SaaS-Portfolios brauchen eine Exit-Strategie, kein nächstes Tool
Eva Mickler
7 Min. Lesezeit Die einfachen SaaS-Konsolidierungen sind durch. Wer doppelte Tools streichen wollte, ...
Frankfurter Wertpapierbörse: Schauplatz für IPOs und Konzernumbauten. Foto: Ank Kumar / Wikimedia Commons
5 Min. Lesezeit
Drei deutsche Industrieschwergewichte entscheiden parallel über ihre Konzernschnitte. Continental bringt ContiTech in die Eigenständigkeit, Infineon erhöht den CapEx auf 2,7 Milliarden Euro für KI-Stromversorgung und Software-Defined Vehicles, ThyssenKrupp hat TKMS gerade an die Börse gebracht und verhandelt mit Jindal über die Stahlsparte. Drei Formen strategischer Neusortierung mit derselben Logik dahinter: Konzern-Diversifikation als Risiko-Streuer hat ihre Bewertungsprämie verloren.
Das Wichtigste in Kürze
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Was ist ein Konzern-Spinoff? Ein Spinoff bezeichnet die rechtliche und operative Verselbständigung einer Konzernsparte zu einem eigenständigen Unternehmen, meistens via Sachausschüttung von Anteilen an die bisherigen Aktionäre und parallele Börsennotierung. Anders als beim Verkauf bleibt die Sparte bei den bisherigen Eigentümern, bekommt aber eigene Bewertung, eigene Investorenstory und eigenen Vorstand. Continental und ThyssenKrupp folgen dieser Logik. Der dritte Fall, Infineon, ist gerade kein Spinoff, sondern Portfolio-Reallokation über Kapitalallokation: Der Konzern trennt keine Sparte ab, sondern verschiebt CapEx sichtbar in zwei Zukunftsachsen. Auch das ist Portfolioarbeit, nur nicht über den Notar.
Continental zerlegt sich in drei eigenständige Champions. Der damalige CEO Nikolai Setzer hat die Logik auf der Hauptversammlung am 25. April 2025 in Hannover formuliert. Der Automotive-Spinoff lief im September 2025 unter dem Namen Aumovio. ContiTech soll im Verlauf von 2026 folgen, mit klarem Industriefokus. Setzer hat das Ziel auf der HV präzisiert: 80 Prozent Industrieanteil im ContiTech-Portfolio. Seit dem 17. Dezember 2025 ist Christian Kötz CEO und führt das verbleibende Reifen-Kerngeschäft.
Die Logik dahinter ist betriebswirtschaftlich nüchtern. Reifen, Industriegummi und Automotive-Elektronik sind drei Geschäftsmodelle mit unterschiedlichen Investitionszyklen, unterschiedlichen Margen und unterschiedlichen Investorengruppen. Eine Holding, die solche Geschäftsmodelle bündelt, muss Kapital, Managementaufmerksamkeit und Investorenstory über sehr unterschiedliche Logiken verteilen. Genau dort entsteht häufig der Bewertungsabschlag. Der saubere Schnitt ist die teurere, ehrlichere Antwort.
Risiko: ContiTech läuft als eigenständiges Unternehmen ohne Konzern-Cashflow erstmal alleine durch eine schwache Industriekonjunktur. Der parallele Verkauf der OESL-Einheit an die US-Beteiligungsfirma Regent zeigt, wie schmal die Verhandlungsmasse zwischen operativem Restrukturierer und Finanzinvestor inzwischen geworden ist.
Infineon sortiert nicht rechtlich, sondern investiv. Der Konzern trennt keine Sparte ab, sondern verschiebt Kapital sichtbar in zwei Zukunftsachsen: KI-Stromversorgung im Datacenter und Software-Defined Vehicle. Im Februar 2026 hat das Management das CapEx-Programm angepasst, von ursprünglich 2,2 auf 2,7 Milliarden Euro. CEO Jochen Hanebeck nennt diese beiden Wachstumsachsen als Begründung. Auch das ist Portfolioarbeit, nur eben über Kapitalallokation statt über die Hauptversammlung.
Die Zahlen dahinter sind asymmetrisch. Im KI-Datacenter-Segment erwartet Infineon für FY 2026 rund 1,5 Milliarden Euro Umsatz, für FY 2027 rund 2,5 Milliarden Euro. Das Auto-Halbleitergeschäft trägt die Marge derzeit nicht. Q1-Wachstum kam fast ausschließlich aus KI, der Auto-Endkundenmarkt zögert weiter. Infineon ist seit sechs Jahren in Folge weltweit Nummer eins bei Auto-Halbleitern und investiert trotzdem in einer schwachen Phase massiv weiter.
Die ams OSRAM-Sensor-Akquisition für 570 Millionen Euro mit Closing Q2 2026 ist die zweite Wette: dass Auto-Sensorik in der nächsten Plattform-Generation zentraler wird. Abwarten, bis sich Auto-Stückzahlen erholen, kostet zwei Plattformgenerationen. Wer jetzt investiert, akzeptiert eine Margenkompression auf dem Weg dorthin. Infineon hat sich für die zweite Variante entschieden, sichtbar an der erhöhten CapEx-Linie. Die Management-Lehre für andere Vorstände: Kapitalallokation wird 2026 zur strategischen Sichtbarkeitsfrage. Wer nicht abspaltet, kann trotzdem Portfolio-Signale setzen, vorausgesetzt das CapEx-Bild ist konsistent.
TKMS ist seit dem 8. August 2025 formal eigenständig, die Aktie notiert seither in Frankfurt. 49 Prozent direkt an die Aktionäre, 51 Prozent verbleiben bei der ThyssenKrupp AG als Cashflow-Reserve. Der Order Backlog liegt über 18 Milliarden Euro, getrieben vom europäischen Verteidigungsboom.
