Glasfaser-Ausbau Turbo Deutschland Breitband BREKO Verband Dr Stephan Albers Digital Chiefs
30.06.2022 | Dr. Stephan Albers

Turbo für das Gigabitnetz: Der Glasfaser-Ausbau in Deutschland nimmt endlich Fahrt auf

Mit der Gigabitstrategie schafft der Bundesminister für Digtales und Verkehr, Dr. Volker Wissing, neue Rahmenbedingungen für den Glasfaser-Ausbau in Deutschland. Bis Ende 2025 will die Bundesregierung so die Zahl der Glasfaseranschlüsse verdreifachen. Doch welche Herausforderungen sind damit verbunden, wo liegen potenzielle Hürden? Dr. Stephan Albers, Geschäftsführer des Bundesverbands Breitbandkommunikation e.V. (BREKO), liefert hierzu wichtige Insights.

Bis 2030 soll jeder Haushalt in Deutschland mit Glasfaser versorgt werden. Eine Mammutaufgabe, die für Wirtschaft und Gesellschaft digitale Chancen eröffnet, ist Deutschland doch bei der durchschnittlichen Verbindungsgeschwindigkeit von Internetanschlüssen im globalen Vergleich weit abgeschlagen. Aktuell erleben wir allerdings einen Paradigmenwechsel. Bis vor Kurzem kam das Internet meist über Kupferkabel ins Haus und die Telekom war die Herrin aller Netze.

Betrachtet man jetzt die Entwicklung des Marktes für den „echten Glasfaser-Ausbau“, also den Anschluss bis in alle Gebäude, wird deutlich, dass sich die Kräfteverhältnisse bereits komplett verschoben haben.

Mittlerweile kommen 75 Prozent des Glasfaser-Ausbaus von alternativen Netzbetreibern und nur noch 25 Prozent von der Deutschen Telekom.

Regionale Glasfasernetze bringen mehr Vorteile

Dabei gibt es viele regionale Anbieter, die eigene Netze aufbauen. Dies ist sicherlich eine deutsche Besonderheit. Wir haben rund 280 Netzbetreiber, davon sind 230 bei uns im BREKO Verband organisiert. Kritiker befürchten, dass ein „Flickenteppich“ entsteht, eventuell mit negativen Folgen. Doch diese vermeintliche Schwäche erweist sich derzeit als Stärke, etwa in puncto Sicherheit. Regionale Netze sind robust, deutlich robuster zum Beispiel in Sachen Cybersecurity. Bei einem Cyberangriff liegt dann nur ein regionales Netz brach, nicht das gesamte Netz. Dies kann für überregionale Unternehmen sehr bedeutsam sein.

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Quelle: Adobe Stock / Gundolf Renze

Wir beim Verband BREKO waren schon immer der Meinung, dass regionale Glasfasernetze mehr Vorteile bringen als nur ein Netz.

Deshalb haben wir uns von Anfang an dafür eingesetzt, den Wettbewerb im Netzausbau zu fördern. Studien belegen, dass der Glasfaser-Ausbau ein regionales Projektgeschäft ist.

Aber wie steht es eigentlich um den 5G Ausbau in Deutschland? Das können Sie unserem Digital Chiefs Beitrag „Wo steht Deutschland bei 5G eigentlich im internationalen Vergleich?“ nachlesen!

Die Nähe zu Ansprechpartnern in den Kommunen und Behörden, die die Genehmigungen erteilen, ist von sehr großer Bedeutung. Unser Slogan lautet dementsprechend: „Nicht ohne meinen Bürgermeister oder meine Bürgermeisterin“. Und zwar nicht, weil Bürgermeisterinnen und Bürgermeister Geld bereitstellen sollen, sondern weil sie das Thema in der Stadt protegieren müssen. Nach den Plänen der Bundesregierung soll der flächendeckende Glasfaser-Ausbau in Deutschland bis 2030 abgeschlossen sein. Ich bin mir sicher, dass die alternativen Netzbetreiber einen großen Beitrag dazu leisten werden.

Genehmigungsverfahren beschleunigen

Für ein Glasfaser-Ausbauprojekt braucht man sechs bis sieben Genehmigungen. Antragsteller gehen dabei häufig von Pontius zu Pilatus, von den Wegebaulastträgern zur Denkmalschutzbehörde, zur Wasserschutzbehörde und so fort. Deshalb arbeiten wir daran, einheitliche Anlaufstellen zu schaffen und Genehmigungsverfahren zu digitalisieren. Das Ziel ist die Genehmigung im „One-Stop-Shop“, um Prozesse zu beschleunigen. Allerdings fehlt es auf kommunaler Ebene noch oft an Glasfaser-Expert*innen.

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Ein Glasfaser-Ausbauprojekt benötigt sechs bis sieben Genehmigungen und verläuft meist noch auf dem analogen Weg. Quelle: Adobe Stock / chokniti

Auch fehlen Kenntnisse bei der Bearbeitung digitaler Anträge. Wir sind Lichtjahre entfernt von Verhältnissen wie in Estland, wo 99 % aller Verwaltungsverfahren digitalisiert sind. Ein erstes Pilotprojekt gab es in Mecklenburg-Vorpommern, wo eines unserer Unternehmen gemeinsam mit zwei Landkreisen das Genehmigungsverfahren komplett durchdigitalisiert hat. Das hat zunächst noch nicht viel Zeit gespart, aber enorm viel Papier. Der ökologische Nutzen ist erheblich. Solche Pilotprojekte müssen wir jetzt bundesweit zügig ausrollen.

