KI im Vorstand: warum nur 12 Prozent profitieren
Eva Mickler
6 Min. Lesezeit Die Vorstände investieren, doch die Rendite bleibt aus. In der aktuellen PwC-Befragung ...
7 Min. Lesezeit
In unserem Gartner-Bericht vom 07.05. stand das Makro-Bild: 13,5 Prozent IT-Wachstum global, in DACH typisch nur vier bis neun Prozent Zusatzbudget, der Rest muss aus Reallokation kommen. Damit war die Strukturthese gesetzt. Hier wird sie zur operativen Frage: Woher kommen die 30 bis 40 Prozent konkret, mit welcher Zeitspanne, in welcher Reihenfolge – und welche zwei Posten dürfen Sie auf keinen Fall mit reinrechnen, weil sie die KI-Wirkung selbst kaputtfinanzieren. Die meisten CIOs kennen die 40-Prozent-Zahl, kaum einer hat eine belastbare Antwort, woher das Geld kommt. Diese Antwort ist die eigentliche Aufgabe für das Q3-Budget-Gespräch mit dem CFO.
Das Wichtigste in Kürze
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Die typische Budget-Diskussion 2026 läuft in zwei Schritten ab. Im ersten Schritt zeigt der CIO dem CFO die KI-Roadmap: Inferencing-Plattform, Datenpipeline-Modernisierung, neue GPU-Footprints, Plattform-Engineering-Aufstockung. Der CFO fragt nach den Kosten. Der CIO nennt eine Zahl im Bereich 30 bis 40 Prozent des IT-Budgets. Im zweiten Schritt fragt der CFO, woher das Geld kommt. An dieser Stelle hört die meiste Vorbereitung auf.
Die Lücke zwischen Schritt eins und Schritt zwei ist das eigentliche Thema. Wer mit einer Roadmap und ohne Reallokationsplan in das Gespräch geht, bekommt zwei Antworten: entweder eine Kürzung der KI-Roadmap auf das Zusatzbudget oder eine implizite Erwartung, dass die Reallokation „im laufenden Betrieb“ passiert. Beide Ergebnisse beschädigen die KI-Strategie, ohne dass es in der Sitzung sichtbar wird.
Die saubere Variante ist, die 40-Prozent-Frage selbst auf den Tisch zu legen. Welche drei Posten kommen herunter, in welchen Stufen, mit welchem Restrisiko. Diese Vorbereitung verändert das Gespräch komplett. Aus einer Verteidigung der KI-Investition wird eine gemeinsame Diskussion über die größten freien Reserven im IT-Budget.
Das erste Reservoir sind Legacy-Lizenzen. Mainframe-Wartungsverträge, ungenutzte Oracle-Database-Editions, alte Microsoft-Server-Bundles, Citrix-Footprints, die niemand mehr ernsthaft auditiert. In den meisten DAX-Häusern liegen hier zwischen acht und vierzehn Prozent des IT-Budgets. Das Reservoir ist groß, aber die Hebung ist langsam: Vertragslaufzeiten, abhängige Anwendungen, fehlende Migrations-Roadmap. Wer 2026 anfängt, hat die ersten echten Einsparungen 2027 in der Budget-Kasse.
Das zweite Reservoir ist Vendor-Konsolidierung. Doppelte Tools für Monitoring, Logging, Endpoint-Management, Identity-Provider, Backup. Hier sind sechs bis neun Prozent typisch, bei stark gewachsenen Häusern auch mehr. Die Hebung geht schneller, weil Verträge oft jährlich kündbar sind. Politisch ist es trotzdem hart, weil jedes der doppelten Tools einen Eigentümer in der Organisation hat, der Argumente für die Existenz vorbereiten kann.
Das dritte Reservoir ist Capex-Verschiebung. Hardware-Refresh-Zyklen, die ein Jahr verzögert werden, On-Prem-Storage, das in eine Hyperscaler-Reservierung wandert, Refresh von Mitarbeiter-Endgeräten, das auf 50 statt 36 Monate gestreckt wird. Das ist die schnellste Hebung, aber sie ist temporär. Wer das dritte Reservoir 2026 anzapft, muss 2027 die Frage beantworten, ob der Refresh nachgeholt oder weiter gestreckt wird.
Die Versuchung, im Reallokations-Sprint auch Security-Modernisierung und Datenfundament anzutasten, ist groß. Beides verbraucht Budget, beides hat keinen unmittelbar sichtbaren Output, beides würde sich kürzen lassen, ohne dass es im aktuellen Quartal weh tut. Das ist genau der Grund, warum diese beiden Posten der falsche Hebel sind.
Security-Modernisierung ist die Voraussetzung dafür, dass KI-Modelle überhaupt sicher in Daten greifen dürfen. Wer 2026 die SIEM-Konsolidierung verschiebt, die Identity-Plattform nicht modernisiert oder das Netzwerk-Segmentierungsprojekt streckt, hat 2027 zwei Probleme: weniger Sicherheit und ein Auditor, der die KI-Pilot-Pipelines nicht freigibt. Die Kosten für die Verschiebung erscheinen in der nächsten NIS2-Berichtsrunde, nicht im aktuellen Q.
