.

Erschwerend kam noch eine Kette von klimatisch bedingten Produktionsausfällen hinzu. In einem Werk im texanischen Austin hatten Chiphersteller wie Samsung, NXX und Infineon nach Schneestürmen den Betrieb stoppen müssen, weil die Stromversorgung ausgefallen war und die Produktion in den kurz Fabs genannten Halbleiterfabriken nicht mehr kontrolliert heruntergefahren werden konnte. Die Folgen waren nicht nur Schäden an den Produktionsanlagen, sondern auch an Infrastrukturkomponenten. In Japan kam es nach Naturkatastrophen und Bränden in Chipfabriken ebenfalls zu Produktionsausfällen, so etwa im März 2021 bei Renesas Electronics, wodurch sich die Knappheit an Mikrokontrollern noch verschärft hat.

Die von Ex-Präsident Donald Trump verhängten US-Sanktionen gegen chinesische Hightech-Konzerne wie Huawei im Bereich Chiptechnologien haben auch noch Öl ins Feuer gegossen und dazu geführt, dass chinesische Unternehmen im großen Stil noch alle verfügbaren Chips und Produktionsanlagen aufkauften. Nicht zuletzt fehlt es auch noch an ABF-Trägerfolien, wofür es mit dem japanischen Konzern Ajinomoto nur einen Hersteller weltweit gibt. Das Unternehmen hatte an ABF-Folien kaum etwas verdient und daher das Interesse verloren, den Bereich auszubauen, sich dann aber doch dem Druck der Halbleiterindustrie gebeugt und die Produktionsmengen wieder hochgefahren.

Jan-Peter Kleinhans, der zusammen mit Julia Hess für die Stiftung Neue Verantwortung eine Studie zu den Ursachen der Chipkrise verfasst hat, findet das sehr frustrierend für die Chiphersteller: „Der Silizium-Wafer ist belichtet und eigentlich fertig. Und dann fehlt es mit ABF an einem vergleichsweise billigen Material, um den letzten Produktionsschritt zu absolvieren“, zitiert ihn Heise.

Auswege aus der Krise dauern

Auswege aus der Chipkrise könnten, wie bei den fehlenden medizinischen und FFP2-Masken Anfang der Pandemie, der Aufbau eigener europäischer oder deutscher Produktionskapazitäten sein. Aber das geht natürlich auch nicht über Nacht oder ein paar Monate.  „Der Ausbau unserer bestehenden Fabs in Irland dauert zwischen 18 und 24 Monate“, äußert sich zum Beispiel Christin Eisenschmid, die Deutschlandchefin von Intel. Beim Neubau einer Anlage müsse man sogar mit vier Jahren rechnen. Intel wolle mehrere Milliarden Euro investieren, allein könne man das aber nicht schaffen, so Eisenschmid in DerStandard.

Die Abnehmer, allen voran die Automobilhersteller, arbeiten dem Magazin zufolge ebenfalls an Lösungen, um aus der Chipkrise herauszukommen. So wollen zum Beispiel europäische Player wie BMW, Bosch, Mercedes Benz und Volkswagen über ihr europäisches Partnernetzwerk Catena-X ihre Lieferketten transparenter machen. Denn in anderen Regionen der Welt wird die Chipproduktion massiv subventioniert, wodurch sich diese von Europa immer mehr nach Asien verlagert hat. Aktuell stemmt Europa nur noch 9 Prozent der weltweiten Halbleiterfertigung, in den 1990er Jahren waren es noch 44 Prozent, gibt die Intel-Chefin zu Bedenken. Das heißt, dass auch die Politik gefordert ist, etwas zu ändern, um Engpässen in Zukunft auszuweichen.

Quelle Titelbild: Adobe Stock/Shuo

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