KI im Vorstand: warum nur 12 Prozent profitieren
Eva Mickler
6 Min. Lesezeit Die Vorstände investieren, doch die Rendite bleibt aus. In der aktuellen PwC-Befragung ...
7 Min. Lesezeit
Der deutsche ITK-Markt wächst 2026 auf 245,1 Milliarden Euro. KI-Plattformen explodieren um 61 Prozent. Cloud-Software legt 16 Prozent zu. Und trotzdem sinkt bei 24 Prozent der Unternehmen das IT-Budget. Für CIOs entsteht ein Paradox: Die Technologie war nie leistungsfähiger und die Budgets waren selten enger. Wie deutsche IT-Chefs diesen Widerspruch lösen und warum ihre Investitionsentscheidungen den Standort Deutschland prägen.
Der DSAG-Investitionsreport 2026 zeigt die Spaltung: Bei 38 Prozent der DACH-Unternehmen steigt das IT-Gesamtbudget. Vor zwei Jahren waren es noch 43 Prozent. Gleichzeitig sinkt das Budget bei 24 Prozent der Unternehmen, verglichen mit 18 Prozent vor zwei Jahren. Die Schere geht auseinander. Die einen investieren mehr denn je, die anderen kürzen.
Für CIOs bedeutet das: Die Zeiten des linearen Budgetwachstums sind vorbei. 57 Prozent der CIOs stehen laut Gartner unter Druck die Produktivität zu steigern, 52 Prozent müssen gleichzeitig Kosten senken. Und trotzdem planen 87 Prozent ihre KI-Budgets zu erhöhen. Der Widerspruch löst sich nur, wenn CIOs die Innovationsausgaben nicht aus neuem Geld finanzieren, sondern aus Einsparungen im Bestandsbetrieb.
Das ist kein deutsches Phänomen. Aber in Deutschland ist die Fallhöhe größer, weil die Ausgangslage schwieriger ist. Deutsche Unternehmen haben historisch mehr in Hardware und On-Premises-Infrastruktur investiert als US-Konzerne. Die Legacy-Last ist höher, die Cloud-Migration weiter hinten und die Transformationsschulden tiefer. Wer in Deutschland CIO ist, muss gleichzeitig modernisieren und sparen. Das erfordert eine andere Führungsqualität als in einem Cloud-nativen US-Startup.
Die Bitkom-Zahlen geben die Richtung vor: Von den 245,1 Milliarden Euro entfallen 170 Milliarden auf Informationstechnik (plus 5,8 Prozent) und 75,1 Milliarden auf Telekommunikation (plus 1,2 Prozent). Innerhalb der IT sind drei Segmente die Wachstumstreiber.
Software: 58,3 Milliarden Euro, plus 10,2 Prozent. Cloud-Software für öffentliche Clouds allein erreicht 38,3 Milliarden, ein Zuwachs von 16,4 Prozent. Das ist der stärkste Beweis dafür, dass die Cloud-Migration in Deutschland Fahrt aufnimmt, auch wenn sie langsamer ist als in den USA oder Skandinavien.
KI-Plattformen: 4,1 Milliarden Euro, plus 61 Prozent. Nach 62 Prozent Wachstum im Vorjahr. Das ist das dynamischste Segment und gleichzeitig das, in dem der Run-Transform-Konflikt am deutlichsten wird. KI-Investitionen erfordern neue Infrastruktur (GPU-Cluster, MLOps-Plattformen) und neue Fähigkeiten (Prompt Engineering, Model Governance). Beides kostet Geld das woanders eingespart werden muss.
Infrastruktur: Die Investitionen in TK-Infrastruktur steigen um 4,6 Prozent auf 8,5 Milliarden Euro. Das betrifft weniger die CIO-Budgets direkt als die Grundlage für alles andere: Cloud-Migration, Edge-Architekturen und datengetriebene Produktion hängen an der Netzqualität.
Laut KPMG Global Tech Report investieren 84 Prozent der Unternehmen weltweit mehr in KI. 68 Prozent wollen bis Ende 2026 das höchste KI-Reifegrad-Level erreichen. Aber nur 24 Prozent sind dort. Die Diskrepanz zwischen Ambition und Realität ist die zentrale Herausforderung für CIOs.