Datenfundament ist das zweite Tabu. Datenkataloge, Data-Quality-Tooling, Master-Data-Management, ein funktionierendes BI-Backbone. KI-Modelle sind so gut wie ihr Datenfundament, das ist trivial in der Theorie und schwierig in der Praxis. Wer das Datenprojekt streicht, weil die KI-Plattform mehr Sichtbarkeit bekommt, finanziert die KI-Wirkung kaputt, bevor das erste Modell produktiv läuft.
Der Plan ist eng, aber realistisch. Die meisten dieser Schritte laufen im Tagesgeschäft mit, was wirklich Zeit kostet, ist die saubere Synthese in einer einseitigen Vorlage. Diese Synthese ist das Werkzeug, mit dem die KI-Roadmap im Budget-Gespräch nicht zur Verhandlungsmasse wird.
Im Gespräch mit dem CFO macht ein Detail den Unterschied: die Trennung zwischen „können wir umschichten“ und „werden wir umschichten“. Wer eine Liste von Reallokations-Möglichkeiten vorlegt, bekommt eine Diskussion über jede einzelne Option und wird in die Verteidigung gedrängt. Wer eine Empfehlung mit drei klaren Zahlen vorlegt, bekommt eine Entscheidung.
Die drei Zahlen sind: das Volumen aus Legacy-Lizenzen, das Volumen aus Vendor-Konsolidierung, das Volumen aus Capex-Verschiebung. Plus eine vierte Zahl, die Schutzliste: was nicht angetastet wird und warum. Diese Form respektiert die Zeit des CFO und liefert eine Entscheidungsgrundlage statt einer offenen Diskussion.
Was bleibt, ist die Konsequenz. Eine Reallokation auf dem Papier ist nicht dasselbe wie eine Reallokation in der Realität. Vertragsverhandlungen ziehen sich, politische Eigentümer wehren sich, und die Hardware-Verschiebungs-Slots werden im Notfall doch noch gebraucht. Wer die 40-Prozent-Frage beantwortet hat, hat die wichtigste Vorarbeit geleistet, aber die Umsetzung dauert in den meisten Häusern länger als ein Quartal.
Eine gekürzte KI-Roadmap ist eine politische Entscheidung, keine technische. Die meisten Häuser, die diesen Weg gehen, kürzen am Datenfundament und an Plattform-Engineering, weil diese Posten am leichtesten zu streichen sind. Das Ergebnis ist meistens der Pilot-Friedhof, den Gartner als Hauptmuster der gescheiterten KI-Projekte beschreibt. Wer die KI-Roadmap kürzen will, kürzt sauber, nicht durch Streichen der Voraussetzungen.
Dann ist die Frage nicht der CFO, sondern die Geschäftsleitung. Reallokation in der Größenordnung 30 bis 40 Prozent ist keine CFO-Entscheidung allein, sie ist eine Strategie-Entscheidung der Geschäftsleitung. Der CIO bringt die Vorlage in die Geschäftsleitungs-Sitzung, nicht in den Einzeltermin. Wer das nicht durchsetzt, hat ein Mandats-Problem, kein Budget-Problem.
Managed-Services-Verträge sind ein eigenes Reservoir, das im Lizenz-Inventar oft fehlt. Hier liegen typisch zwei bis vier Prozent des IT-Budgets, die selten neu verhandelt werden. Wer die Verträge prüft, findet meist Vereinbarungen aus 2018 oder früher, die heute nicht mehr marktgerecht sind. Eine Neuverhandlung ist langsamer als eine Vendor-Konsolidierung, aber sie ist sauberer als ein Wechsel.
In den meisten Häusern sind 12 bis 18 Prozent im ersten Jahr realistisch. Die volle 30 bis 40 Prozent dauert zwei bis drei Jahre, weil Vertragslaufzeiten und Migrations-Aufwände dominieren. Wer im ersten Jahr 18 Prozent erreicht, ist auf dem oberen Ende des Realismus. Das KI-Roadmap-Tempo muss zu diesem Pfad passen, nicht umgekehrt.
Ja, im Mittelstand ohne klassische Mainframe-Last und in jungen Tech-Häusern mit kleinen Vendor-Footprints geht es schneller, oft 25 Prozent in 18 Monaten. In Banken, Versicherungen und großen Industriellen mit Mainframe-Anbindung ist das untere Ende des Pfades realistisch, weil Legacy-Anwendungen mit fünfjährigen Migrations-Pfaden dominieren. Die Branche bestimmt das Tempo, nicht die Ambition.
Quelle Titelbild: Wikimedia Commons / Dietmar Rabich (CC BY-SA 4.0)
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