Wir empfehlen Unternehmen, für ihren Glasfasernetz-Ausbau ein kleines Team zu bilden, das sich zentral darum kümmert und auch Genehmigungsprozesse bei den Bürgern koordiniert. Zum Beispiel kann es vorkommen, dass Ihr Ausbau eine kommunale Straße, eine Landstraße und eine Bundesstraße umfasst, für die Sie in drei Instanzen bei den Wegebaulastträgern Genehmigungen einholen müssen. Ohne einen zentralen Ansprechpartner haben Sie dann also drei Wegebauaufträge. Wenn das ein*e Mitarbeiter*in betreut, die oder der noch nie etwas von Glasfaser gehört hat, kann es dauern.

Nachhaltigkeit – ein starkes Argument für Glasfaser

Neueste Studien belegen: Die Datenübertragung per Glasfasernetz verbraucht im Vergleich zum Kupfernetz oder Mobilfunknetz deutlich weniger Energie. So kommt ein aktuelles Gutachten der Technischen Hochschule Mittelhessen zum Schluss, dass kupferbasierte Netze (VDSL2 Vectoring, Super-Vectoring) bei einer angenommenen Auslastung von 50 % – 100 % drei- bis siebzehnmal mehr Strom verbrauchen als Glasfasernetze. Bei der deutschlandweiten Versorgung mit echten Glasfasernetzen lassen sich so bis zu 1100 Megawatt (MW) elektrische Leistung pro Gigabit gegenüber kupferbasierten Netzen einsparen.

Glasfaser-Ausbau Grafik Stromverbrauch Digital Chiefs

Glasfaserkabel sind praktisch unverwüstlich und auch deswegen nachhaltiger, ihre Halbwertzeit ist länger. Sobald das Glasfasernetz flächendeckend ausgebaut ist, werden wir in Deutschland deutlich energieeffizienter arbeiten als bisher. Glasfaser hat also einen Einfluss auf das Erreichen der Klimaziele und ist eine Investition, die sich auszahlt.

Privatwirtschaftliche Interessen und öffentliche Förderung effizient verzahnt

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Wir beobachten aktuell eine dynamische Entwicklung, bei der Finanzinvestoren auf den deutschen Markt drängen und eigenwirtschaftlich Glasfasernetze ausbauen wollen. Das hat sich in den letzten zwei, drei Jahren entwickelt und war so nicht vorhersehbar.

Es gibt Unternehmen, die – wie wir kürzlich in Marktanalysen festgestellt haben – Investitionen von über 40 Milliarden Euro für die nächsten Jahre zugesagt haben. Dieser Entwicklung müssen wir bei staatlichen Förderprogrammen jetzt Rechnung tragen.

Als BREKO nehmen wir hier derzeit eine Rolle ein, die etwas untypisch ist für Verbände, denn wir sagen: Förderung muss dosiert werden, um den wirtschaftlichen Ausbau nicht zu kannibalisieren.

Förderprojekte brauchen sehr lange, durchschnittlich fünf Jahre, inklusive europaweiter Ausschreibungen, Berücksichtigung von Material etc. Dagegen braucht ein privatwirtschaftliches Projekt nur 1,5 Jahre.

Glasfaser-Ausbau
Quelle: Adobe Stock / Stockfotos-MG

Wichtig ist, dass die Fördergelder dorthin gelangen, wo sie wirklich gebraucht werden. Zum Beispiel dort, wo eine Potenzialanalyse gezeigt hat, dass ein wirtschaftlicher Ausbau nicht funktioniert, in sehr ländlichen Gebieten oder in kleinen, abgelegenen Wohngebieten oder Gemeinden. Das muss man genau dosieren, sonst haben wir den paradoxen Effekt, mit viel Geld den Glasfaser-Ausbau zu verlangsamen. Die Planung von Glasfasernetzen ist ein spannendes Thema mit wirtschaftlichen Überlegungen einerseits und geodifferenzierter Planung andererseits. Das ist keine leichte Aufgabe, aber wir sind optimistisch, dass wir eine Lösung finden werden, die beides gut miteinander verbindet.

Expertenoffensive für Deutschland

In Deutschland werden jetzt viele Fachkräfte im Kabel-, Leitungs- und Tiefbau gebraucht. Vor allem fehlt es an „Schließern“, die Kabel anschließen können. Eine Fachkräfte-Kampagne hierzu wird erst in zwei bis fünf Jahren greifen. Unterdessen drängen immer mehr Bauunternehmen zum Beispiel aus den skandinavischen Ländern und den Benelux-Staaten auf den deutschen Markt, weil sie beim Glasfaser-Ausbau schon viel weiter sind, auch aus Polen kommen Bautrupps. Aber auch bei der Ausbildung holt Deutschland jetzt auf. Ohne digitale Infrastruktur im Gigabit-Maßstab gibt es keine Zukunft. Es ist ein nachhaltiger Netzwerkstandard, mit dem Unternehmen dann die nächsten Jahrzehnte gut arbeiten können.

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Quelle Titelbild: Adobe Stock / Proxima Studior

Sonstige Quellen: Adobe Stock / Wise ant

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