08.05.2026

7 Min. Lesezeit

In unserem Gartner-Bericht vom 07.05. stand das Makro-Bild: 13,5 Prozent IT-Wachstum global, in DACH typisch nur vier bis neun Prozent Zusatzbudget, der Rest muss aus Reallokation kommen. Damit war die Strukturthese gesetzt. Hier wird sie zur operativen Frage: Woher kommen die 30 bis 40 Prozent konkret, mit welcher Zeitspanne, in welcher Reihenfolge – und welche zwei Posten dürfen Sie auf keinen Fall mit reinrechnen, weil sie die KI-Wirkung selbst kaputtfinanzieren. Die meisten CIOs kennen die 40-Prozent-Zahl, kaum einer hat eine belastbare Antwort, woher das Geld kommt. Diese Antwort ist die eigentliche Aufgabe für das Q3-Budget-Gespräch mit dem CFO.

Das Wichtigste in Kürze

  • Die Reallokation ist die eigentliche Story. KI-Infrastruktur kostet im Schnitt 30 bis 40 Prozent des IT-Budgets, das Zusatzbudget bringt typisch nur vier bis neun Prozent. Wer die Differenz nicht aktiv plant, finanziert KI über stillschweigende Kürzungen anderswo.
  • Legacy-Lizenzen sind die größte freie Reserve. In DAX-Häusern liegen acht bis vierzehn Prozent des IT-Budgets in Lizenzen ohne klaren Migrations-Pfad. Das ist kein Sparpotenzial, das ist eine Hypothek.
  • Zwei Posten dürfen Sie nicht streichen. Security-Modernisierung und Datenfundament. Beides ist Voraussetzung für KI-Wirkung, beides erscheint in der CFO-Rasterung als „Kostenposten ohne unmittelbaren Output“.

VerwandtGartner: 13,5 % IT-Wachstum 2026  /  Managed Services: Vorstände irren beim KI-Budget

Warum die 40-Prozent-Frage selten richtig gestellt wird

Die typische Budget-Diskussion 2026 läuft in zwei Schritten ab. Im ersten Schritt zeigt der CIO dem CFO die KI-Roadmap: Inferencing-Plattform, Datenpipeline-Modernisierung, neue GPU-Footprints, Plattform-Engineering-Aufstockung. Der CFO fragt nach den Kosten. Der CIO nennt eine Zahl im Bereich 30 bis 40 Prozent des IT-Budgets. Im zweiten Schritt fragt der CFO, woher das Geld kommt. An dieser Stelle hört die meiste Vorbereitung auf.

Die Lücke zwischen Schritt eins und Schritt zwei ist das eigentliche Thema. Wer mit einer Roadmap und ohne Reallokationsplan in das Gespräch geht, bekommt zwei Antworten: entweder eine Kürzung der KI-Roadmap auf das Zusatzbudget oder eine implizite Erwartung, dass die Reallokation „im laufenden Betrieb“ passiert. Beide Ergebnisse beschädigen die KI-Strategie, ohne dass es in der Sitzung sichtbar wird.

Die saubere Variante ist, die 40-Prozent-Frage selbst auf den Tisch zu legen. Welche drei Posten kommen herunter, in welchen Stufen, mit welchem Restrisiko. Diese Vorbereitung verändert das Gespräch komplett. Aus einer Verteidigung der KI-Investition wird eine gemeinsame Diskussion über die größten freien Reserven im IT-Budget.

Wo das Geld liegt: drei Reservoirs mit unterschiedlicher Reife

8 – 14 %
des IT-Budgets sitzen in DAX-Häusern in Legacy-Lizenzen ohne klaren Migrations-Pfad. Hauptkandidat für die KI-Reallokation, größter politischer Widerstand.
Quelle: Gartner-Bezugnahme zur DACH-Budget-Realität, April 2026

Das erste Reservoir sind Legacy-Lizenzen. Mainframe-Wartungsverträge, ungenutzte Oracle-Database-Editions, alte Microsoft-Server-Bundles, Citrix-Footprints, die niemand mehr ernsthaft auditiert. In den meisten DAX-Häusern liegen hier zwischen acht und vierzehn Prozent des IT-Budgets. Das Reservoir ist groß, aber die Hebung ist langsam: Vertragslaufzeiten, abhängige Anwendungen, fehlende Migrations-Roadmap. Wer 2026 anfängt, hat die ersten echten Einsparungen 2027 in der Budget-Kasse.

