KI im Vorstand: warum nur 12 Prozent profitieren
Eva Mickler
6 Min. Lesezeit Die Vorstände investieren, doch die Rendite bleibt aus. In der aktuellen PwC-Befragung ...
7 Min. Lesezeit
Continental spaltet sich in drei Teile. BASF verkauft sein Lacke-Geschäft für 7,7 Milliarden Euro an Carlyle. ThyssenKrupp bringt seine Marinetochter an die Börse und plant weitere Spin-offs. ADNOC hat Covestro für 14,7 Milliarden Euro geschluckt. Der deutsche M&A-Markt erlebt 2026 keine Wiederbelebung, er erlebt eine Strukturrevolution. 1,12-Billionen-Euro Private-Equity-Dry-Powder drücken auf den Markt. Carve-outs ersetzen klassische Übernahmen. Und die Frage auf Vorstandsebene lautet nicht mehr „kaufen oder verkaufen?“ sondern „welche Teile unseres Unternehmens gehören uns eigentlich noch?“
Was bei Continental seit 2024 passiert, ist mehr als eine Restrukturierung. Es ist ein Lehrstück für eine neue Art der Portfolio-Steuerung. Der Konzern hat sich in drei Teile aufgespalten: Aumovio (Automotive) wurde im September 2025 als eigenständiges Unternehmen an die Börse gebracht. ContiTech OESL wurde im Februar 2026 an Regent verkauft. Für das verbleibende ContiTech-Geschäft läuft seit Januar 2026 ein strukturierter Verkaufsprozess. Die Sondereffekte allein beliefen sich 2025 auf 1,718 Milliarden Euro: 248 Millionen für Restrukturierung, 503 Millionen für Abschreibungen, 91 Millionen für Carve-out-Kosten und 681 Millionen für Desinvestitionsaufwendungen.
Das ist keine Notoperation. Es ist eine strategische Entscheidung: Ein diversifizierter Konzern funktioniert nicht mehr wenn die einzelnen Teile unterschiedliche Kapitalanforderungen, Marktzyklen und Wachstumsraten haben. Die Summe der Teile ist mehr wert als das Ganze, aber nur wenn die Teile getrennt agieren können.
ThyssenKrupp folgt demselben Muster: Die Marinetochter TKMS ging im Oktober 2025 an die Börse, ThyssenKrupp behält 51 Prozent. Für die Materials-Services-Sparte steht Ende März 2026 ein Performance-Check an – ein Spin-off mit potenziellem IPO im Herbst ist eine Option, aber noch nicht beschlossen. Die Stahl-Division, einst das Herzstück des Konzerns, sucht weiter nach einer Lösung, der Verkauf an Jindal Steel wird zunehmend fraglich.
BASF hat den vielleicht elegantesten Weg gewählt: Das Lacke-Geschäft (Coatings, 3,8 Milliarden Euro Umsatz) geht für 7,7 Milliarden Euro an Carlyle und die Qatar Investment Authority. Aber BASF behält 40 Prozent. Das Modell: Abspalten ohne komplett loszulassen. Die Cash-Einnahme von 5,8 Milliarden Euro stärkt die Bilanz, die 40-Prozent-Beteiligung sichert den Einfluss und die Partizipation am Wachstum.
Der PE-Markt ist die treibende Kraft hinter der M&A-Welle 2026. Laut dem Bain Global Private Equity Report sitzen Buyout-Fonds auf rund 1,12 Bio. Euro Dry Powder, uneingesetztem Kapital das investiert werden muss. 40 Prozent davon sind älter als zwei Jahre (ein Rekord) und 24 Prozent sogar älter als vier Jahre. Die LPs (Limited Partners, die das Geld zur Verfügung gestellt haben) fordern Rückflüsse.
Der Druck wirkt in zwei Richtungen: PE-Fonds müssen investieren (neue Deals) und gleichzeitig Exits durchführen (alte Beteiligungen verkaufen). Das Investment-to-Exit-Ratio hat sich 2025 auf 2:1 verbessert, nach fast 3:1 in den Vorjahren. Aber der Rückstau an ausstehenden Exits bleibt enorm.
Für deutsche Vorstände bedeutet das dreierlei: Erstens klopfen PE-Fonds häufiger an die Tür mit Kaufangeboten für Unternehmensteile. 55 Prozent der PE-Dealmaker erwägen laut KPMG den Kauf von Carved-out-Assets. Zweitens stehen PE-gehaltene deutsche Unternehmen (STADA, Otto Bock, Springer) vor Ownership-Wechseln die strategische Chancen und Risiken schaffen. Drittens werden die Bewertungen ambitionierter: Der globale Median-Buyout-Multiple steht bei 11,8x EBITDA, ein Allzeit-Rekord.
