Trends, futuristische City, Ausblick auf 2022 in der IT Branche
20.12.2021 | Axel Oppermann

IT Trends 2022: Es ist, was es ist

Pünktlich zum Jahresende kommen Analysten, Berater und Futuristen wieder mit den Trends für das folgende Jahr zu Wort. Zeit und Grund genug, sich damit zu beschäftigen, die Aussagen zu kondensieren, mit Meinung zu versehen und natürlich alles auch mal aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten.

Fangen wir mit einem einfachen Namedropping an; das macht sich in solchen Artikeln zum Thema Trends immer gut: Verwirrung schaffen, Begriffe einführen, mit denen später Geld verdient werden soll, und abgrenzen. Beginnen wir mit Gartner. Gartner sieht für 2022 folgende strategische Technologietrends: Trend 1: Data Fabric. Trend 2: Cybersecurity Mesh. Trend 3: Privacy-Enhancing Computation. Trend 4: Cloud-Native Platforms. Trend 5: Composable Applications. Trend 6: Decision Intelligence. Trend 7: Hyperautomation. Trend 8: AI-Engineering. Trend 9: Distributed Enterprises. Trend 10: Total Experience. Trend 11: Autonomic Systems. Trend 12: Generative AI.

Machen wir mit IDC weiter. Im Rahmen von „European Future Scape 2022“ werden die zehn wichtigsten Prognosen beleuchtet, die Führungskräften dabei helfen, ihre Technologieinvestitionen gezielt einzusetzen, um in einem digitalisierten Europa erfolgreich zu sein. Oder in anderen Worten die „10 wichtigsten Prioritäten für die neue CEO-Agenda für 2022 und darüber hinaus“ aus Sicht von IDC: Supply Chain Resiliency, Voice of the Employee, Realtime Business Visibility, Evolving Tech Architectures, The 5G Millisecond Advantage, The Experience Economy, Four Wheel Drive Innovation, High Stakes Cyber Security, ESG Transparency, Business Model Redesign.

Und, schon müde? Oder überfordert? Egal. Es geht weiter: Forrester sieht 2022 als ein Jahr „to be bold“. Mein bezahlter DeepL-Account sagt mir, dass das so was wie „mutig sein“, „kühn sein“, aber auch „Courage“ bedeutet. Mein Verstand sagt: Klingt gut; die verstehen was von Marketing! Laut der Management- und Technologieberatung BearingPoint werden folgende 5 Tech-Trends im nächsten Jahr besonders im Fokus stehen: 1. Responsible AI. 2. Cloud at the Edge. 3. Cybersecurity Mesh. 4. Embedded Data & Analytics. 5. Vernetzte Sensoren und Maschine.

Die Aufzählung könnte nahezu beliebig lang, trivial oder hochtrabend verkopft und vom Tagesgeschäft der breiten Masse entfernt weitergeführt werden. Ich möchte aber an dieser Stelle darauf verzichten, meine Erzählzeit dazu zu verwenden, einerseits Zusammenhänge zwischen den Trends und den dahinterliegenden Anforderungen bzw. Herausforderungen für Anwenderunternehmen offenzulegen. Und andererseits Themen anzusprechen, die regelmäßig nicht erwähnt werden.

Megatrend 2022: IT und Digital werden 2022 teurer

Unternehmen werden im Jahr 2022 mehr für IT ausgeben. Damit ist nicht das normale Marktwachstum gemeint, das bezogen auf den Hardwaremarkt jährlich bei 6 bis 9 Prozent liegt. Oder bei der Software, mit Ausnahme des Krisenjahres 2020, bei regelmäßig über 6 Prozent. Gemeint sind auch nicht die massiv wachsenden Budgets für Security oder Cloud.

Fachabteilungen kaufen IT zu teuer
Unternehmen werden im Jahr 2022 mehr für IT ausgeben. Bild: Adobe Stock / Stockfotos-MG

Vielmehr geht es um Kostentreiber und sich verändernde Märkte. Es geht um fehlende Ressourcen und klassische Marktwirtschaft. Deshalb muss es auch nicht heißen, dass Unternehmen im Jahr 2022 mehr für IT ausgeben „werden“. Sondern: Unternehmen müssen 2022 mehr ausgeben, wenn sie IT-Projekte realisieren oder die digitale Transformation vorantreiben wollen.

