24.06.2026
7 Min. Lesezeit

Eine VMware-Rechnung von 500.000 Euro im Jahr wird unter Broadcom zu zwei Millionen. Solche Sprünge sind seit der Übernahme keine Ausnahme mehr, sondern die neue Verhandlungsbasis. Für die IT-Führung ist das mehr als eine Kostenfrage. Es ist die Abrechnung für jahrelange Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter, und die Frage, was es kostet, da wieder herauszukommen.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Preise haben sich vervielfacht: Seit der Broadcom-Übernahme berichten Unternehmen von Aufschlägen zwischen 300 und über 1.000 Prozent bei der Vertragsverlängerung, plus jährliche Steigerungen danach. Die alte Kalkulation trägt nicht mehr.
  • Der Markt setzt sich in Bewegung: Gartner erwartet, dass bis 2026 die Hälfte der Unternehmen Alternativen testet. Die Wechselbereitschaft ist real, die Anbieter Nutanix, Microsoft und Red Hat rüsten ihre Migrationswerkzeuge auf.
  • Der Exit-Plan ist die eigentliche Verhandlungswaffe: Wer mit einer dokumentierten Alternative in die Verhandlung geht, holt deutlich bessere Konditionen heraus als wer reaktiv verlängert. Die Vorbereitung entscheidet, nicht das Verhandlungsgeschick am Tisch.

Verwandt:SaaS-Portfolios brauchen eine Exit-Strategie  /  Build, Buy oder Partner: die Rechnung davor

Was die Rechnung wirklich sagt

Die Zahlen, die seit der Broadcom-Übernahme aus den Verlängerungsgesprächen dringen, sind keine Randerscheinung. Berichtet werden Aufschläge von 300 Prozent bis über das Zehnfache, je nach Altvertrag und Lizenzmodell. Ein Mittelständler mit einer sechsstelligen VMware-Rechnung sieht plötzlich eine siebenstellige, ein Konzern mit Tausenden Lizenzen einen Millionenbetrag obendrauf. Und die jährlichen Steigerungen von zehn bis zwanzig Prozent danach sind bereits eingepreist.

Hinzu kommt die Umstellung der Lizenzlogik. Broadcom hat das Portfolio auf wenige Bundles eingedampft und Mindestabnahmen eingeführt, zeitweise eine Untergrenze von 72 Kernen pro Vertrag. Wer kleiner ist, zahlt trotzdem dafür. Das verschiebt die Rechnung für viele mittelgroße Umgebungen besonders stark, weil sie für Kapazität bezahlen, die sie nie nutzen.

Für die IT-Führung heißt das: Die VMware-Position ist über Nacht von einem kalkulierbaren Betriebsposten zu einem strategischen Risiko geworden. Sie taucht jetzt im Risikobericht auf, nicht nur im IT-Budget.

Was ist Vendor-Lock-in? Vendor-Lock-in beschreibt die Abhängigkeit von einem einzigen Anbieter, dessen Lösung tief in die eigenen Prozesse eingebaut ist. Ein Wechsel wäre technisch und organisatorisch so aufwendig, dass der Anbieter Preise und Bedingungen weitgehend diktieren kann. Genau diese Position nutzt Broadcom bei VMware konsequent aus.

50 %
der Unternehmen werden laut Gartner bis 2026 ernsthaft Alternativen zu VMware testen. Die Wechselbewegung ist keine Drohkulisse mehr, sondern Marktrealität.
Quelle: Gartner-Prognose zu Distributed Hybrid Infrastructure

Warum Aussitzen die teuerste Option ist

Die naheliegende Reaktion auf eine Schock-Rechnung ist, sie zähneknirschend zu zahlen und auf bessere Zeiten zu hoffen. Genau das ist die schlechteste Strategie. Wer ohne Alternative verlängert, signalisiert dem Anbieter, dass die Abhängigkeit hält, und liefert sich den nächsten Steigerungsrunden aus.

Die Gegenposition ist Vorbereitung. Unternehmen, die mit einer belastbaren Alternative ins Verlängerungsgespräch gehen, erzielen nach übereinstimmenden Marktbeobachtungen deutlich bessere Abschlüsse als jene, die reaktiv unterschreiben. Entscheidend ist die glaubwürdige Möglichkeit, gehen zu können, und die entsteht nur durch echte Vorarbeit. Eine bloße Behauptung am Tisch durchschaut der Anbieter sofort.

Forrester rechnet damit, dass rund jeder fünfte VMware-Kunde die Migration tatsächlich beginnt. Für den CIO bedeutet das zweierlei: Der Wechsel ist machbar, sonst täten ihn nicht so viele. Und der eigene Anbieter weiß das ebenfalls, was den Verhandlungsspielraum für vorbereitete Kunden öffnet.

Die Optionen auf dem Tisch

Zwischen blindem Verlängern und überstürztem Komplettumzug liegt ein breites Feld. Die Alternativen sind reif genug, um ernsthaft geprüft zu werden: Nutanix als integrierte Plattform, Microsoft Hyper-V für Windows-lastige Häuser, Red Hat und KVM im Open-Source-Lager, dazu Proxmox für kleinere Umgebungen und der Weg in Cloud-native Strukturen über Kubernetes. Keine davon ist ein kostenloser Tausch, jede bringt eigene Folgekosten mit.

