KI im Vorstand: warum nur 12 Prozent profitieren
Eva Mickler
6 Min. Lesezeit Die Vorstände investieren, doch die Rendite bleibt aus. In der aktuellen PwC-Befragung ...
8 Min. Lesezeit
Jede KI-Roadmap im Konzern endet derzeit beim gleichen blinden Fleck. Sie plant Modelle, Rechenzentren und Fachkräfte, aber sie plant nicht den Stoff, aus dem die Hardware besteht. Gallium, Germanium, Seltene Erden, hochreines Kupfer: Ohne gesicherten Zugang zu diesen Materialien bleibt jede Halbleiter- und KI-Strategie eine Rechnung mit einer offenen Variable. Rohstoffpolitik ist 2026 keine Sache der Einkaufsabteilung mehr. Sie ist Tech-Politik und gehört auf die Vorstandsagenda.
Das Wichtigste in Kürze
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Was ist der Critical Raw Materials Act? Der Critical Raw Materials Act ist eine 2024 in Kraft getretene EU-Verordnung. Sie definiert eine Liste kritischer und strategischer Rohstoffe und setzt Zielmarken dafür, welcher Anteil davon bis 2030 in der EU gewonnen, verarbeitet und recycelt werden soll. Ziel ist es, die Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern zu senken.
Lange galt Rohstoffbeschaffung als ein Thema, das zwei Ebenen unter dem Vorstand entschieden wird. Das stimmt nicht mehr. Die Materialien, an denen KI-Infrastruktur hängt, sind dieselben, um die geopolitisch gerungen wird. Wenn ein Lieferland Exportlizenzen für Gallium an Bedingungen knüpft, ist das keine Einkaufsmeldung. Es ist eine strategische Information, die in dieselbe Sitzung gehört wie die Cloud-Strategie.
Ich habe genug Konzern-Roadmaps gesehen, um das Muster zu kennen. Die KI-Strategie ist sauber durchgerechnet, bis hinunter zur GPU-Generation. Die Frage, woher die Bauteile dieser GPU kommen und wie verwundbar dieser Pfad ist, steht nirgends. Sie wird stillschweigend an einen Hardware-Lieferanten delegiert, der sie wiederum stillschweigend weiterdelegiert. Am Ende der Kette steht ein einzelnes Land. Das weiß niemand im Konzern genau.
Genau diese Lücke macht die Rohstofffrage zur Chefsache. Nicht weil der CIO selbst Bergbau betreiben soll, sondern weil das Risiko sonst niemandem gehört. Eine Abhängigkeit ohne Eigentümer im Organigramm wird im Ernstfall zur Überraschung. Und Überraschungen in der Lieferkette sind teuer.
Quelle: Internationale Energieagentur, Critical Minerals Reviews
Diese Konzentration ist der eigentliche Punkt. Nicht der Abbau im Boden ist der Engpass, sondern die Verarbeitung. Ein Material kann an vielen Orten der Welt aus dem Gestein kommen und trotzdem fast nur an einem Ort raffiniert werden. Wer von Diversifizierung spricht, aber nur die Mine meint und nicht die Raffinerie, hat das Problem nicht verstanden.
Die EU hat mit dem Critical Raw Materials Act zum ersten Mal verbindliche Zielmarken gesetzt, statt nur Absichtserklärungen zu formulieren. Drei davon sind für die Tech-Branche entscheidend und teilen alle dasselbe Zieljahr.
Für die Geschäftsleitung ist die letzte Zeile die wichtigste. Die 65-Prozent-Marke ist kein abstrakter Außenhandelswert, sondern eine Vorgabe, die sich nach unten weiterreicht. Wer in die EU liefert, wird zunehmend nachweisen müssen, dass die eigene Lieferkette dieser Logik folgt. Ein Hardware-Beschaffungsvertrag ohne Herkunftstransparenz wird damit über die Zeit zum Problem.
Wichtig zur sauberen Einordnung: Der Critical Raw Materials Act ist eine Zielsetzung mit Hebeln, kein automatischer Schalter. Er beschleunigt Genehmigungen für strategische Projekte, verlangt Risikoanalysen von großen Unternehmen und schafft einen Rahmen für gemeinsame Beschaffung. Was er nicht kann, ist eine Raffinerie über Nacht bauen. Der Zeithorizont ist die zweite Hälfte des Jahrzehnts. Genau deshalb müssen die Entscheidungen jetzt fallen.