Während sehr viele Unternehmen in den vergangenen 21 Monaten damit kämpfen mussten, überhaupt ihre Produkte und Services produzieren und anbieten zu können – in der Lage sein zu können, „leistungsfähig“ zu sein –, kommen sehr viele (Anmerkung: und ich meine wirklich sehr sehr viele) IT-Anbieter vor Lachen nicht in den Schlaf. Ihr Markt explodiert. Ihre Auftragsbücher bersten vor hochprofitablen Projekten. Die Lieferzeiten sind lang. Auch wenn es eine moralisch zweifelhafte Formulierung ist: Sie profitieren massiv von der Krisensituation. Aus Sicht der Nachfragenden ist eine Besserung nicht in Sicht.

Nach einem kurzen Coronaschock, einhergehend mit vorübergehenden Budgetstopps und Budgetverschiebungen, wird wieder massiv in IT-Projekte im Allgemeinen und in digitale Transformation im Besonderen investiert. Die Entscheider in Unternehmen haben erkannt, dass sie ihre Unternehmen krisenfester, leistungsfähiger und agiler aufstellen müssen. (Das ist ungefähr das, was mit Supply Chain Resiliency, Realtime Business Visibility, Resilienz oder „to be bold“ gemeint ist.)

Diese Erkenntnisse, nennen wir sie Bedürfnisse, sind mit Kaufkraft (= Budget) ausgestattet. Mit Kaufkraft ausgestattete Bedürfnisse werden als Bedarfe bezeichnet. Werden diese Bedarfe real, dann werden sie zur Nachfrage. Und eben diese Nachfrage trifft auf der einen Seite auf eine maßlos überforderte Anbieterseite. Auf der anderen Seite trifft sie auf eine wohl kalkulierende und strategisch agierende Anbieterseite. Oder in anderen Worten: Anwenderunternehmen treffen auf IT-Dienstleister,

◾ die seit Jahren unter fehlenden personellen Ressourcen leiden, dadurch, und dadurch, dass sie nicht stringent automatisieren und reproduzieren, ihr Wachstum limitieren;

◾ die durch diesen Mangel profitieren und Tagessätze und Margen bereits über die Jahre gefällig angepasst haben.

In einer Zeit, in der erhöhte Nachfrage auf geringe verfügbare Ressourcen und gestörte Lieferketten trifft, kennt der Preis nur eine Richtung: nach oben.

IT-Unternehmen, hier insbesondere Softwareentwickler, Integratoren, Projektdienstleister, Infrastrukturanbieter, Serviceprovider und ähnliche, die marktkonform agieren, werden in den kommen Monaten ihre Preise sicherlich um 30 bis 40 Prozent anheben. In hoch spezialisierten und auf menschlichem Know-how basierenden Leistungsfeldern werden die Tagessätze deutlich stärker wachsen. Ich will mich nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen, aber ich würde um einen schönen Chablis wetten, dass Steigerungen bei Tagessätzen von 70 bis 80 Prozent nicht weltfremd sind.

Hardware-Anbieter werden die real existierende Chip-Krise und die sich hieraus ableitende projizierte und imaginierte Krise dafür nutzen, die Preispunkte deutlich nach oben zu setzen. Gestörte Lieferketten für Zubehör, exemplarisch Druckerkartuschen, führen zu Lieferausfällen – zu fehlender Verfügbarkeit – sowie höheren Preisen.

Eine Besserung oder Linderung wird sich 2022 und 2023 sicherlich nicht einstellen. Es handelt sich nicht um einen Schweinezyklus. Bullwhip-Effekte, die Schwankungen in der Lieferkette erzeugen und sich kurzfristig preislich positiv für die Nachfrageseite auswirken, wird es nicht geben.

Wie Entscheider und IT-Verantwortliche diese Probleme lösen können, kann an anderer Stelle geklärt werden.