Allianz: Von Digital-first zu AI-first. Die Allianz hat unter der Leitung von Axel Schell (CTO und Transformation) ihre Mainframe-Migration abgeschlossen und spart damit jährlich einen zweistelligen Millionenbetrag. Das freiwerdende Kapital fließt in ein „AI-first Execution Model“: Statt digitale Projekte schrittweise umzusetzen, nutzt die Allianz KI um die Übersetzung von Business Requirements in technische Spezifikationen drastisch zu beschleunigen. CEO Oliver Bäte betont, dass KI die parallelen Legacy/New-System-Phasen verkürzt. Für den CIO bedeutet das: Die Einsparungen von gestern finanzieren die Innovation von morgen. Ohne neues Budget.
Die Einsparungen von gestern finanzieren die Innovation von morgen. Ohne neues Budget.
Allianz-Modell: Mainframe-Savings in KI-Investments umlenken
Deutsche Telekom: KI-Infrastruktur als Plattform. Die Telekom investiert rund eine Milliarde Euro in KI-Infrastruktur, darunter 10.000 GPUs in Zusammenarbeit mit NVIDIA für Europas erste souveräne Industrial AI Cloud. Claudia Nemat, bis Oktober 2025 Vorstand Technologie und Innovation, positionierte die Telekom als „AI-Unternehmen“ mit Fokus auf KI-Agenten statt eigene Large Language Models. Der Nachfolger Abdu Mudesir führt den Kurs fort. Für den CIO-Kontext bedeutet das: Die Telekom-Investition senkt die Eintrittsschwelle für andere Unternehmen. Wer GPU-Kapazität nicht selbst aufbauen will, kann sie als Service beziehen.
SAP: Innovation durch Produktstrategie. Thomas Saueressig, seit März 2026 Chief Customer Officer, setzt den Kurs fort den er als CTO begonnen hat: RISE with SAP liefert bis zu 30 Prozent Kosteneinsparung für Kunden bei gleichzeitiger Modernisierung. Für CIOs, die SAP-Landschaften betreiben, ist das der eleganteste Weg aus dem Run-Transform-Dilemma: Die Cloud-Migration spart Betriebskosten und modernisiert gleichzeitig die Kernprozesse. Kein separates Innovationsbudget nötig.
28 bis 35 Prozent der Cloud-Ausgaben gehen laut FinOps Foundation und DataStackHub für Idle-Ressourcen und überprovisionierte Instanzen drauf. Das sind bei einem Cloud-Budget von 5 Millionen Euro jährlich 1,4 bis 1,75 Millionen verschwendetes Kapital. Strukturierte FinOps-Disziplin reduziert diese Verschwendung um 25 bis 30 Prozent.
Für CIOs unter Kostendruck ist das die attraktivste Finanzierungsquelle für Innovationsprojekte: Das Geld ist bereits im Budget. Es wird nur falsch ausgegeben. Wer FinOps ernst nimmt und nicht als Excel-Übung behandelt, kann signifikante Summen umschichten, ohne ein einziges Mal beim CFO vorstellig zu werden.
Die McKinsey Global Tech Agenda 2026 bestätigt: 50 Prozent der befragten Unternehmen planen IT-Budget-Erhöhungen über 4 Prozent. Aber bei den Top-Performern (den oberen 25 Prozent nach Digital-Maturity) planen 28 Prozent Erhöhungen über 10 Prozent. Die Digital Leaders investieren nicht weniger, sondern klüger. Sie finanzieren die Transformation aus der Transformation selbst.
Die optimistische Lesart („aus Einsparungen finanzieren“) hat Grenzen. Nicht jedes Unternehmen kann sich den Allianz-Mainframe-Exit leisten. Nicht jeder CIO hat die Rückendeckung des Vorstands für eine RISE-with-SAP-Migration. Und FinOps setzt voraus, dass überhaupt nennenswerte Cloud-Ausgaben existieren, was bei vielen Mittelständlern mit On-Premises-Schwerpunkt nicht der Fall ist.
Der DSAG-Report zeigt die andere Seite: Bei 24 Prozent der Unternehmen sinkt das IT-Budget. Diese CIOs können nicht „klüger investieren“. Sie müssen kämpfen um den Status quo zu halten. Für sie ist die Frage nicht „Run oder Transform“, sondern „welche Systeme können wir uns noch leisten“.
Laut KPMG fehlt 53 Prozent der Unternehmen das Talent für digitale Transformation. Das ist ein fundamentaleres Problem als Budgets: Selbst wenn das Geld da wäre, fehlen die Menschen die es sinnvoll ausgeben können. In Deutschland mit seinen 137.000 offenen IT-Stellen (Bitkom) wird das zur strategischen Bedrohung.
