Chief AI Officer 2026: Echte Rolle oder der nächste C-Level-Titel?
Tobias Massow
⏱ 9 Min. Lesezeit Der Chief AI Officer ist die am häufigsten angekündigte und am seltensten ...
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Er hat das Unternehmen vor 38 Jahren gegründet. Hat jeden Kunden persönlich akquiriert, jede Krise selbst gelöst, jeden Mitarbeiter eingestellt. Jetzt sitzt er abends allein im Büro und stellt sich eine Frage, auf die ihn niemand vorbereitet hat: Wer bin ich, wenn ich das hier nicht mehr habe? 545.000 Unternehmer in Deutschland stehen vor genau dieser Frage. Und zum ersten Mal in der Geschichte des KfW-Nachfolge-Monitorings planen mehr Inhaber die Schließung als die Übergabe.
Das KfW-Nachfolge-Monitoring, veröffentlicht im Januar 2026, dokumentiert einen Kipppunkt. 109.000 Unternehmen suchen jährlich eine Nachfolgelösung. 114.000 planen die bewusste Stilllegung. Zum ersten Mal ein Überhang auf der Seite der Aufgabe.
Die Zahlen des DIHK machen die Lage noch greifbarer. Die Industrie- und Handelskammern haben 2024 knapp 10.000 Nachfolgeberatungen durchgeführt, 16 Prozent mehr als im Vorjahr und ein Rekordwert. Das Ergebnis: Auf 9.600 übergabereife Betriebe kommen nur 4.000 Übernahmeinteressierte. 5.620 Betriebe stehen ohne einen einzigen Interessenten da. Nicht ohne den richtigen Nachfolger, sondern ohne überhaupt einen.
Quelle: DIHK Unternehmensnachfolge-Report 2025 (knapp 10.000 IHK-Beratungen)
Die demografische Schere erklärt den Trend. 39 Prozent der Inhaberinnen und Inhaber sind über 60 Jahre alt, ein historischer Rekord. Das Durchschnittsalter liegt bei 54 Jahren. Vor zwei Jahrzehnten war es noch 45. Gleichzeitig ist die Zahl der Übernahmegründungen von 203.000 im Jahr 2002 auf 45.440 im Jahr 2023 eingebrochen. Die Generation, die übernehmen könnte, ist kleiner, hat andere Karrierepläne und ist oft nicht bereit, dieselben Opfer zu bringen wie ihre Eltern.
Über den Generationenwechsel wird meistens in Zahlen gesprochen. Kaufpreis, Bewertungsmultiple, Finanzierungsstruktur, steuerliche Gestaltung. Was in den Berichten des KfW und des DIHK nicht steht: Warum 38 Prozent der Inhaber die Übergabe zu spät vorbereiten, obwohl sie wissen, dass fünf bis zehn Jahre Vorlauf nötig wären.
Die Antwort liegt nicht in mangelnder Information. Sie liegt in einem Wort, das in keinem Beratungsgespräch fällt: Identität.
Psychologen sprechen vom sozioemotionalen Vermögen. Inhabergeführte Unternehmen sind nicht nur Wirtschaftseinheiten. Sie sind das Lebenswerk ihrer Gründer. Die Kontrolle, die Reputation, der tägliche Rhythmus, die Rolle als Entscheider, als Arbeitgeber, als jemand, der gebraucht wird. All das ist an das Unternehmen gebunden. Wer übergibt, verliert nicht nur eine Firma. Er verliert eine Version von sich selbst.
Das erklärt, warum rationale Argumente oft nicht reichen. Der Steuerberater rechnet vor, dass die Übergabe steuerlich günstiger wäre als die Schließung. Der IHK-Berater zeigt den Zeitplan. Der Anwalt erklärt die rechtlichen Optionen. Und der Inhaber nickt, verschiebt den nächsten Termin und arbeitet weiter. Nicht aus Ignoranz, sondern aus Angst vor dem Danach.
„Der Generationenwechsel nimmt Fahrt auf. Gleichzeitig entsteht erstmals ein leichter Überhang an Unternehmen, die eine Schließung beabsichtigen. Das ist ein Warnsignal für die gesamte Volkswirtschaft.“
KfW Research, Nachfolge-Monitoring Mittelstand 2025
Für Vorstände und Beiräte, die selbst in der Altersgruppe 55+ sitzen, ist das kein abstraktes Thema. Es betrifft sie persönlich. Und es betrifft ihr Umfeld: den Zulieferer, dessen Gründer nächstes Jahr 65 wird. Den Vertriebspartner, der seit drei Jahren keinen Nachfolger findet. Den Wettbewerber, der plötzlich schließt und dessen Fachkräfte auf den Markt kommen.