Das zweite Reservoir ist Vendor-Konsolidierung. Doppelte Tools für Monitoring, Logging, Endpoint-Management, Identity-Provider, Backup. Hier sind sechs bis neun Prozent typisch, bei stark gewachsenen Häusern auch mehr. Die Hebung geht schneller, weil Verträge oft jährlich kündbar sind. Politisch ist es trotzdem hart, weil jedes der doppelten Tools einen Eigentümer in der Organisation hat, der Argumente für die Existenz vorbereiten kann.

Das dritte Reservoir ist Capex-Verschiebung. Hardware-Refresh-Zyklen, die ein Jahr verzögert werden, On-Prem-Storage, das in eine Hyperscaler-Reservierung wandert, Refresh von Mitarbeiter-Endgeräten, das auf 50 statt 36 Monate gestreckt wird. Das ist die schnellste Hebung, aber sie ist temporär. Wer das dritte Reservoir 2026 anzapft, muss 2027 die Frage beantworten, ob der Refresh nachgeholt oder weiter gestreckt wird.

Was Sie nicht streichen dürfen: zwei Posten mit verzögertem ROI

Die Versuchung, im Reallokations-Sprint auch Security-Modernisierung und Datenfundament anzutasten, ist groß. Beides verbraucht Budget, beides hat keinen unmittelbar sichtbaren Output, beides würde sich kürzen lassen, ohne dass es im aktuellen Quartal weh tut. Das ist genau der Grund, warum diese beiden Posten der falsche Hebel sind.

Security-Modernisierung ist die Voraussetzung dafür, dass KI-Modelle überhaupt sicher in Daten greifen dürfen. Wer 2026 die SIEM-Konsolidierung verschiebt, die Identity-Plattform nicht modernisiert oder das Netzwerk-Segmentierungsprojekt streckt, hat 2027 zwei Probleme: weniger Sicherheit und ein Auditor, der die KI-Pilot-Pipelines nicht freigibt. Die Kosten für die Verschiebung erscheinen in der nächsten NIS2-Berichtsrunde, nicht im aktuellen Q.

Datenfundament ist das zweite Tabu. Datenkataloge, Data-Quality-Tooling, Master-Data-Management, ein funktionierendes BI-Backbone. KI-Modelle sind so gut wie ihr Datenfundament, das ist trivial in der Theorie und schwierig in der Praxis. Wer das Datenprojekt streicht, weil die KI-Plattform mehr Sichtbarkeit bekommt, finanziert die KI-Wirkung kaputt, bevor das erste Modell produktiv läuft.

90-Tage-Plan: Reallokations-Inventar bis zum Q3-Gespräch

Pfad zum CFO-Gespräch
Tag 1 bis 14
Lizenz-Inventar in der eigenen Organisation. Kein Audit-Format, sondern eine ehrliche Liste: was wird wirklich genutzt, was steht still, welche Verträge laufen wann aus. Ein interner Workshop mit Procurement und der eigenen IT-Architektur reicht meist für die Top-15.
Tag 15 bis 35
Vendor-Konsolidierungs-Map. Welche Tool-Kategorien sind doppelt belegt, welche Eigentümer sitzen jeweils dahinter. Diese Map ist die Vorlage für das politische Gespräch, nicht der Konsolidierungs-Beschluss.
Tag 36 bis 60
Capex-Verschiebungs-Szenario mit der Geschäftsleitung. Welche Hardware-Refresh-Slots sind verschiebbar, mit welchem Restrisiko. Ergebnis ist eine klare Liste: nicht „können wir verschieben“, sondern „wir verschieben Slot A um zwölf Monate, Slot B nicht“.
Tag 61 bis 90
Konsolidierte Reallokations-Vorlage für das Q3-Budget-Gespräch. Drei Reservoirs, drei Volumen, drei Zeithorizonte. Plus eine Schutzliste mit Security und Datenfundament als nicht verhandelbar. Diese Vorlage ist die Ausgangsbasis, nicht das Ergebnis.

Der Plan ist eng, aber realistisch. Die meisten dieser Schritte laufen im Tagesgeschäft mit, was wirklich Zeit kostet, ist die saubere Synthese in einer einseitigen Vorlage. Diese Synthese ist das Werkzeug, mit dem die KI-Roadmap im Budget-Gespräch nicht zur Verhandlungsmasse wird.

