SaaS-Portfolios brauchen eine Exit-Strategie, kein nächstes Tool
Eva Mickler
7 Min. Lesezeit Die einfachen SaaS-Konsolidierungen sind durch. Wer doppelte Tools streichen wollte, ...
7 Min. Lesezeit
„86 Prozent der CIOs planen Cloud Repatriation“ lautet die Überschrift, die sich seit Monaten durch die Tech-Medien zieht. Die Zahl stammt aus einer Barclays-Umfrage und ist technisch korrekt – und strategisch irreführend. Gartner rechnet für 2025 mit 21,5 Prozent Wachstum beim Public-Cloud-Spending auf 723 Milliarden US-Dollar. Nur 8 bis 9 Prozent der Unternehmen planen laut IDC echte Full-Repatriation. Der eigentliche Trend ist kein Rückzug, sondern eine präzisere Zuteilung zwischen Cloud, Hybrid und On-Premises. CIOs, die das nicht sehen, kämpfen den falschen Kampf.
Die Schlagzeile ist rhetorisch stark und analytisch schwach. Barclays hat in seiner CIO-Umfrage für das vierte Quartal 2024 gefragt, ob Unternehmen planen, Workloads aus der Public Cloud in Private-Cloud- oder On-Premises-Umgebungen zurückzuführen. 86 Prozent haben mit Ja geantwortet – die höchste Rate, die Barclays jemals gemessen hat. Diese Zahl ist seither in Hunderten Artikeln als Beleg für den „Cloud-Rückzug“ zitiert worden.
Was die Zahl nicht sagt: wie viele Workloads pro Unternehmen betroffen sind. Wer einen einzigen Workload zurückführt – etwa eine Datenbank mit besonders hohen Compliance-Anforderungen – beantwortet die Frage mit Ja. Wer zehn Prozent des Portfolios umzieht, auch. Wer komplett aussteigt, ebenfalls. Alle drei Gruppen stehen in derselben Umfrage-Zeile, obwohl ihre strategische Entscheidung grundverschieden ist. Die 86-Prozent-Zahl ist damit eine Messung von Bewegung, keine Aussage über Richtung.
Wer tiefer schaut, findet die wichtigere Gegenzahl. Die IDC-Umfrage zu Server- und Storage-Workloads meldet, dass nur 8 bis 9 Prozent der Unternehmen eine vollständige Workload-Repatriation planen. Die übrigen 77 bis 78 Prozent der „Ja“-Stimmen aus der Barclays-Umfrage gehen in selektive Umverteilung, nicht in einen Ausstieg aus der Cloud. Für CIOs, die ihre Architektur-Entscheidung auf die Medien-Schlagzeile bauen, ist das ein teurer Lesefehler.
Die eindrucksvollste Widerlegung des Repatriation-Narrativs liefert Gartners aktuelle Public-Cloud-Spending-Prognose für 2025. Der weltweite Gesamtmarkt wächst laut Gartner von 595,7 Milliarden US-Dollar auf 723,4 Milliarden US-Dollar – ein Plus von 21,5 Prozent. Wenn 86 Prozent der CIOs tatsächlich im großen Stil Workloads zurückführen würden, wäre ein solches Wachstum mathematisch unmöglich. Entweder die Repatriation-Story ist falsch, oder die Gartner-Zahlen sind falsch – beides gleichzeitig geht nicht.
Interessant ist die Segment-Aufteilung. Infrastructure as a Service wächst mit 24,8 Prozent am schnellsten, Platform as a Service folgt mit 21,6 Prozent, Software as a Service kommt auf 19,2 Prozent. Genau die IaaS-Ebene, die am meisten von Repatriation betroffen sein sollte, zeigt das stärkste Wachstum. Sid Nag, Vice President Analyst bei Gartner, fasst es nach Angaben von The Stack so zusammen, dass die Cloud-Use-Cases sich weiter ausdehnen, mit zunehmendem Fokus auf verteilte, hybride, cloud-native und Multi-Cloud-Umgebungen, getragen durch die AI-Beschleunigung. Die Paraphrase trifft den Punkt: Cloud-Ausgaben sinken nicht, sie verlagern sich.