Der DIHK dokumentiert, wie Übergaben tatsächlich ablaufen. Die Verteilung hat sich verschoben:
Externe Käufer (50 Prozent): Erstmals die häufigste Nachfolgeform. Private Equity, strategische Käufer oder branchenfremde Investoren. Die Due Diligence fokussiert zunehmend auf digitale Betriebsmodelle und Tech-Debt. Unternehmen mit Legacy-IT erhalten systematisch niedrigere Bewertungen. Aber die Transaktion ist schneller und emotionaler einfacher als die Familiennachfolge, weil sie als Geschäft verhandelt wird, nicht als Erbe.
Familieninterne Übergabe (33 Prozent): Immer noch der Wunsch vieler Inhaber, aber die Realität verschiebt sich. Die nächste Generation hat oft studiert, arbeitet in Konzernen, lebt in einer anderen Stadt. Der Druck, das Lebenswerk fortzuführen, steht gegen den Wunsch nach dem eigenen Weg. Wenn es funktioniert, ist die familieninterne Übergabe die stabilste Lösung. Wenn es nicht funktioniert, hinterlässt sie Narben, die über den Betrieb hinausgehen.
Mitarbeitende (20 Prozent): Management-Buy-Outs gewinnen an Bedeutung. Führungskräfte, die das Unternehmen operativ kennen, minimieren Übergaberisiken. Die Hürde: Kaufpreise sind um 34 Prozent gestiegen. Für einen Betriebsleiter, der sein Erspartes zusammenkratzt, sind 499.000 Euro Durchschnittspreis eine andere Kategorie als für einen Private-Equity-Fonds.
Bewusste Schließung (27 Prozent): Der beunruhigendste Trend. Mehr als jeder vierte Inhaber sieht keine tragfähige Lösung. 92 Prozent davon scheitern nicht am Preis, sondern am fehlenden Menschen. Der DIHK rechnet hoch: Bis zu 250.000 Betriebe könnten in den nächsten zehn Jahren schließen. Das sind nicht nur Arbeitsplätze. Das sind Lieferketten, Ausbildungsplätze, Steuereinnahmen und Ortskerne.
Quelle: DIHK Nachfolge-Report 2025 (Verteilung erfolgreicher Übergaben)
Wer ein Unternehmen kaufen will, schaut 2026 nicht zuerst in die Bilanz. Er schaut in die IT.
Im Rahmen der Due Diligence wird die digitale Infrastruktur systematisch geprüft: ERP-Reifegrad, Automatisierungsgrad, IT-Sicherheit, Datenstrategie. Fehlende Wartungsverträge, veraltete Software und unklare Rechte an eigenentwickelten Lösungen gelten als Red Flags, die Kaufpreise mindern oder zu Nachverhandlungen führen. Der KfW-Digitalisierungsbericht 2024 zeigt, dass die Mehrheit der KMU noch am Anfang der Digitalisierung steht. Im Nachfolgekontext drückt das direkt auf den Verkaufspreis.
Das Bild, das sich Käufern bietet, ist oft ernüchternd: Ein Geschäftsführer, der alle Kundenkontakte im Kopf hat. Ein ERP-System von 2011. Dokumentierte Prozesse existieren nicht, weil „wir wissen ja, wie es läuft“. Wissensmonopole statt Wissenssysteme. Für einen Nachfolger bedeutet das: Er kauft nicht nur ein Unternehmen, er kauft auch dessen technische Schulden.
Die Konsequenz für Vorstände, die eine Übergabe planen: Wer in den letzten drei Jahren vor dem Verkauf in ein digitales Betriebsmodell investiert, verkürzt den Transaktionsprozess und verbessert die Verhandlungsposition. Nicht weil Digitalisierung den Kaufpreis magisch erhöht, sondern weil sie dem Käufer zeigt: Dieses Unternehmen funktioniert auch ohne den Gründer.
Der Generationenwechsel ist nicht nur das Problem der 545.000 Inhaber, die einen Nachfolger suchen. Er ist das Problem jedes Unternehmens, das Zulieferer, Dienstleister oder Vertriebspartner im Mittelstand hat.
Die Branchenverteilung im DIHK-Report zeigt, wo die Engpässe am größten sind: In der Gastronomie und Hotellerie kommen auf einen Interessenten 3,5 übergabereife Betriebe. In der Logistik ist das Verhältnis 4:1. Im Handel stellt jedes vierte Nachfolge-Unternehmen seine Zukunft zur Disposition. 63 Prozent aller betroffenen Betriebe kämpfen zusätzlich mit Fachkräftemangel. Eine Nachfolge unter diesen Bedingungen ist wie ein Hausbau im Sturm.
Für die Führungsebene heißt das: Jeder vierte Lieferant oder Zulieferer könnte in den nächsten drei Jahren verschwinden. Nicht durch Insolvenz, nicht durch Marktversagen, sondern weil ein 63-jähriger Geschäftsführer keinen Nachfolger findet und die Tür zuschließt. Wer seine Lieferkette nicht auf Nachfolgerisiken screent, wird von einer Welle überrascht, die sich seit Jahren ankündigt.