In Deutschland selbst hat der BVK (Bundesverband Kapitalgesellschaften) für 2025 PE/VC-Investitionen von 15,69 Milliarden Euro verzeichnet, ein Plus von 4 Prozent und der höchste Stand seit 2021. Der PE-Anteil an deutschen M&A-Transaktionen liegt 2026 bei rund 48 Prozent. Jeder zweite Deal hat einen Finanzinvestor auf mindestens einer Seite.
57 Prozent der Corporates verfolgen laut einer KPMG-Erhebung aktiv Portfolio-Rationalisierung und Carve-outs. 71 Prozent der PE-Firmen sind offen für Carve-out-Akquisitionen. 51 Prozent der Corporates erwarten steigende Carve-out-Aktivität in den nächsten 12 bis 24 Monaten.
Warum der Trend gerade jetzt? Drei Treiber kommen zusammen. Erstens: Die Post-Covid-Klarheit. Die Pandemie hat offengelegt welche Geschäftsbereiche unter Stress resilient sind und welche nicht. Vorstände die 2021-2022 noch zögerten, handeln jetzt. Zweitens: Der KI-Imperativ. Unternehmen die in KI investieren wollen, brauchen Kapital. Carve-outs generieren Cash aus Geschäftsbereichen die nicht zum KI-Kern gehören. Drittens: Der PE-Druck. Finanzinvestoren suchen genau solche Einheiten: profitabel, eigenständig führbar, mit klarer Wertschöpfungsstory.
Die größten Herausforderungen laut KPMG: Operatives Disentanglement (52 Prozent), Bewertungskomplexität (43 Prozent) und IT/Daten-Separation (40 Prozent). Besonders der letzte Punkt trifft CIOs hart: Wenn zwei Geschäftsbereiche seit 20 Jahren dasselbe SAP-System nutzen, ist die Trennung ein Projekt das Monate dauert und Millionen kostet. Wer keinen Plan dafür hat, verliert bei der Due Diligence.
Die Bewertungslandschaft zeigt eine wachsende Schere. Deutsche Mittelständler werden im Durchschnitt mit 5,7x EBITDA bewertet. Global stehen Buyout-Multiples bei 11,8x, einem Allzeit-Rekord. Für internationale Käufer sind deutsche Targets damit relativ günstig: profitabel, gut geführt und im internationalen Vergleich moderat bewertet.
Die Nachfolge-Krise verstärkt den Effekt: 569.000 Mittelständler planen laut KfW die Betriebsaufgabe bis 2029. Erstmals übersteigt die Zahl der Stilllegungswilligen die der Nachfolgesuchenden. Für strategische Käufer und PE-Fonds ist das ein Käufermarkt: Mehr Angebot als Nachfrage bei qualifizierten Targets.
Die Kombination aus Nachfolge-Druck, PE-Dry-Powder und dem Bedarf an digitalen Fähigkeiten macht 2026 zum aktivsten deutschen M&A-Jahr seit 2021.
Dr. Michael Drill, CEO Lincoln International Germany (sinngemäß)
Dr. Michael Drill, CEO von Lincoln International Germany, prognostiziert für das Mid-Market-Segment ein Wachstum von 20 Prozent gegenüber 2025.
Die traditionelle Build-vs-Buy-Entscheidung verschiebt sich 2026 zugunsten von Buy. Der Grund: KI-Fähigkeiten intern aufzubauen dauert Jahre. Ein Team aus ML-Engineers, Data Scientists und MLOps-Spezialisten zu rekrutieren kostet in Deutschland ab 500.000 Euro jährlich und die Fachkräfte sind kaum verfügbar. Eine Akquisition eines spezialisierten KI-Startups oder eines Datenanbieters kann denselben Effekt in drei Monaten statt drei Jahren erzielen.
McKinsey beschreibt ein neues „AI M&A Playbook“: Statt klassischer Skaleneffekte geht es bei Tech-M&A 2026 um Talent, proprietäre Daten und Model-IP. Alternative Strukturen gewinnen an Bedeutung: Minority Stakes, Ecosystem-Partnerships und Acqui-Hires (Übernahme eines Unternehmens primär wegen der Mitarbeiter) machen es möglich, KI-Fähigkeiten zu erwerben ohne ein vollständiges M&A durchzuführen.
Für Vorstände bedeutet das: Die M&A-Strategie muss um digitale Akquisitionsziele erweitert werden. Nicht nur „welches Unternehmen passt zu unserem Produktportfolio?“ sondern auch „welche Daten, welche Algorithmen und welche Teams fehlen uns?“
Ein Großteil der M&A-Transaktionen verfehlt laut Branchenschätzungen die ursprünglichen Wertschöpfungsziele. Die häufigsten Gründe: Cultural Fit (das übernommene Team kündigt), IT-Integration (die Systeme passen nicht zusammen) und Überbewertung (der Käufer hat zu viel bezahlt). Bei Carve-outs kommt das Disentanglement-Risiko dazu: Wenn die abgespaltene Einheit operativ nicht eigenständig funktioniert, sinkt ihr Wert schneller als die Due Diligence prognostiziert hat.
