Die IT entscheidet, ob der Spin-off sich auszahlt
Bernhard Liebl
7 Min. Lesezeit Continental und ThyssenKrupp haben 2025 binnen fünf Wochen Kerngeschäftsteile eigenständig ...
Technologie ist im Gartner CEO-Survey 2026 die am stärksten gestiegene Priorität von zwölf Kategorien, ein Sprung von zehn Prozentpunkten gegenüber 2025. CEOs jeder Branche wollen mehr Technologie-Budget, aber Gartners separate Studie zu Tech-CEOs zeigt: Wer nur das Budget erhöht, kauft sich keinen Vorsprung.
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Der jährliche Gartner CEO Survey fragt Geschäftsführer branchenübergreifend nach ihren wichtigsten Prioritäten für das kommende Jahr. Wachstum bleibt 2026 mit 52 Prozent Nennung die Nummer eins, knapp gefolgt von Finanzen mit 42 Prozent. Aber der eigentliche Ausreißer steht auf Platz drei: Technologie legt um zehn Prozentpunkte zu, kein anderer Bereich bewegt sich annähernd so stark, weder nach oben noch nach unten.
Gartner CEO Survey 2026
Womit CEOs ihr Budget 2026 rechtfertigen
Quelle: Gartner, CEO Survey 2026. Veränderung gegenüber dem 2025er-Survey in Prozentpunkten (pp).
Zehn Prozentpunkte in einem Jahr sind ungewöhnlich für eine Kategorie, die seit Jahren im Mittelfeld pendelte. Der naheliegende Schluss lautet: mehr Technologie-Budget freigeben, mehr KI-Projekte anstoßen, den Rest erledigt der Markt. Genau diesen Kurzschluss widerlegt Gartners separate Studie zu Tech-CEOs mit vier Weichenstellungen, die über Erfolg und Verdrängung entscheiden, nicht über die Höhe der Budgetlinie.
Wer heute in Technologie investiert, kauft auf einem Markt, der sich bereits nach Kapitallogik sortiert hat. AI-native Firmen wachsen laut Gartner rund 40 Prozent schneller als traditionelle SaaS-Anbieter, weil sie Künstliche Intelligenz nicht nur ins Produkt bauen, sondern auch in den eigenen Betrieb.
Die Kapitalmarkt-Realität
40-fache Bewertung. So viel zahlen Investoren für die 30 wachstumsstärksten AI-native-Firmen im Verhältnis zum Jahresumsatz, traditionelle Softwarehäuser bekommen nur das 6- bis 8-Fache. Die neue Messlatte liegt bei rund 900.000 Euro Jahresumsatz pro Mitarbeiter, der Marktdurchschnitt bei etwa 100.000 Euro. Quelle: Bessemer Venture Partners, Crunchbase, 2025.
Die zweite Weiche betrifft den Kunden selbst. Gartner erwartet, dass Softwareanbieter zunehmend an Künstliche-Intelligenz-Agenten statt an Menschen verkaufen, Systeme, die in Millisekunden verhandeln statt in Wochen, rund um die Uhr arbeiten und Ergebnisse statt Nutzung bezahlen. Das Modell heißt bei Gartner Outcome as Agentic Solution und soll bis 2028 rund 640 Milliarden Euro an Software- und Serviceausgaben umverteilen. Die dritte Weiche liegt im Vertrieb: Bis 2027 starten 95 Prozent der Recherche-Workflows von Verkäufern mit Künstlicher Intelligenz, aktuell sind es unter 20 Prozent. Wer seine Website und seine Vertriebsprozesse nicht auf diese Zero-Click-Logik einstellt, verliert einen Nachfragekanal, ohne es sofort zu bemerken.
Für deutsche Mittelstands- und Konzern-Softwarehäuser ist die vierte Weiche die relevanteste, weil die ersten drei stark auf US-Venture-Capital-Logik aufbauen. Ein 40-faches Bewertungsmultiple setzt einen Kapitalmarkt voraus, den es in Stuttgart oder München in dieser Form nicht gibt. Der eigentliche Hebel für DACH-Anbieter liegt nicht in der Kapitalisierung, sondern in Kundenbindung und Branchentiefe, gewachsen über Jahre der Prozessintegration in SAP-Landschaften, Fertigungslinien oder Behördenverfahren. Das ist genau die Dimension, die im nächsten Abschnitt entscheidet.
82 Prozent der Tech-CEOs fürchten laut Gartner, dass Wettbewerber ihre Künstliche-Intelligenz-Funktionen kopieren. Die Sorge ist berechtigt. Ein Feature, das heute beeindruckt, ist laut Gartner binnen anderthalb bis zwei Jahren Commodity. Neun von zehn vertikalen KI-Startups, die ausschließlich auf Produktdifferenzierung setzen, sind in diesem Zeitraum vom Markt verschwunden.