Stahl ist die schwierigere Geschichte.
CEO Miguel López verhandelt unter NDA mit Jindal Steel International, will aber laut eigener Aussage nicht zu jedem Preis verkaufen. Die Bewertung habe sich verbessert: durch den Restrukturierungs-Tarifvertrag mit der Belegschaft, den Verkauf der HKM-Beteiligung an Salzgitter und die neuen EU-Stahlschutzzölle. Materials Services prüft López ab Herbst 2026 als IPO, Spinoff oder Verkauf.
Die Konzern-Logik wird Schritt für Schritt umgeschrieben. ThyssenKrupp ist seit längerem nicht mehr im DAX, sondern im MDAX gelistet. Die Diversifikation, die in den 1990ern als Risiko-Streuer galt, hat zu einer Bewertungsabstraktion geführt, die der Kapitalmarkt nicht mehr zahlt. Drei Sparten (Marine, Stahl, Materials Services) ziehen drei verschiedene Investorengruppen an. Im Holding-Verbund finden sie keinen gemeinsamen Erzählstrang mehr.
„We are creating three strong, independent champions that will achieve their full growth and value creation potential as independent companies.“
– Nikolai Setzer, damaliger CEO Continental AG, Hauptversammlung 25.04.2025 (Quelle: continental.com)
Drei verschiedene Restrukturierungs-Logiken, ein gemeinsames Muster: Konzern-Diversifikation als Risiko-Streuer hat ihre Bewertungsprämie verloren. Fokussierte Einzelunternehmen mit eigener Investorenstory holen sie sich zurück, ob über Spin-off (Continental, ThyssenKrupp) oder über sichtbare Kapitalallokation (Infineon). Schwierig wird das Sequencing (Continental: erst Auto raus, dann ContiTech, dann Reifen-Kern entwickeln) und der Umgang mit Sparten, die in der Übergangsphase noch Cash brauchen oder politisch belastet sind, wie Stahl bei ThyssenKrupp.
Für CIOs und CFOs in DACH-Mittelstandskonzernen mit Mehrsparten-Portfolio entstehen drei konkrete Fragen. Erstens: Welche Sparten haben noch eine gemeinsame Tech-Roadmap und welche sind nur durch Buchhaltung verbunden? Zweitens: Wie viel Cashflow-Subvention läuft heute zwischen den Sparten und ist das transparent? Drittens: Würde ein dedizierter Investor für jede einzelne Sparte einen höheren Multiplikator zahlen als die Holding-Bewertung pro Anteil? Wenn diese Prüfung mehrfach ein klares Ja ergibt, gehört die Holding-Struktur auf die Agenda von Vorstand und Aufsichtsrat. Steuer, Governance, Finanzierung, Covenants, Mitbestimmung und Kundenverträge entscheiden dann über das Wie.
| Konzern | Was sich gerade ändert | Welcher Treiber | Was C-Level daraus liest |
|---|---|---|---|
| Continental | ContiTech-Spinoff 2026, nach Aumovio (09/2025) | Drei Geschäftsmodelle mit getrennten Investorenprofilen | Sequencing entscheidet vor Tempo. Reihenfolge der Schnitte ist die eigentliche Strategiefrage. |
| Infineon | CapEx steigt um 500 Millionen Euro für KI-Datacenter und SDV | Asymmetrisches Wachstum: KI zieht, Auto zögert | Portfolioarbeit über Kapitalallokation, nicht jede Restrukturierung braucht den Notar. |
| ThyssenKrupp | TKMS am Markt, Stahl in Verhandlung, Materials Services in Prüfung | Holding-Bewertungsabschlag wird zum strukturellen Problem | Wenn drei Sparten drei Investorengruppen brauchen, ist die Holding kein Argument mehr. |
Es ist kein April-Phänomen, sondern ein Quartalsbericht-Cluster. Continental hat im April 2025 entschieden, ThyssenKrupp im August 2025 per außerordentlicher HV. Infineon hat im Februar 2026 die Q1-Zahlen plus angepasstes CapEx-Programm vorgelegt. Was sich Ende April 2026 zeigt, ist die strategische Konsolidierung in der laufenden Quartalsberichts-Saison.
Nein. Infineon spaltet keine Sparte ab, sondern verschiebt CapEx in zwei Zukunftsachsen, KI-Stromversorgung und Software-Defined Vehicle. Das ist Portfoliogestaltung über Kapitalallokation, nicht über die Hauptversammlung. Die Management-Lehre, dass Vorstände 2026 sichtbar Kapital allokieren müssen, gilt aber genauso wie bei Continental und ThyssenKrupp.
Konzerne mit drei oder mehr eigenständig denkbaren Sparten sollten regelmäßig prüfen, ob die Holding noch ein Bewertungsplus oder bereits ein Bewertungsminus erzeugt. Der Test: Welche Multiplikatoren würde der Kapitalmarkt für jede Sparte einzeln zahlen und wie verhält sich die Summe zur aktuellen Konzernbewertung. Eine systematische Antwort auf diese Frage gehört einmal pro Jahr in die Aufsichtsratssitzung.
Global. GE hat sich 2024 in drei eigenständige Aktiengesellschaften zerlegt, Johnson & Johnson hat Kenvue 2023 abgespalten, Vodafone hat die Verbindungssparte 2024 verselbständigt. Die deutsche Welle ist Teil eines breiteren Trends weg von Diversifizierungs-Konglomeraten und hin zu Single-Story-Equity, ergänzt um die Variante Infineon: Portfolio-Schärfung über Kapitalallokation statt über Abspaltung.
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Foto: Ank Kumar / Wikimedia Commons (CC BY-SA 4.0)
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