Quellen: Barclays CIO Survey Q4 2024, IDC Server and Storage Workloads Survey, Gartner Cloud Forecast November 2024
Die drei Zahlen stehen nicht im Widerspruch zueinander, wenn man sie richtig einordnet. 86 Prozent der CIOs bewegen Workloads – aber selektiv, nicht vollständig. 8 bis 9 Prozent planen den großen Ausstieg – eine relevante Minderheit, aber eben eine Minderheit. Der Markt wächst mit 21,5 Prozent – weil neue Workloads schneller entstehen, als alte zurückgeführt werden. Die Headline „Cloud Repatriation“ beschreibt eine reale Bewegung, aber sie überzeichnet ihre Bedeutung.
Definition
Cloud Repatriation bezeichnet das Zurückholen eines zuvor in die Public Cloud migrierten Workloads in eine Private-Cloud- oder On-Premises-Umgebung. Der Begriff wird oft mit Hybrid Reallocation verwechselt, bei der ein Workload nicht zurückgezogen, sondern von Anfang an bewusst zwischen mehreren Deployment-Zielen verteilt wird. Repatriation ist eine Korrektur, Reallocation ist eine Strategie.
Die wichtigere Zahl als die 86 Prozent ist die 90-Prozent-Prognose. Gartner rechnet damit, dass bis 2027 rund 90 Prozent aller Organisationen Multi-Cloud- und Hybrid-Strategien verfolgen. Für 40 Prozent der Enterprises werden diese Hybrid-Architekturen bis Ende 2026 kritische Workloads tragen – ein Sprung von 8 Prozent in den Vorjahren. Das ist der eigentliche Architektur-Shift: weg von der Cloud-First-Doktrin, bei der jeder neue Workload automatisch in die Public Cloud gewandert ist, hin zu einer Workload-bezogenen Entscheidung.
Hybrid als Architektur unterscheidet sich fundamental von Repatriation als Korrektur. Repatriation impliziert, dass eine frühere Entscheidung falsch war und rückgängig gemacht wird. Hybrid impliziert, dass es nie eine pauschale Entscheidung hätte geben sollen, sondern immer eine pro-Workload-Abwägung. CIOs, die ihre Cloud-Strategie 2026 neu aufsetzen, müssen sich entscheiden: Wollen sie retrospektiv korrigieren und das dann der Öffentlichkeit als Lernkurve verkaufen, oder wollen sie prospektiv eine differenzierte Architektur bauen und den Fokus auf Workload-Bewertung legen?
Die zweite Option ist strategisch die stärkere. Sie signalisiert intern und extern, dass die Organisation ihre Infrastruktur-Entscheidungen auf Basis von Daten trifft, nicht auf Basis von Trend-Meldungen. Sie eröffnet die Möglichkeit, Public Cloud für bestimmte Workloads weiter zu nutzen, ohne der vereinfachten Kritik „die Cloud hat euch betrogen“ ausgeliefert zu sein. Und sie ist realistischer zur Gesamtmarkt-Entwicklung, die mit 21,5 Prozent Wachstum eindeutig in die Gegenrichtung zeigt.
Damit das Argument fair bleibt: Es gibt Workloads, bei denen eine Rückführung technisch und finanziell sinnvoll ist. Die Repatriation-Bewegung existiert nicht zufällig. Drei Kategorien dominieren die realen Fälle aus 2025 und 2026.
Die erste ist AI-Training und -Inference mit hoher GPU-Intensität. Wer kontinuierlich Modelle trainiert oder hohe Inference-Volumen fährt, zahlt in Public Clouds schnell sechsstellige monatliche Rechnungen – GPU-Stunden sind die teuerste Preiskategorie auf AWS, Azure und GCP. Für diese Workloads lohnt sich eigene Hardware oder Colocation oft bereits ab sechs bis neun Monaten Amortisation. BizTech Magazine hat im August 2025 Fälle aus der Pharma-Industrie dokumentiert, bei denen Enterprises ihre LLM-Trainings-Cluster bewusst aus der Public Cloud auf eigene GPU-Farmen in Colocation-Rechenzentren migriert haben.
Die zweite Kategorie sind Workloads mit hohen Datenvolumen und Egress-Kosten. Wer Terabytes pro Tag aus der Cloud herausbewegt – etwa für Video-Verarbeitung, Backup-Export oder ML-Pipelines mit on-premises-Anschluss – bezahlt die Egress-Gebühren dreifach: einmal beim Erzeugen der Daten, einmal beim Speichern, einmal beim Rausbewegen. Der EU Data Act hat die Spielregeln für Egress-Fees ab 12. Januar 2027 verschärft, aber für bestehende Verträge bleibt die Kosten-Realität bis dahin unverändert. Repatriation dieser Workloads ist oft weniger Glaubensbekenntnis als Mathematik.