Die Verwundbarkeit liegt selten dort, wo der Vorstand sie vermutet. Sie liegt selten beim großen Chip-Hersteller, dessen Namen jeder kennt. Verwundbar ist meist die Ebene darunter: ein spezialisierter Zulieferer, der ein einzelnes Material in der nötigen Reinheit liefert.
Drei Bruchstellen tauchen in Risikoanalysen immer wieder auf. Die erste ist die Verarbeitungsstufe. Ein Material lässt sich an mehreren Orten abbauen, aber die Raffination zu Halbleiter-Qualität konzentriert sich auf wenige Anlagen. Fällt eine aus, durch Exportkontrolle, Unfall oder politische Entscheidung, gibt es keine schnelle Alternative.
Die zweite Bruchstelle ist die fehlende Sichtbarkeit. Die meisten Konzerne kennen ihren direkten Lieferanten und vielleicht noch dessen Vorlieferanten. Was darunter liegt, ist eine Blackbox. Wenn die kritische Abhängigkeit aber auf der vierten Ebene sitzt, hilft die beste Vertragsbeziehung zur ersten Ebene nichts.
Die dritte Bruchstelle ist die Annahme, dass ein hoher Preis das Problem löst. Bei einer echten Verknappung geht es um die Zuteilung. Der Preis ist dann zweitrangig. Wer keine vertraglich gesicherte Liefermenge hat, steht in der Schlange, egal wie viel er zu zahlen bereit ist. Geld ersetzt keinen Liefervertrag.
Aus der Analyse folgt eine überschaubare Liste konkreter Schritte. Keiner davon ist exotisch, aber jeder braucht eine Entscheidung auf einer Ebene, die heute oft nicht eingebunden ist.
Erstens: Herkunftstransparenz vertraglich einfordern. Hardware-Rahmenverträge brauchen eine Klausel, die den Lieferanten verpflichtet, die Herkunft kritischer Materialien offenzulegen, mindestens bis zur Verarbeitungsstufe. Ohne diese Sichtbarkeit lässt sich kein Risiko bewerten.
Zweitens: Mehrquellen-Strategie statt Mehrlieferanten-Illusion. Zwei Lieferanten, die beide aus derselben Raffinerie beziehen, sind eine Quelle, nicht zwei. Eine echte Zweitquelle muss bis zur Verarbeitungsstufe getrennt sein. Das ist teurer und langsamer, aber es ist der Unterschied zwischen Resilienz und ihrer Simulation.
Drittens: Recycling als Beschaffungspfad ernst nehmen. Ausgemusterte Server, Netzwerktechnik und Endgeräte enthalten genau die Materialien, um die es geht. Wer Alt-Hardware bisher als Entsorgungsposten behandelt, verschenkt eine Rohstoffquelle, die der Critical Raw Materials Act ausdrücklich aufwertet.
Eine Rohstoffstrategie kann auf dem Papier vollständig sein und in der Praxis trotzdem nicht wirken. Die folgenden Muster entscheiden in der Regel über den Unterschied.
Der Unterschied zwischen den Spalten ist kein Wissensunterschied. Die meisten Einkaufsorganisationen kennen die Theorie. Was fehlt, ist das Mandat, die teurere und langsamere Variante gegen den kurzfristigen Kostendruck durchzusetzen. Dieses Mandat kann nur von oben kommen.
Die Einordnung oben geht davon aus, dass der Critical Raw Materials Act Wirkung entfaltet. Das ist nicht garantiert. Drei Einwände verdienen eine ehrliche Antwort.
Der erste Einwand ist der Zeithorizont. Eine Raffinerie zu genehmigen, zu bauen und hochzufahren dauert Jahre. Die Zielmarke 2030 ist sportlich. Ein Teil der Kapazität wird bis dahin nicht stehen. Das stimmt. Es ist trotzdem kein Argument gegen die Verordnung, sondern ein Argument dafür, jetzt zu beginnen.