Gigatrend: Security

Als Trend wird in der Regel eine Entwicklung in einer definierten Zeiteinheit (Zeitrahmen) verstanden, in der sich Massen, Grundgesamtheiten, Individuen oder Institutionen in Relation zu definierten Rahmenparametern verhalten, streben oder neigen. Daher ist es schon komisch, wenn darüber gesprochen wird, dass IT-Security, Cyber-Security & Co ein Trend sei. Oder sogar ein Gigatrend.

Aber es ist auch hier, wie es ist. Security wird ein bestimmendes Thema für 2022. Sogar stärker als in den vorangegangenen Jahren. So wird sich die Bedrohungslage nochmals deutlich erhöhen. Dies liegt an einer weiteren Industrialisierung der Angriffe, dem unerbittlichen Wandel der IT/OT-Infrastrukturen und der zunehmenden Komplexität und Integration in die Wertschöpfung sowie Leistungserbringung. Die neue Bedrohungslage, die insbesondere auf Verfügbarkeiten von Systemen und Identitäten (von Menschen und Maschinen) abzielt, trifft auf Verantwortliche für Sicherheit und Risikomanagement, die mit vielen Sicherheitstools unterschiedlicher Anbieter genauso zu kämpfen haben wie mit fehlenden personellen Ressourcen und, bezogen auf die Gesamtnachfrageseite, sich verlangsamendes Budgetwachstum. Lassen wir uns die letzte Aussage nochmals auf der Zunge zergehen: Unternehmen geben in den kommenden Jahren in Summe zwar mehr für IT-Sicherheit aus.

Sicherheit
Auch zum Thema Sicherheit werden 2022 Maßnahmen ergriffen. (Quelle: Adobe Stock / vladwel)

Allerdings verringert sich das Wachstum der (jährlich durchschnittlichen) Ausgaben. Und das in einer Zeit, in der die Bedrohungslage eskaliert. Klar: Die getätigten Ausgaben stehen, anders als bei anderen IT-Investitionen, in keiner (bzw. nur geringer) Relation zum Sicherheitsniveau. Aber dennoch ist es komisch, wenn technologischer Fortschritt auf allen Seiten auf (neue) regulatorische Anforderungen und eine wachsende und sich verändernde Bedrohungslage auf Schmalhans trifft.

In Bezug auf Security gilt für 2022: Unternehmen müssen den optimalen Punkt zwischen gemanagtem und transformiertem Risiko finden; quasi den ganz individuellen Security-Break-even-Point für das Unternehmen. Der Punkt, an dem die Investitionen in Security einen relevanten zusätzlichen Nutzen bringen und der Bedarf an sonstigen Ausgaben so hoch oder so niedrig ist, um das Restrisiko abzudecken. Hierfür gilt es, an vier Stellschrauben zu drehen: „detect & response“, „protect“, „recover“ und, was immer wichtiger wird, „assurance“.

Der Trend, der nach Gigatrend kommt: Die Möglichmacher

Wenn wir nochmals auf die vor ca. 1.000 Wörtern von Beratern und Analysten aufgelisteten Trends blicken und diese leicht reflektieren, wird schnell klar: Das sind ziemlich dicke Bretter, die da gebohrt werden (sollen). Und zahlreiche IT-Verantwortliche auch in größeren Unternehmen werden sich die Frage stellen, ob sie diese Themen überhaupt kurz- oder mittelfristig adaptieren könnten. Also nicht die Frage, ob sie wollen oder sollten. Sondern ob sie es überhaupt könnten. Und die Antwort lautet sehr oft: Nein. „Nein, wir sind nicht in der Lage, auch nur einen Trend – ein für uns wichtiges Thema – aufzugreifen.“ Warum fallen die Antworten so negativ aus? Weil noch immer in vielen Unternehmen viele Grundlagen fehlen. Abgesehen von einer mit den Geschäftszielen abgestimmten IT-Strategie insbesondere die benötigten IT-Infrastrukturen und -Architekturen. Darüber hinaus fehlt es in sehr vielen gerade kleineren und mittelständischen Unternehmen an Integrationsstrategien und ‑kompetenzen; und hier insbesondere Systemintegration. Die Integration war schon immer eine wichtige und schwierige Aufgabe für Anwenderunternehmen. Integrationsanforderungen bzw. die daraus entstehenden Probleme haben sich nicht nur durch Cloud, Edge, neue Wertschöpfungsnetzwerke und sich verändernde Lieferketten verzigfacht. Sondern auch durch die realen Veränderungen der Leistungserbringung, Geschäftsmodelle und Anforderungen von Kunden und Lieferanten.