Die dritte Kategorie ist Regulatorik. Gesundheitsdaten in der Schweiz, bestimmte Finanzdaten unter DORA, hochsensible öffentliche Verwaltungsdaten unter EU-Souveränitäts-Anforderungen – für diese Workloads gelten Architektur-Vorgaben, die Public Cloud schwer bis gar nicht erfüllen kann. Repatriation ist hier keine Kostenfrage, sondern eine Compliance-Entscheidung. Die 8 bis 9 Prozent Full-Repatriation-Fälle aus der IDC-Umfrage kommen überproportional aus diesen regulierten Sektoren.
Für die gegenüberliegende Seite der Abwägung gibt es ebenfalls klare Muster. Drei Workload-Kategorien werden durch Repatriation nicht günstiger, sondern teurer – und CIOs sollten sie identifizieren, bevor ein pauschaler Rückzug beschlossen wird.
| Workload-Typ | Repatriation sinnvoll | Repatriation teuer |
|---|---|---|
| AI-Training und -Inference | Ja (hohe GPU-Intensität) | – |
| Spikeförmige Web-Applikationen | – | Ja (Auto-Scaling-Vorteil) |
| Datenintensive Egress-Pipelines | Ja (Egress-Kosten) | – |
| Globale SaaS-Delivery | – | Ja (Multi-Region-Reach) |
| Regulatorik-sensitive Daten | Ja (Souveränitäts-Anforderung) | – |
| Serverless Event Processing | – | Ja (Pay-per-Invocation-Vorteil) |
Quellen: Gartner Cloud Forecast 2024, Puppet Cloud Repatriation 2025, Kubermatic Public Cloud Analysis
Spikeförmige Web-Applikationen mit unregelmäßigen Lastspitzen sind der Klassiker, bei dem Public Cloud ihre Stärke ausspielt. Wer eigene Infrastruktur für den Peak-Traffic bauen muss, zahlt 24 Stunden am Tag für Kapazität, die er an 20 Stunden nicht braucht. Die Cloud-Rechnung mag bei voller Auslastung höher sein, aber Total Cost of Ownership bei schwankender Last ist On-Premises fast immer schlechter. Für die gleiche Logik gilt Serverless Event Processing: Pay-per-Invocation-Modelle sind für sporadische Workloads strukturell günstiger als dedizierte Hardware.
Globale SaaS-Delivery ist der zweite Fall. Wer Nutzer in mehreren Regionen bedient und Latenz-sensitive Services bereitstellt, braucht Multi-Region-Infrastruktur. Public Cloud liefert diese Reichweite zum Bruchteil der Kosten, die eine eigene globale Infrastruktur verursachen würde. Die Rückführung globaler SaaS-Workloads ist nicht nur teuer, sondern produziert auch operative Probleme bei Disaster Recovery und Failover.
CFOs haben die Repatriation-Schlagzeile gelesen und fragen in vielen Unternehmen nach „unserer Strategie“. Die Antwort darauf ist keine Zahl und kein Ja oder Nein. Die beste Antwort ist eine Frage zurück: Welche Workloads meinen wir? Auf welcher Datenbasis bewerten wir sie? Wer sich auf die Repatriation-Folie einlässt, verkauft eine Einsparung, die in 90 von 100 Fällen nicht eintritt. Wer stattdessen eine Workload-bezogene Bewertung vorschlägt, verkauft Kompetenz.
Konkret bedeutet das drei Dinge für das Board-Gespräch. Erstens: Die Organisation braucht eine Workload-Inventur mit aktuellem Kosten- und Performance-Stand. Ohne diese Basis ist jede Repatriation-Diskussion spekulativ. Zweitens: Die Organisation braucht ein Entscheidungsraster, das Workloads nach den sechs bis acht kritischen Dimensionen bewertet – Compliance, Datenvolumen, Latenz-Anforderung, Skalierungsmuster, AI-Intensität, Vendor-Risiko. Drittens: Die Organisation braucht eine klare Erwartungshaltung, was Repatriation realistisch bringen kann. 20 Prozent Kosteneinsparung bei 30 Prozent der Workloads sind ein gutes Ergebnis – keine Revolution, aber eine messbare Verbesserung.