Continental hat das schmerzhaft erlebt: 1,718 Milliarden Euro Sondereffekte in einem Jahr zeigen was eine Dreifach-Aufspaltung kostet. BASF Coatings muss nach dem Closing beweisen, dass es ohne den BASF-Verbund genauso innovativ sein kann. Und ThyssenKrupp Steel sucht immer noch nach einer tragfähigen Lösung, nachdem der Jindal-Deal ins Stocken geraten ist.
Die Lehre für Vorstände: Ein Carve-out ist keine Projektarbeit, sondern eine Unternehmensneugründung. Wer die Komplexität unterschätzt, zahlt doppelt: einmal für die Transaktion und einmal für die Nachbesserung.
1. Portfolio-Review erzwingen. Jeder Geschäftsbereich muss die Frage beantworten: Sind wir der beste Eigentümer dieser Einheit? Wenn ein PE-Fonds die Einheit besser führen könnte (mehr Fokus, mehr Investitionsbereitschaft, mehr operative Freiheit), ist ein Verkauf keine Niederlage sondern Strategie.
2. IT-Separierbarkeit prüfen. 40 Prozent der Carve-out-Herausforderungen sind IT-getrieben. CIOs sollten für jeden Geschäftsbereich eine „Carve-out Readiness“ bewerten: Wie lange dauert die SAP-Trennung? Welche shared Services müssten repliziert werden? Was kostet ein eigenständiger IT-Stack?
3. KI-M&A-Pipeline aufbauen. Wer in zwei Jahren KI-Fähigkeiten braucht, muss heute Targets screenen. Das erfordert einen neuen Scouting-Prozess der nicht nur Umsatz und EBITDA bewertet, sondern Datenassets, Team-Qualität und technologische Differenzierung.
4. PE-Dialog aktiv führen. Ob als Käufer (PE-gehaltene Targets), als Verkäufer (Carve-out-Kandidaten) oder als Partner (Minority Stakes): Vorstände die PE-Fonds nur als feindliche Bieter sehen, verpassen strategische Chancen. 48 Prozent aller deutschen M&A-Deals haben einen Finanzinvestor beteiligt. PE ist kein Randphänomen, sondern Mainstream.
Der deutsche M&A-Markt erlebt 2026 eine Strukturrevolution. Continental, BASF und ThyssenKrupp zeigen: Die Zukunft gehört den fokussierten Unternehmen, nicht den Konglomeraten. 1,12-Billionen-Euro PE-Dry-Powder beschleunigen den Umbau. Carve-outs ersetzen klassische Übernahmen als dominantes Muster. Und die Bewertungslücke zwischen deutschem Mittelstand (5,7x) und globalen Buyouts (11,8x) macht deutsche Targets international attraktiv. Für Vorstände ist das eine einmalige Gelegenheit: Wer jetzt sein Portfolio bereinigt, finanziert den Reboot aus eigener Kraft.
Ein Carve-out ist die Abtrennung eines Geschäftsbereichs aus einem Konzern, entweder als Verkauf an einen neuen Eigentümer oder als Spin-off an die Börse. Es ist 2026 dominant weil Konzerne ihre Portfolios fokussieren wollen (KI erfordert Kapital), PE-Fonds genau solche eigenständig führbaren Einheiten suchen und die Bewertungen für fokussierte Unternehmen höher sind als für diversifizierte.
Der Multiplikator reflektiert das Risikoprofil: Abhängigkeit vom Inhaber, begrenzte Skalierbarkeit, oft keine eigene IT-Infrastruktur. Global stehen professionell geführte Buyout-Targets bei 11,8x. Die Lücke macht deutsche KMU attraktiv für PE-Fonds die Professionalisierung als Werttreiber nutzen.
12 bis 24 Monate von der Entscheidung bis zum Closing. Die IT-Separation allein dauert oft 6 bis 12 Monate. Continental hat 2024-2026 insgesamt über zwei Jahre für die Dreifach-Aufspaltung gebraucht und dabei 1,7 Milliarden Euro Sondereffekte verbucht. Unterschätzung des Zeitaufwands ist der häufigste Fehler.
Die Antwort hängt von der Portfoliostrategie ab. Kaufen: wenn digitale Fähigkeiten fehlen die intern nicht schnell genug aufgebaut werden können. Verkaufen: wenn ein Geschäftsbereich unter einem anderen Eigentümer besser wachsen würde. Das BASF-Modell (verkaufen aber 40 Prozent behalten) zeigt, dass die Entscheidung nicht binär sein muss.
PE-Fonds die ihre Beteiligungen verkaufen müssen, schaffen Gelegenheiten für strategische Käufer. STADA (10 Milliarden Euro, von Bain/Cinven an CapVest) ist ein Beispiel. Corporates die PE-Exit-Targets screenen, finden gut professionalisierte Unternehmen zu rationalen Bewertungen.
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Quelle Titelbild: Pexels / Startup Stock Photos (px:7376)
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