Integration, Systemintegration, Integrationsmanagement sind im engen Zusammenspiel mit Microservices und API-Management (API-Strategien) eine der Topprioritäten für IT-Verantwortliche im Jahr 2022. Das Thema und die dahinterliegenden Aufgabenbereiche werden 2022 zum Trend. Die Entwicklung einer Integrations- und Integrationsmanagementstrategie wird der Trend.

Nämlich nur mit einer entsprechenden Strategie und einer umfassenden Eignung, Anwendungen, Daten und Prozesse zu integrieren, können die skizzierten Trends realisiert werden. „Data Fabric“ ist nur möglich, wenn ein reibungs- und nahtloser Austausch von Daten möglich ist. „Composable Applications“ beruhen nun mal auf austauschbaren Bausteinen. Um hierdurch Tempo, Agilität und Modularität zu gewinnen, ist Integration notwendig. Gleich gilt für „Hyperautomation“, „Decision Intelligence, „Supply Chain Resiliency“ oder „Realtime Business Visibility“. Ich könnte jetzt die komplette Liste von oben wiederholen und bei 9 von 10 von den Marktauguren prognostizierten Trends würde diese Aussage passen.

Aber auch hier gilt: Nur weil hier eine Korrelation zu erkennen ist, muss es noch nicht passen. Und schon gar kein Trend entstehen. Aber es gibt zwei Merkmale, die einen Zusammenhang aus Ursache und Wirkung bilden, die auf die oben getroffene Definition eines Trends einzahlen. So stieg bereits in den vergangenen Jahren die Nachfrage nach Integrationsdienstleistungen massiv an. Das Marktwachstum liegt deutlich über dem Gesamtmarktwachstum. Und auch in dynamischen, durch Wachstum getriebenen Teilmärkten, exemplarisch Cloud-Computing, wächst das Thema Cloud-Integration-Services deutlich. Ferner wachsen die Angebote an entsprechenden Services deutlich. So expandieren die etablierten Dienstleister in den Dimensionen Anzahl Mitarbeiter, Portfolioumfang sowie Grad der Skalierbarkeit und Automatisierung. Darüber hinaus ist seit geraumer Zeit zu sehen, dass immer mehr Anbieter in den Markt einsteigen. Etablierte IT-Dienstleister bauen entsprechende Fachabteilungen und Strukturen auf.

Abgesehen von einer mit den Geschäftszielen abgestimmten IT-Strategie fehlen insbesondere die benötigten IT-Infrastrukturen und -ArchitekturenQuelle: AdobeStock/ nirutft

Im Kontext! … ein Fazit

Auch die Aktivitäten der IT-Abteilungen und Anwenderunternehmen werden 2022 durch zahlreiche Trends getrieben. Beziehungsweise führen die Aktivitäten der Verantwortlichen zu Trends. Wie wir am 31.12.2022 auf das Jahr zurückblicken, wird von vielen Faktoren abhängen. Das hängt dann natürlich auch immer etwas vom Blickwinkel ab. In der IT-Industrie wird wie immer gelten: „The trend is your friend“. Bei Anwenderunternehmen gilt: „Whatever you do: Don‘t pay the ferryman. Don‘t even fix a price. Don‘t pay the ferryman. Until he gets you to the other side.“

Das wird 2022 wichtig

Und zum Abschluss die Shortlist-Themen, die 2022 weiterhin wichtig sind, wichtig werden oder sich zum Trend entwickeln:

1. IT und Digital werden 2022 teurer

2. Security

3. bis 5. Security

4. Siehe Punkt 2; sowie 3 bis 5

5. Integration

6. All Hybrid – alles wird hybrid

7. Next Generation Processes

Quelle Titelbild: Adobe Stock / metamorworks

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