1. Application Modernization als Sparmodell. 71 Prozent der CIOs nennen Application Modernization als Top-Priorität laut Gartner. Nicht weil es trendy ist, sondern weil veraltete Anwendungen den teuersten Betrieb verursachen. Jede Legacy-App die in die Cloud migriert oder abgeschaltet wird, setzt Betriebskosten frei.
2. FinOps vom CFO-Reporting zum Architekturprinzip machen. FinOps darf kein monatlicher Report sein. Es muss in die Cloud-Architektur eingebaut werden: Auto-Scaling, Reserved Instances, Spot-Pricing und automatisierte Ressourcen-Abschaltung. Die Automatisierung der Kostenoptimierung spart mehr als jede manuelle Prüfung.
3. KI-Investitionen auf messbare Use Cases fokussieren. 74 Prozent sagen laut KPMG, dass KI Business Value liefert. Aber nur 24 Prozent erzielen ROI über mehrere Use Cases. Der Fehler: zu breit investieren statt gezielt. Drei Use Cases mit nachweisbarem ROI sind besser als zehn Proof-of-Concepts ohne Produktionsbetrieb.
4. Managed Services statt eigener Infrastruktur. Die Deutsche Telekom, SAP und Siemens bieten zunehmend KI-Infrastruktur und Security-Services als Managed Service an. Für CIOs mit begrenztem Budget und begrenztem Team ist das die Möglichkeit, Enterprise-Fähigkeiten ohne Enterprise-Investitionen zu nutzen. Build vs. Buy ist 2026 keine ideologische Frage mehr, sondern eine rechnerische.
Deutschlands CIOs stehen 2026 vor einem Paradox das sie nur durch Disziplin lösen können. Der ITK-Markt wächst auf 245,1 Milliarden Euro. KI explodiert um 61 Prozent. Aber ein Viertel der Unternehmen kürzt IT-Budgets. Die Gewinner werden die CIOs sein, die aus dem Bestandsbetrieb Einsparungen generieren und in KI und Cloud umschichten, ohne auf neues Budget zu warten. Die Allianz macht es mit dem Mainframe-Exit vor, SAP mit RISE und die Telekom mit der KI-Cloud als Service. Für den Standort Deutschland ist das entscheidend: Wenn die CIOs den Spagat schaffen, fließen die 735 Milliarden Euro der Made-for-Germany-Initiative in produktive Infrastruktur. Wenn nicht, bleiben sie als PowerPoint-Versprechen auf den Vorstandsfolien.
Die Faustregel lautet 50/50 (Run vs. Transform), aber viele Legacy-Unternehmen kämpfen mit 80/20. Realistischer Einstieg für den Mittelstand: 70/30, mit dem Ziel innerhalb von drei Jahren auf 60/40 zu kommen. FinOps und Application Modernization finanzieren den Shift.
Laut Branchendaten stieg der KI/ML-Anteil von 2,1 Prozent (2022) auf 8,4 Prozent (2025) und wird bis 2027 auf etwa 13 Prozent prognostiziert. GenAI-Modell-Spending allein wächst 2026 um über 80 Prozent. Die absolute Summe hängt vom Gesamtbudget ab, aber unter 5 Prozent KI-Anteil ist 2026 unterdurchschnittlich.
28 bis 35 Prozent der Cloud-Ausgaben sind typischerweise Verschwendung (Idle, Overprovisioned). Strukturierte FinOps-Disziplin reduziert das um 25 bis 30 Prozent. Bei einem Cloud-Budget von 5 Millionen Euro sind das 350.000 bis 525.000 Euro jährlich, die in Innovation umgeschichtet werden können.
Laut McKinsey investieren 28 Prozent der Top-Performer über 10 Prozent mehr in IT als im Vorjahr. Rund ein Drittel priorisiert Tech-led Business Model Innovation statt nur Effizienz. Der Unterschied: Top-Performer behandeln IT nicht als Kostenstelle sondern als Umsatzhebel.
Beide. Der CIO bringt die technische Machbarkeit, der CEO die strategische Relevanz. Laut KPMG haben Unternehmen mit Board-Level-KI-Governance höhere KI-ROI. KI-Investitionen ohne Vorstandsbeteiligung bleiben Proof-of-Concepts. KI-Investitionen ohne CIO-Expertise werden Fehlinvestitionen.
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Quelle Titelbild: Pexels / fauxels (px:3182812)
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