1. Nachfolgeplanung als strategisches Thema behandeln. Nicht als HR-Thema, nicht als Rentenplanung, sondern als strategisches Thema mit eigenem Zeitplan. Der DIHK empfiehlt fünf bis zehn Jahre Vorlauf. 38 Prozent der Inhaber fangen erst ein bis zwei Jahre vorher an. Das ist zu spät.
2. Über das Loslassen reden. Die emotionale Dimension ist kein Weichzeichner, sondern der häufigste Grund für Verzögerungen. Vorstände und Beiräte sollten das Gespräch über Identität, Kontrolle und das Leben nach der Übergabe aktiv führen. Nicht beim Notar, sondern lange vorher.
3. Digitale Reife als Übergabevoraussetzung definieren. Jeder Prozess, der im Kopf einer Person steckt, senkt den Unternehmenswert. Ein dokumentiertes, datengetriebenes Unternehmen ist für jeden Nachfolgetyp attraktiver. Und es funktioniert auch dann noch, wenn der Gründer nicht mehr da ist.
4. Lieferketten auf Nachfolgerisiken screenen. Welche Schlüssellieferanten sind inhabergeführt? Wer ist über 60? Ein systematisches Screening identifiziert Risiken, bevor sie zu Engpässen werden.
5. Den Generationenwechsel als Akquisitionschance nutzen. 545.000 Unternehmen suchen Nachfolger. Für Konzerne und größere Mittelständler ist das auch eine M&A-Gelegenheit. Strategische Ergänzungen zu Konditionen, die vor fünf Jahren nicht denkbar gewesen wären.
545.000 Unternehmen. Jedes davon ist das Lebenswerk eines Menschen, der morgens als Erster kam und abends als Letzter ging. Der seine Mitarbeitenden beim Vornamen kennt und der einen Handschlag für verbindlicher hält als einen Vertrag.
Diese Unternehmen verschwinden nicht, weil sie unprofitabel sind. Sie verschwinden, weil niemand übernimmt. Weil die Nachfolgergeneration kleiner ist, die Kaufpreise gestiegen und das Loslassen schwerer als jede Restrukturierung, die ein Vorstand je verantwortet hat.
Der DIHK rechnet hoch: Über eine Million Arbeitsplätze bis 2030. 250.000 Betriebe in zehn Jahren. Das sind keine abstrakten Zahlen. Das sind Ortskerne, die leerstehen. Lieferketten, die reißen. Wissen, das mit dem Gründer in Rente geht.
Wer das verhindern will, muss zwei Dinge tun: früher anfangen und ehrlicher reden. Über Zahlen, ja. Aber auch über die Frage, die am Anfang dieses Artikels stand. Wer bin ich, wenn ich das hier nicht mehr habe? Die Antwort darauf entscheidet darüber, ob 545.000 Lebenswerke eine Zukunft haben.
Laut DIHK Nachfolge-Report 2025 stehen 9.600 übergabereife Betriebe nur 4.000 Übernahmeinteressierten gegenüber. 5.620 Betriebe haben keinen einzigen Interessenten. Die Lücke hat sich seit 2019 fast verdoppelt.
92 Prozent der geplanten Schließungen scheitern nicht am Preis, sondern am fehlenden Nachfolger. Die Nachfolgergeneration ist zahlenmäßig kleiner, hat andere Karrierepläne und ist oft nicht bereit, inhabergeführte Unternehmen zu übernehmen. Hinzu kommt: Viele Inhaber beginnen die Planung zu spät, weil das Loslassen emotional blockiert.
Der DIHK empfiehlt fünf bis zehn Jahre Vorlauf. Die Einarbeitung des Nachfolgers allein dauert 12 bis 24 Monate. 38 Prozent der Inhaber beginnen erst ein bis zwei Jahre vorher. Das führt zu Zeitdruck, schlechteren Konditionen und häufiger zum Scheitern.
Laut KfW liegt der durchschnittliche Verkaufspreis bei 499.000 Euro. Die Preise sind seit 2019 um 34 Prozent nominal gestiegen (inflationsbereinigt +9,5 Prozent). Die Spanne ist groß und hängt von Branche, Größe und digitaler Reife ab.
Käufer prüfen die IT-Infrastruktur als Teil der Due Diligence. Moderne ERP-Systeme, dokumentierte Prozesse und Cloud-Infrastruktur erhöhen die Attraktivität für Nachfolger. Legacy-IT, personengebundene Wissensmonopole und fehlende Dokumentation sind Kaufpreis-Killer. Die Digitalisierung vor der Übergabe ist keine Kür, sondern Voraussetzung.
Drei Dinge: Lieferketten auf Nachfolgerisiken screenen (jeder vierte Zulieferer könnte wegfallen). Den Generationenwechsel als M&A-Chance nutzen (545.000 potenzielle Akquisitionsziele). Interne Nachfolgeplanung nicht nur für die Führungsebene, sondern auch für kritische Führungspositionen professionalisieren.
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Quelle Titelbild: Pexels / George Morina (px:6918529)
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