Was den Unterschied im CFO-Gespräch macht

Im Gespräch mit dem CFO macht ein Detail den Unterschied: die Trennung zwischen „können wir umschichten“ und „werden wir umschichten“. Wer eine Liste von Reallokations-Möglichkeiten vorlegt, bekommt eine Diskussion über jede einzelne Option und wird in die Verteidigung gedrängt. Wer eine Empfehlung mit drei klaren Zahlen vorlegt, bekommt eine Entscheidung.

Die drei Zahlen sind: das Volumen aus Legacy-Lizenzen, das Volumen aus Vendor-Konsolidierung, das Volumen aus Capex-Verschiebung. Plus eine vierte Zahl, die Schutzliste: was nicht angetastet wird und warum. Diese Form respektiert die Zeit des CFO und liefert eine Entscheidungsgrundlage statt einer offenen Diskussion.

Was bleibt, ist die Konsequenz. Eine Reallokation auf dem Papier ist nicht dasselbe wie eine Reallokation in der Realität. Vertragsverhandlungen ziehen sich, politische Eigentümer wehren sich, und die Hardware-Verschiebungs-Slots werden im Notfall doch noch gebraucht. Wer die 40-Prozent-Frage beantwortet hat, hat die wichtigste Vorarbeit geleistet, aber die Umsetzung dauert in den meisten Häusern länger als ein Quartal.

Häufige Fragen

Reicht das Zusatzbudget nicht aus, wenn wir die KI-Roadmap kürzen?

Eine gekürzte KI-Roadmap ist eine politische Entscheidung, keine technische. Die meisten Häuser, die diesen Weg gehen, kürzen am Datenfundament und an Plattform-Engineering, weil diese Posten am leichtesten zu streichen sind. Das Ergebnis ist meistens der Pilot-Friedhof, den Gartner als Hauptmuster der gescheiterten KI-Projekte beschreibt. Wer die KI-Roadmap kürzen will, kürzt sauber, nicht durch Streichen der Voraussetzungen.

Was tun, wenn der CFO die Reallokation nicht annimmt?

Dann ist die Frage nicht der CFO, sondern die Geschäftsleitung. Reallokation in der Größenordnung 30 bis 40 Prozent ist keine CFO-Entscheidung allein, sie ist eine Strategie-Entscheidung der Geschäftsleitung. Der CIO bringt die Vorlage in die Geschäftsleitungs-Sitzung, nicht in den Einzeltermin. Wer das nicht durchsetzt, hat ein Mandats-Problem, kein Budget-Problem.

Welche Rolle spielt Managed Services in der Reallokation?

Managed-Services-Verträge sind ein eigenes Reservoir, das im Lizenz-Inventar oft fehlt. Hier liegen typisch zwei bis vier Prozent des IT-Budgets, die selten neu verhandelt werden. Wer die Verträge prüft, findet meist Vereinbarungen aus 2018 oder früher, die heute nicht mehr marktgerecht sind. Eine Neuverhandlung ist langsamer als eine Vendor-Konsolidierung, aber sie ist sauberer als ein Wechsel.

Wie viel Reallokation ist realistisch im ersten Jahr?

In den meisten Häusern sind 12 bis 18 Prozent im ersten Jahr realistisch. Die volle 30 bis 40 Prozent dauert zwei bis drei Jahre, weil Vertragslaufzeiten und Migrations-Aufwände dominieren. Wer im ersten Jahr 18 Prozent erreicht, ist auf dem oberen Ende des Realismus. Das KI-Roadmap-Tempo muss zu diesem Pfad passen, nicht umgekehrt.

Gibt es Branchen, in denen die Reallokation schneller läuft?

Ja, im Mittelstand ohne klassische Mainframe-Last und in jungen Tech-Häusern mit kleinen Vendor-Footprints geht es schneller, oft 25 Prozent in 18 Monaten. In Banken, Versicherungen und großen Industriellen mit Mainframe-Anbindung ist das untere Ende des Pfades realistisch, weil Legacy-Anwendungen mit fünfjährigen Migrations-Pfaden dominieren. Die Branche bestimmt das Tempo, nicht die Ambition.

Quelle Titelbild: Wikimedia Commons / Dietmar Rabich (CC BY-SA 4.0)

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