Was für den Wechsel spricht

  • Schluss mit zweistelligen Preissteigerungen pro Jahr
  • Weniger Abhängigkeit von einer einzigen Roadmap
  • Reife Migrationswerkzeuge der Wettbewerber
  • Verhandlungsmacht auch für den Fall des Bleibens

Was dagegen spricht

  • Migrationsaufwand und Projektrisiko über Monate
  • Schulung der Teams auf eine neue Plattform
  • Abhängigkeiten von Backup, Monitoring und Drittsoftware
  • Neue Lizenzfallen beim nächsten Anbieter

Was die IT-Führung jetzt tun sollte

Die Reihenfolge entscheidet. Zuerst gehört der eigene Bestand auf den Tisch: Wie viele Lizenzen, welche Workloads, welche Abhängigkeiten zu Backup, Storage und Netzwerk. Ohne dieses Inventar ist jede Verhandlung ein Blindflug. Darauf folgt ein nüchternes Modell der Gesamtkosten, das den Wechsel und das Bleiben über drei bis fünf Jahre gegenüberstellt, inklusive Migrationsaufwand und Risikopuffer.

Erst dann lohnt der Pilot. Ein kleiner, ehrlicher Proof of Concept auf einer Alternative liefert die Zahlen, die am Verhandlungstisch zählen, und deckt früh auf, wo es im eigenen Stack klemmt. Mit diesem Material in der Hand verändert sich das Gespräch mit dem Anbieter grundlegend. Der CIO sitzt dann nicht mehr als Bittsteller dort, sondern als jemand mit einer echten Wahl. Genau das ist der Unterschied zwischen einer Schock-Rechnung und einem strategischen Vorteil.

Häufig gestellte Fragen

Warum sind die VMware-Preise so stark gestiegen?

Nach der Übernahme durch Broadcom wurde das Portfolio auf wenige Bundles umgestellt, Dauerlizenzen entfielen zugunsten von Abonnements, und Mindestabnahmen kamen hinzu. In Summe berichten Unternehmen von Aufschlägen zwischen 300 Prozent und über dem Zehnfachen bei der Verlängerung.

Lohnt sich ein Wechsel überhaupt, oder ist Migration zu teuer?

Das hängt von der Größe und Komplexität der Umgebung ab. Entscheidend ist eine ehrliche Gesamtkostenrechnung über mehrere Jahre. Selbst wenn am Ende das Bleiben gewinnt, verbessert ein dokumentierter Wechselplan die Verhandlungsposition spürbar.

Welche Alternativen zu VMware gibt es?

Verbreitet sind Nutanix, Microsoft Hyper-V, Red Hat mit KVM und Proxmox für kleinere Umgebungen. Dazu kommt der Weg in Cloud-native Architekturen über Kubernetes. Jede Option hat eigene Stärken und Folgekosten, eine pauschal beste gibt es nicht.

Wie bereite ich die Verhandlung mit Broadcom vor?

Mit einem vollständigen Lizenzinventar, einem mehrjährigen Kostenmodell für Bleiben und Wechseln und einem kleinen Proof of Concept auf einer Alternative. Dieses Material macht aus einer reaktiven Verlängerung eine Verhandlung auf Augenhöhe.

Betrifft das nur Großkonzerne?

Nein. Durch die Mindestabnahmen trifft es mittelgroße Umgebungen oft überproportional, weil sie für Kapazität zahlen, die sie nicht brauchen. Gerade der Mittelstand sollte die eigene Position früh prüfen, statt auf die nächste Verlängerung zu warten.

Weiterlesen auf Digital Chiefs

Digital ChiefsMidjourneys Medizin-Wette ist ein Strategie-TestDigital ChiefsCloud-Kapazität wird knapp, CIOs müssen jetzt planenDigital ChiefsBosch baut ab, um umzubauen

Mehr aus dem MBF Media Netzwerk

cloudmagazinIngress-NGINX ist abgekündigt: Der Weg zur Gateway API mybusinessfuture13,3 Millionen gehen in Rente: Die Boomer-Lücke kommt securitytodayWenn HCI das Backup zur Angriffsfläche macht

Bildquelle: KI-generiert (Juni 2026)

Diesen Beitrag teilen:

Auch verfügbar in

Weitere Beiträge

18.07.2026

Wie man Open Source ausbremst, ohne es zu verbieten

Benedikt Langer

6 Min. Lesezeit Das schärfste Argument gegen Chinas beste offene KI kommt von einem Mann bei OpenAI. ...

Zum Beitrag
18.07.2026

VINCI zahlt 95 Prozent Prämie für All for One

Angelika Beierlein

8 Min. Lesezeit VINCI Energies zahlt für All for One fast das Doppelte des Börsenkurses, einen Aufschlag ...

Zum Beitrag
17.07.2026

Der Datenanspruch gilt schon für Bestandsflotten

Benedikt Langer

9 Min. Lesezeit Der Zugangsanspruch zu ohne Weiteres verfügbaren Produktdaten gilt seit dem 12. September ...

Zum Beitrag
17.07.2026

NIS2-Organhaftung greift trotz Registrierung

Tobias Massow

9 Min. Lesezeit Rund 11.000 betroffene Unternehmen in Deutschland sind Stand Ende Mai 2026 noch ohne ...

Zum Beitrag
15.07.2026

Token-OPEX: Inference steuert, nicht das Seat-Budget

Angelika Beierlein

9 Min. Lesezeit Token-Kosten sind keine Feature-Line im SaaS-Vertrag. Sie sind variable OPEX pro Workflow ...

Zum Beitrag
15.07.2026

Hardware schlägt Software-Deals – Capex neu sortieren

Benedikt Langer

9 Min. Lesezeit IBM meldet im zweiten Quartal Infrastruktur minus 7 Prozent und zugleich Distributed ...

Zum Beitrag
Ein Magazin der Evernine Media GmbH