Der zweite Einwand ist der Preis. In der EU verarbeitete Rohstoffe werden auf absehbare Zeit teurer sein als der Weltmarktpreis. Wer reine Kostenoptimierung betreibt, wird das meiden. Die Rechnung ändert sich aber, sobald Versorgungssicherheit als eigener Wert in die Kalkulation eingeht. Genau das erzwingt die geopolitische Lage gerade.
Der dritte Einwand ist die Durchsetzung. Eine Verordnung mit Zielmarken ist nur so stark wie ihre Nachweispflichten. Hier liegt ein realer Schwachpunkt: Solange die Berichtspflichten unscharf bleiben, kann die 65-Prozent-Marke zur Formalie werden. Die Geschäftsleitung sollte deshalb nicht auf perfekte Regulierung warten, sondern die eigene Lieferkette unabhängig davon absichern.
Rohstoffpolitik als Tech-Politik zu behandeln, heißt nicht, ein neues Großprojekt aufzusetzen. Es heißt, drei Punkte auf eine Tagesordnung zu setzen, auf der sie bisher fehlen.
Erstens gehört dem Rohstoffrisiko ein Eigentümer. Eine Person auf C-Level, die berichtet, wo die kritischen Abhängigkeiten liegen und wie belastbar die Gegenmaßnahmen sind. Ohne diese Zuordnung bleibt das Risiko ein Niemandsland.
Zweitens gehört Herkunftstransparenz in jeden neuen Hardware-Vertrag. Nicht als Anhang, sondern als Bedingung. Lieferanten, die nicht offenlegen können, woher ihre kritischen Materialien stammen, sind ein Risiko, das im Vertrag sichtbar werden muss.
Drittens gehört die Materialseite in jede KI- und Infrastruktur-Roadmap. Eine Compute-Planung, die Modelle und Rechenzentren kennt, aber den Stoff der Hardware ausblendet, ist unvollständig. Die Rohstofffrage ist nicht das Ende der Tech-Strategie. Sie ist ihr Fundament.
Weil die Materialien, an denen KI- und Halbleiter-Hardware hängt, dieselben sind, um die geopolitisch gerungen wird. Eine Exportbeschränkung für Gallium oder Seltene Erden trifft direkt die Verfügbarkeit von Rechenkapazität. Damit wird die Materialseite zu einem Risiko, das in dieselbe Planung gehört wie Cloud- und KI-Strategie, nicht zwei Ebenen darunter.
Strategische Rohstoffe sind Materialien, die für Schlüsseltechnologien wie Halbleiter, Batterien und erneuerbare Energien zentral sind und gleichzeitig ein hohes Versorgungsrisiko haben. Dazu zählen unter anderem Seltene Erden, Gallium, Germanium, Lithium und hochreines Kupfer. Der Critical Raw Materials Act führt sie auf einer eigenen Liste und knüpft daran Zielmarken.
Die Vorgabe, dass kein strategischer Rohstoff zu mehr als 65 Prozent aus einem einzigen Drittland stammen soll, reicht sich über die Lieferkette nach unten weiter. Unternehmen, die Hardware in die EU liefern oder dort einsetzen, werden zunehmend Herkunftstransparenz nachweisen müssen. Ein Beschaffungsvertrag ohne diese Transparenz wird über die Zeit zum Compliance- und Versorgungsrisiko.
Nicht zwangsläufig. Zwei Lieferanten, die ihr Material aus derselben Raffinerie beziehen, sind faktisch eine Quelle. Eine belastbare Zweitquelle muss bis zur Verarbeitungsstufe getrennt verlaufen. Echte Diversifizierung bemisst sich an der Raffinerie, nicht an der Zahl der Vertragspartner.
Der Zeithorizont der Zielmarken ist 2030, aber die Vorlaufzeiten sind lang. Vertragsarchitekturen, Zweitquellen und Recyclingpfade aufzubauen, dauert Jahre. Wer erst auf eine konkrete Verknappung reagiert, hat das Zeitfenster verpasst. Die Entscheidungen gehören deshalb in die laufende Jahresplanung, nicht in eine spätere Strategierunde.
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Bildquelle: KI-generiert (Mai 2026), C2PA-Zertifikat im Bild hinterlegt
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