Cloud Repatriation ist kein Mythos, aber es ist auch kein Flächentrend. Die Medien-Coverage verwechselt einzelne Workload-Verschiebungen mit einem grundlegenden Architektur-Shift. Der eigentliche Trend ist Hybrid als Strategie – nicht als Korrektur einer falschen Cloud-Entscheidung, sondern als differenziertere Bewertung pro Workload. CIOs, die das verstehen, können 2026 eine Cloud-Strategie aufbauen, die intern und extern tragfähig ist. CIOs, die der Repatriation-Narrative hinterherlaufen, verkaufen eine vereinfachte Geschichte – und riskieren, dass die nächste Architektur-Welle ohne sie läuft.
Die gute Nachricht für die Peer-Diskussion: Die Datenlage ist eindeutig, wenn sie sauber gelesen wird. 21,5 Prozent Cloud-Wachstum, 90 Prozent Hybrid-Prognose, 8 bis 9 Prozent Full-Repatriation. Daraus lässt sich eine klare Position bauen, die dem CFO-Druck standhält und intern Orientierung gibt. Wer in den nächsten Monaten gefragt wird, ob „wir auch zurückwandern sollten“, hat jetzt eine bessere Antwort als Ja oder Nein.
Nein, die Zahl ist korrekt gemessen. Falsch ist ihre Interpretation in der Medien-Berichterstattung. Die Umfrage fragt, ob CIOs Workloads aus der Public Cloud zurückziehen wollen – ohne zu unterscheiden, ob es sich um einen einzelnen Workload oder ein Gesamt-Portfolio handelt. Ein CIO, der eine Datenbank zurückführt und 40 andere Workloads in der Cloud behält, antwortet mit Ja. Die Aggregation produziert dadurch eine Zahl, die sehr viel dramatischer wirkt, als sie ist.
AI-Workloads sind der wichtigste Einzeltreiber der dokumentierten Repatriation-Fälle 2025 und 2026. GPU-Stunden in Public Clouds sind die teuerste Compute-Kategorie – bei kontinuierlichem Training oder hohen Inference-Volumen amortisiert sich eigene Hardware oft innerhalb eines Jahres. Wer AI-Workloads aus seiner Cloud-Strategie herausnimmt, sieht deutlich weniger Repatriation-Fälle in den verbleibenden Segmenten.
Der EU Data Act verbietet ab 12. Januar 2027 pauschale Egress-Fees bei Cloud-Anbietern. Erlaubt sind dann nur noch nachgewiesene Direktkosten für Datenmigration. Das reduziert einen der klassischen Repatriation-Treiber deutlich, weil Wechselkosten transparenter und oft niedriger werden. Für CIOs bedeutet das: Wer jetzt repatrieren will wegen Egress-Kosten, sollte zumindest die 2027er-Verschiebung in die Kalkulation einbeziehen.
Sovereign Clouds sind eine dritte Option zwischen Public Cloud und On-Premises. Sie liefern Cloud-Economics mit regulatorischer Absicherung. Für europäische Unternehmen in sensitiven Sektoren sind sie oft die bessere Antwort als Vollrepatriation – vorausgesetzt, der Sovereign-Cloud-Anbieter erfüllt die spezifischen Anforderungen tatsächlich und nicht nur als Marketing-Claim. Die CISPE-Diskussion um „Sovereignty Washing“ zeigt, dass hier Vorsicht geboten ist.
Für ein mittelgroßes Unternehmen mit 100 bis 300 Workloads sind sechs bis acht Wochen realistisch. Die Inventur selbst ist in zwei bis drei Wochen machbar, wenn eine SaaS-Management-Plattform oder ein aktuelles CMDB existiert. Die Bewertung jedes Workloads nach Compliance, Kosten, Performance und Architektur-Fit braucht den größeren Anteil der Zeit. Ohne externe Unterstützung läuft das Projekt oft länger, weil Kapazitäten in der IT-Organisation begrenzt sind.
AWS, Azure und Google Cloud haben in ihren Quartalsberichten 2025 durchgehend zweistelliges Wachstum gemeldet – was mit einem massiven Repatriation-Trend nicht vereinbar wäre. Gleichzeitig haben alle drei ihre Hybrid-Angebote ausgebaut, etwa über AWS Outposts, Azure Arc und Google Distributed Cloud. Die Botschaft dahinter ist strategisch: Die Hyperscaler erkennen an, dass nicht jeder Workload in die Public Cloud gehört. Sie bauen Infrastruktur, die Hybrid-Szenarien abdeckt. Das ist die Seite der Bewegung, die in den Repatriation-Schlagzeilen selten vorkommt.
Quelle Titelbild: Pexels / Vladimir Nikolaevich
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