Was ist die Gartner MoatMap? Ein Framework mit acht Dimensionen, aus denen sich ein Wettbewerbsvorteil zusammensetzt, der sich nicht innerhalb weniger Monate kopieren lässt: proprietäre Daten und Geschäftsgeheimnisse, Talent-Bindung, finanzielle Hebelwirkung, operative Exzellenz, Regelsetzungsmacht, Netzwerkdichte, Marktführerschaft und Kundenbindung. Für ein US-Startup mit frischer Series-A-Finanzierung sind die meisten dieser Dimensionen noch aufzubauen. Für einen etablierten deutschen Anbieter mit zehn Jahren Kundenbeziehung in einer Branche sind zwei davon, Kundenbindung und Netzwerkdichte, oft schon vorhanden, nur selten explizit als strategischer Vorteil benannt und verteidigt.
Genau darin liegt der Unterschied: Ein Anbieter hofft auf ein höheres Technologie-Budget. Ein anderer weiß, welche seiner bestehenden Stärken das Budget eigentlich schützen soll.
Die Zahlen hinter dem 18-Monats-Verfallsdatum stammen überwiegend aus dem US-amerikanischen Venture-Capital-Ökosystem, aus Auswertungen von Bessemer Venture Partners, Crunchbase und High Alpha. Das ist ein Markt mit hoher Kapitalverfügbarkeit, kurzen Entscheidungswegen und Kunden, die neue Software ohne lange Ausschreibung testen. Ein deutsches Industrieunternehmen, eine Bank oder eine Behörde mit gewachsener SAP-Landschaft entscheidet anders: Beschaffung dauert Monate, Integrationstests sind Pflicht und der Wechsel eines Kernsystems ist ein Mehrjahresprojekt. Das 18-Monats-Verfallsdatum gilt für Consumer-nahe und selbstbedienbare Software-Kategorien, nicht automatisch für regulierte oder tief integrierte Unternehmenssoftware.
Hinzu kommt ein struktureller Punkt, den Gartner selbst nicht auflöst: Das Unternehmen verkauft mit Agentic Compass und MoatMap-Advisory genau die Beratungsprodukte, die als Lösung für das diagnostizierte Problem empfohlen werden. Das macht die zugrunde liegenden Zahlen nicht falsch, die Umfragen mit 351 beziehungsweise 2.501 befragten Tech-Führungskräften sind eine solide Datenbasis. Es bedeutet nur, dass die Dringlichkeit der Empfehlung mit Vorsicht zu lesen ist, nicht als neutrales Naturgesetz.
Wer die Technologie-Priorität aus dem CEO-Survey mit Substanz füllen will, beginnt nicht mit einer neuen Ausschreibung, sondern mit einer Bestandsaufnahme. Drei Schritte lassen sich in einem Quartal umsetzen: Erstens den Jahresumsatz pro Vollzeitstelle für die eigene Softwareorganisation ermitteln und gegen die Marktbenchmark von rund 900.000 Euro spiegeln, nicht um die Zahl zu erreichen, sondern um die Lücke zu kennen. Zweitens die zwei stärksten eigenen MoatMap-Dimensionen benennen, meist Kundenbindung durch Prozessintegration und Netzwerkdichte durch Branchenverankerung. Diese Dimensionen gehören in der nächsten Budgetrunde explizit als Investitionsbegründung auf den Tisch, statt stillschweigend vorausgesetzt zu werden. Drittens mit einem bestehenden Großkunden ein Pilotprojekt mit ergebnisbasierter statt nutzungsbasierter Abrechnung starten, um die eigene Organisation auf die Agent-zu-Agent-Logik vorzubereiten, bevor der Wettbewerb sie erzwingt. Wer diese drei Fragen beantworten kann, hat mehr erreicht als jede Erhöhung der Budgetlinie.
Er zeigt, dass Technologie branchenübergreifend zur zentralen Investitionsfrage wird. Er sagt aber nichts darüber, ob das zusätzliche Budget in verteidigbare Vorteile oder in schnell kopierbare Features fließt. Diese Entscheidung trifft jedes Unternehmen selbst.
Weil KI-Funktionen laut Gartner binnen anderthalb bis zwei Jahren zur Commodity werden. Ein Budget kauft Funktionen, aber keine Kundenbindung, keine proprietären Daten und keine Netzwerkdichte. Diese drei Dimensionen entstehen über Jahre, nicht über ein Quartalsbudget.
Kundenbindung und Netzwerkdichte, weil beide auf gewachsener Prozessintegration in bestehenden Branchen beruhen, einem Vorteil, den US-amerikanische AI-native-Startups mit frischer Finanzierung erst aufbauen müssen. Kapitalgetriebene Dimensionen wie finanzielle Hebelwirkung sind für die meisten deutschen Anbieter dagegen schwerer zu erreichen.
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